BERLIN. Als die Erde auf Big Island bebte, war der Triathlet Stephan Vuckovic gerade zur Besichtigung der Radstrecke auf dem Highway unterwegs. Er saß im Bus, als riesige Brocken von Lavagestein aus der Böschung brachen und auf die Fahrbahn krachten. Kollege Thomas Hellriegel wartete zur gleichen Zeit in Kailua-Kona vor Uncle Billy's Hotel im Auto. "Es war richtig heftig, nebendran sind Äste auf das Dach gefallen, Leute lagen mit dem Rücken auf der Straße", erzählt er.Seit dem stärksten Beben auf Hawaii seit 23 Jahren, das am Sonntag etwa 20 Sekunden dauerte und eine Stärke von 6,6 auf der Momentmagnitude erreichte, haben etliche kleinere Nachbeben die Insel erschüttert. An vielen Stellen ist der Asphalt noch aufgeplatzt, Brücken sind eingestürzt. "Wenn man so etwas erlebt, rückt der Wettkampf in den Hintergrund", sagt Hellriegel. Mit dem Wettkampf meint der Sieger von 1997 den legendären Ironman-Triathlon über 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42 Kilometer Laufen am Sonnabend (18.45 Uhr MESZ)."Nach dem Erdbeben ist es in diesem Jahr natürlich kein normales Rennen. Jetzt gilt es, sich trotz der Ereignisse zu konzentrieren, um eine Top-Leistung abzurufen", sagt Faris Al-Sultan. Der 28-jährige Münchner, dessen Vater aus dem Irak stammt, ist der Titelverteidiger. Normann Stadler, 33, aus Mannheim gewann 2004 auf Hawaii, weshalb das Rennen diesmal von vielen zum deutschen Duell der Sieger stilisiert wird. Die Zuspitzung bietet sich an, zumal die beiden zwar keine offene Feindschaft pflegen, aber auch wenig Sympathie füreinander hegen. Während die beiden vor dem Start also alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen, könnte eine Reihe weiterer deutscher Profis die Situation nutzen, und sich aus dem Hintergrund nach vorne drängen, der Siegprämie von 100 000 Dollar entgegen. Neben Vuckovic und Hellriegel peilen Timo Bracht, Alexander Taubert oder Michael Göhner eine Top-Ten-Platzierung an. "Das Rennen ist offen, weil es in diesem Jahr keinen gibt, der das Geschehen dominiert", sagt Hellriegel. Vuckovic meint: "Dass jemand vorher sagt, er gewinnt, ist im Männerbereich unmöglich." Man wisse ja nie, "wie stark der Wind bläst, ob man im Pazifik Salzwasser schluckt oder ob einem bei der Hitze und Luftfeuchtigkeit Ernährungsfehler unterlaufen".Hawaii ist unberechenbar. Die Vulkaninsel hat gerade erst ihr brutales Gesicht gezeigt. Im Acht-Stunden-Rennen kämpfen die Profis mit Temperaturen um die 40 Grad, hinzu kommt der Mumuku-Wind. Dennoch ist Hawaii ein Paradies: "Du fährst durch schwarze Lavafelder, plötzlich blüht alles in Rot, eine Kurve weiter blüht alles in Gelb, im Meer schwimmen Schildkröten und Delfine", erzählt Vuckovic.Gepackte KofferDer Reutlinger glaubt nicht daran, dass Al-Sultan am Sonnabend wieder als Erster im Ziel einläuft. Seit dem Hawaii-Sieg 2005 hetzte der Münchner von Termin zu Termin. Im Juli bezwang ihn der Australier Chris McCormack in Roth. Vuckovic sagt: "Ich kenne das. Nach meinem Olympia-Silber in Sydney habe ich mein Training nicht annähernd so hinbekommen wie davor. Faris hat viele Rennen gemacht, viele Medientermine, er hat viel für unseren Sport getan. Ich weiß nicht, ob er jetzt noch Energie hat." Siegchancen traut er neben McCormack eher Cameron Brown (Neuseeland) oder einem der belgischen Profis zu.Bei der Wettkampfbesprechung am Donnerstag gab der Veranstalter die Strecke für die 1 800 Teilnehmer, darunter 231 Deutsche frei. Viele von ihnen hielten ihr Gepäck zuletzt wegen leichter Tsunami-Gefahr abreisefertig. Das Beben auf Big Island hat ihnen wohl bewusst gemacht, wie klein und unbedeutend selbst ein Ironman-gestählter Menschenkörper ist, wenn sich die Natur zu voller Größe aufbaut. Faris Al-Sultan hat einmal gesagt, man brauche Demut der Insel gegenüber. "Wenn du sie nicht magst, kannst du auf Hawaii nicht gewinnen."------------------------------Foto: Gewaltige Schäden: Die Strecke für das Rennen auf Hawaii ist dennoch frei.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de