Nach ihren Maßstäben individuell: Christina Aguileras Doppelalbum "Back to Basics": Das Beste aus den 20ern, 30ern, 40ern und 50ern

Im reifen Alter besinnt sich der Künstler gerne seiner Wurzeln, der geistigen Heimat oder der philosophischen Grundlagen seines Tuns. Wenn Christina Aguilera hingegen mit ihrem dritten Album "Back to Basics", zu deutsch: zurück zu den Grundlagen, will, scheint das doch ein wenig verfrüht.Davon unbeirrt hat sich die inzwischen immerhin 25-jährige Teenie-Pop-Queen entschlossen, eine Hälfte ihres gestern erschienenen Doppelalbums ganz den Großen aus der Jazz- und Bluesgeschichte zu widmen und die andere Hälfte mit kleinen Verbeugungen auszustatten, etwa vor Billie Holiday und Etta James, John Coltrane und Marvin Gaye, wie sie in "Back in the Days" singt.Das Doppelformat dient dabei als Sicherheitsnetz. Es bringt zum einen die vertraute und beim Publikum höchst erfolgreiche Mischung aus Soul, Gospel, HipHop und Powerpop für Aguileras wohlausgestattete, kraftvolle Stimme, durchzogen von einem recht angenehmen Sechziger-Jahre-Touch von Bläsern und Keyboards. Mit den entsprechenden Samples und Arrangements hat sie dabei vor allem DJ Premier unterstützt: der war als eine Hälfte von Gang Starr eine der zentralen Figuren des New Yorker HipHop der Neunzigerjahre und überdies einer der ersten DJs, die das Material für ihre Samples aus dem Jazz der Sechziger holten.Für den zweiten Teil ist Linda Perry verantwortlich: sie wurde erst als Sängerin der 4 Non Blondes und später als Komponistin und Produzentin von Pink, Gwen Stefani und Courtney Love bekannt; seit dem letzten Album "Stripped" ist sie auch mit Aguilera vertraut. Aus Streichern, Bläsersätzen und akustischen Instrumenten bildet sie schwarz-weißen Barjazz, swingende Rock'n'Roll-Nummern und akrobatische Balladen nach, deren beabsichtigte Direktheit allerdings meist unter einem arg glitschigen Sound leidet. Coverversionen gibt es keine, dafür stellt sich jedoch nur gelegentlich, für einen Blues durch ein abgedecktes Mikrophon oder zu einem sachten Gitarrenzupfen, die gewünschte Atmosphäre ein.Der musikalische Stilbruch ist ja vor allem auch ein Vehikel, er soll Aguileras nunmehr dritten Imagewechsel seit 1999 befördern. Nach der Lolita-Laszivität ihres ersten, nach ihr benannten, Albums und dem recht erwachsenen sexualisierten Schlampenlook von "Stripped" zeigt sie sich nun im Booklet als platinblonde Film-Diva einer vagen Vergangenheit, die nach Mode, Gesichtsausdruck und Accessoires irgendwo zwischen den Jahren 1920 und und 1960 liegt.Das heißt aber nicht, dass sie nun züchtiger auftreten will, wie sie in "Still Dirrty", der Fortsetzung eines Hits ihres letzten Albums erklärt. Auch auf den aktuellen Fotos, die Ellen von Unwerth im Vintagestil aufgenommen hat, trägt sie vor allem Wäsche und Badeanzüge, posiert im Lamettabikini mit strammen Matrosen und besingt anzüglich und charmant den "Nasty Naughty Boy".Die Verschärfung ihres Images seit 2001 erklärt Aguilera mit dem Verweis auf ihre "wahre" Persönlichkeit, die unter dem leichtgewichtigen Teenie-Image verborgen geblieben sei. Zum Ausdruck kam diese wahre Persönlichkeit bisher etwa in der Coverversion von "Lady Marmalade" mit Lil' Kim, Mya und Pink, in freizügigen Fotostrecken für Herrenmagazine wie GQ und Maxim, Andeutungen über eine angebliche Bisexualität und die gerade an die Medien lancierte Mitteilung, gerne in der Öffentlichkeit Sex zu haben.Der neuerliche Imagewechsel wird durch die