Zum Tag der Deutschen Einheit frage ich mich, wo wir 34 Jahre nach dem Wendeherbst stehen. Immerhin kam die Einheit damals so schnell wie unerwartet. Noch im Herbst 1989 wollten DDR-Bürger:innen Reformen, im November strömten sie in den Westen und wurden mit Sekt und Jubel empfangen, und im Oktober 1990 kam die „Schnellkleber-Einheit“.
Ich war Kind. Für mich schien der Westen wie Geburtstag und Weihnachten zusammen: Zum Mauerfall drückten mir fremde Menschen West-Schokolade und Kaugummis in die Hand. Ein Blumenverkäufer schenkte mir Rosen und seine Frau eine „Schweinchen Dick“-Platte.
Der Ostdeutsche: Jetzt spricht er nicht nur Russisch, jetzt ist er auch noch wütend
Das Erbe der DDR: Von Ampelmännchen bis Halloren-Kugeln
Die Platte habe ich bis heute. Ein Jahr später waren Geburtstag und Weihnachten vergessen. Die Schokolade und Kaugummis konnte ich nicht mehr sehen, und die Schallplatte kannte ich im Schlaf. Mir fehlten meine DDR-Märchenplatten, meine Lieblings-Lakritze und die „Flimmerstunde“. Erst als sie weg waren, wurden sie mir lieb. So ging es vielen.
Denn erst mit dem Untergang der DDR wurden wir zu „Ossis“ – egal wie alt, die DDR, die Wende- und Nachwendezeit prägen unsere Leben. Ein historisches Privileg, könnte man meinen. Wer hat schon solch einen Erfahrungsschatz?
Damals aber knallten mir Kinder in West-Berlin „Ossi-Schwein“ an den Kopf. Danach wollte ich nicht mehr in den Westen. Heute treffe ich gleichaltrige Ostdeutsche, und wir teilen solche Erfahrungen. Vor allem die Nachwendezeit beeinflusste uns. Es gab neue Schulen, neue Werte und Eltern, die das neue System verstehen wollten. Sie suchten nach Arbeit, Orientierung und sozialer Sicherheit. Ich suchte nach Antworten: Warum, zum Beispiel, war Geschichte im Unterricht plötzlich so anders als vor der Wende? War Geschichte nicht einfach das, was passierte? Natürlich war sie das nicht. Geschichte legitimiert soziale Gegenwart. Das heißt, sie ist immer auch eine Frage der Perspektive.
Damals verstand ich das nicht. Ich wollte meine Lakritze und die „Flimmerstunde“ zurück – Einheit hin oder her. Letztlich schusterte sie dann politisch zusammen, was in zwei Gesellschaftssystemen gewachsen war. Sie radierte die DDR aus und schrieb die Geschichte neu. Nebenbei beflügelte die deutsche Einheit weltweit Fantasien. Demokratie, Fortschritt und Aufbau sollten kommen. Sie kamen. Dazu kamen auch strukturelle Armut, Massenarbeitslosigkeit und Sozialverfall – im Osten. Im Westen änderte sich wenig bis nichts.
Schöne Erinnerungen an die Wendezeit
Trotzdem sind die Erinnerungen an den Wendeherbst schön: Menschen, die Geschichte schreiben, weil nichts in Stein gemeißelt ist. Fremde, die sich tränenreich in den Armen liegen – heute geht das nur beim Fußball. Auch deshalb ist die Wendezeit politisch populär.
Viele nutzen sie in eigener Sache: Die AfD geht mit Slogans wie „Vollende die Wende“ auf Stimmenfang, die Linke sieht im Reformpotenzial von damals die Zukunft von morgen, und die CDU setzt auf das Erbe ihres Erfolgskanzlers Helmut Kohl. Daneben beschwören einzelne Möchtegernsternchen am intellektuellen Bücherhimmel den Widerstand gegen Corona, GEZ und Vater Staat als Kampf im Geiste des Jahres 1989.
Bei so viel Geschichtsrevision dreht sich mir der Magen um – fast wie bei zu viel West-Schokolade. Denn das Ausschlachten der Ziele und Arbeit von damals zur Egobefriedigung von heute ist tragisch, und vom Umschreiben der Geschichte hatte ich schon als Kind genug.
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