Ablösung ihres Managers Steve Kurtz durch Irving Azoff begleitet. Azoff kennt alle Tricks und Kniffe der Branche, seit er in den mittleren 70ern die Eagles von Musikmogul David Geffen abstaubte (und dafür von Geffen öffentlich geohrfeigt wurde). Dem gefeuerten Kurtz widmet Aguilera, so scheint es, einen ganzen Song, "F.U.S.S.", in dem es nur darum geht, dass sie es auch ohne ihn geschafft hat.Das trotzige Motiv der Selbstbehauptung hat ihre Kunst seit je her geprägt. Es steht im Zentrum einer paradigmatischen Popkarriere, die sie entschlossen verfolgt, seit sie acht ist. Damals trat sie in der US-Sendung "Star Search" auf (dem Vorbild zu unserem "Deutschland sucht den Superstar") und suchte das Rampenlicht beim Absingen der Nationalhymne für Football- und Eishockey-Vereine. Mit dreizehn wurde sie als singende Moderatorin für die Fernsehshow "Mickey Mouse Club" gecastet, wo sie sich die Bildschirmzeit unter anderem mit Britney Spears und Justin Timberlake teilte. Nach deren Ende verschickt ihr Manager Kurtz Demo-Bänder mit Whitney-Houston-Coverversionen, bis Aguilera 1998 mit einem Stück aus dem Soundtrack der Disney-Produktion "Mulan" für den Golden Globe nominiert wird. Ein Jahr später steht ihre niedliche Single "Genie in a Bottle" an der Chartsspitze. und das dazugehörige Debütalbum verkauft satte 12 Millionen Stück.Paradigmatisch ist dieser Erfolg, weil er nichts mehr mit Kirchenchortraining oder Garagenromantik, mit Clubtingelei oder verkannter Songschnitzerei zu tun hat. Er ist vielmehr das Ergebnis leidenschaftlicher Karriereplanung und harter Arbeit. Dazu gehört das Stimmbandtraining, in dessen Verlauf Aguilera hörbar mehr Noten gestemmt hat als etwa ihre direkte Konkurrenzmarke Britney. Daher hört man auch auf "Back to Basics" die willkürlichen Oktavsprünge und Ornamente, die schon seit der R'n'B-Vorgängergeneration von Mary J. Blige bis zu Mariah Carey immer wieder wie Meisterbriefe an die Musik gehängt werden. Je mehr diese Sorte Pop für ein scharf ermitteltes Publikum maßgeschneidert ist, desto mehr klingen die Chiffren der Ekstase und Emotionen wie sportliche Einlagen, sinnleere Zitate eines Soul-Kniffs, der große Gefühle als Repertoire verfügbar machte.Das spiegelt sich auch in den Texten, die sich auf "Back to Basics" meist mit Christina Aguileras Status beschäftigen. Nur einmal, in einem Lied an ihre Mutter, scheinen Erfahrungen aus dem richtigen Leben auf. In "Oh Mother" erzählt sie von ihrem Vater, einem Militär, der Mutter und Kinder misshandelte. Sonst geht es typischerweise, wie in "Here to Stay", darum, dort zu bleiben, wo man schon ist. Und das - verheiratet, sexy und gemeinerweise immer wieder auf den Listen der schlechtestgekleideten Frauen - zum Kampf zu stilisieren.Auf hohem Niveau illustriert diese Leere das Industrielle der Musik. Unter dem enormen Ehrgeiz verschwindet selbst der dumme Spaß am Leben, der Pop noch in seiner künstlichsten Form ausmacht. Christina Aguilera ist mit diesen nach Konfektionskriterien sehr individuellen Aufnahmen durchaus zurückgekehrt zu ihren Wurzeln. Denn die liegen ja im Fernsehen, in Cartoonwelten und einem Gemüt, in dem korrektes Nachsingen die Essenz der Darbietung ist.------------------------------Christina Aguilera: Back to Basics (RCA/SonyBMG)------------------------------Selbst der dumme Spaß am Leben, der noch den künstlichsten Pop ausmachte, ist fort.------------------------------Foto : Hat gerne Sex in der Öffentlichkeit: Christina Aguilera in einem ...

BLZ
15 Min

Im reifen Alter besinnt sich der Künstler gerne seiner Wurzeln, der geistigen Heimat oder der philosophischen Grundlagen seines Tuns. Wenn Christina Aguilera hingegen mit ihrem dritten Album "Back to Basics", zu deutsch: zurück zu den Grundlagen, will, scheint das doch ein wenig verfrüht.Davon unbeirrt hat sich die inzwischen immerhin 25-jährige Teenie-Pop-Queen entschlossen, eine Hälfte ihres gestern erschienenen Doppelalbums ganz den Großen aus der Jazz- und Bluesgeschichte zu widmen und die andere Hälfte mit kleinen Verbeugungen auszustatten, etwa vor Billie Holiday und Etta James, John Coltrane und Marvin Gaye, wie sie in "Back in the Days" singt.Das Doppelformat dient dabei als Sicherheitsnetz. Es bringt zum einen die vertraute und beim Publikum höchst erfolgreiche Mischung aus Soul, Gospel, HipHop und Powerpop für Aguileras wohlausgestattete, kraftvolle Stimme, durchzogen von einem recht angenehmen Sechziger-Jahre-Touch von Bläsern und Keyboards. Mit den entsprechenden Samples und Arrangements hat sie dabei vor allem DJ Premier unterstützt: der war als eine Hälfte von Gang Starr eine der zentralen Figuren des New Yorker HipHop der Neunzigerjahre und überdies einer der ersten DJs, die das Material für ihre Samples aus dem Jazz der Sechziger holten.Für den zweiten Teil ist Linda Perry verantwortlich: sie wurde erst als Sängerin der 4 Non Blondes und später als Komponistin und Produzentin von Pink, Gwen Stefani und Courtney Love bekannt; seit dem letzten Album "Stripped" ist sie auch mit Aguilera vertraut. Aus Streichern, Bläsersätzen und akustischen Instrumenten bildet sie schwarz-weißen Barjazz, swingende Rock'n'Roll-Nummern und akrobatische Balladen nach, deren beabsichtigte Direktheit allerdings meist unter einem arg glitschigen Sound leidet. Coverversionen gibt es keine, dafür stellt sich jedoch nur gelegentlich, für einen Blues durch ein abgedecktes Mikrophon oder zu einem sachten Gitarrenzupfen, die gewünschte Atmosphäre ein.Der musikalische Stilbruch ist ja vor allem auch ein Vehikel, er soll Aguileras nunmehr dritten Imagewechsel seit 1999 befördern. Nach der Lolita-Laszivität ihres ersten, nach ihr benannten, Albums und dem recht erwachsenen sexualisierten Schlampenlook von "Stripped" zeigt sie sich nun im Booklet als platinblonde Film-Diva einer vagen Vergangenheit, die nach Mode, Gesichtsausdruck und Accessoires irgendwo zwischen den Jahren 1920 und und 1960 liegt.Das heißt aber nicht, dass sie nun züchtiger auftreten will, wie sie in "Still Dirrty", der Fortsetzung eines Hits ihres letzten Albums erklärt. Auch auf den aktuellen Fotos, die Ellen von Unwerth im Vintagestil aufgenommen hat, trägt sie vor allem Wäsche und Badeanzüge, posiert im Lamettabikini mit strammen Matrosen und besingt anzüglich und charmant den "Nasty Naughty Boy".Die Verschärfung ihres Images seit 2001 erklärt Aguilera mit dem Verweis auf ihre "wahre" Persönlichkeit, die unter dem leichtgewichtigen Teenie-Image verborgen geblieben sei. Zum Ausdruck kam diese wahre Persönlichkeit bisher etwa in der Coverversion von "Lady Marmalade" mit Lil' Kim, Mya und Pink, in freizügigen Fotostrecken für Herrenmagazine wie GQ und Maxim, Andeutungen über eine angebliche Bisexualität und die gerade an die Medien lancierte Mitteilung, gerne in der Öffentlichkeit Sex zu haben.Der neuerliche Imagewechsel wird durch die Ablösung ihres Managers Steve Kurtz durch Irving Azoff begleitet. Azoff kennt alle Tricks und Kniffe der Branche, seit er in den mittleren 70ern die Eagles von Musikmogul David Geffen abstaubte (und dafür von Geffen öffentlich geohrfeigt wurde). Dem gefeuerten Kurtz widmet Aguilera, so scheint es, einen ganzen Song, "F.U.S.S.", in dem es nur darum geht, dass sie es auch ohne ihn geschafft hat.Das trotzige Motiv der Selbstbehauptung hat ihre Kunst seit je her geprägt. Es steht im Zentrum einer paradigmatischen Popkarriere, die sie entschlossen verfolgt, seit sie acht ist. Damals trat sie in der US-Sendung "Star Search" auf (dem Vorbild zu unserem "Deutschland sucht den Superstar") und suchte das Rampenlicht beim Absingen der Nationalhymne für Football- und Eishockey-Vereine. Mit dreizehn wurde sie als singende Moderatorin für die Fernsehshow "Mickey Mouse Club" gecastet, wo sie sich die Bildschirmzeit unter anderem mit Britney Spears und Justin Timberlake teilte. Nach deren Ende verschickt ihr Manager Kurtz Demo-Bänder mit Whitney-Houston-Coverversionen, bis Aguilera 1998 mit einem Stück aus dem Soundtrack der Disney-Produktion "Mulan" für den Golden Globe nominiert wird. Ein Jahr später steht ihre niedliche Single "Genie in a Bottle" an der Chartsspitze. und das dazugehörige Debütalbum verkauft satte 12 Millionen Stück.Paradigmatisch ist dieser Erfolg, weil er nichts mehr mit Kirchenchortraining oder Garagenromantik, mit Clubtingelei oder verkannter Songschnitzerei zu tun hat. Er ist vielmehr das Ergebnis leidenschaftlicher Karriereplanung und harter Arbeit. Dazu gehört das Stimmbandtraining, in dessen Verlauf Aguilera hörbar mehr Noten gestemmt hat als etwa ihre direkte Konkurrenzmarke Britney. Daher hört man auch auf "Back to Basics" die willkürlichen Oktavsprünge und Ornamente, die schon seit der R'n'B-Vorgängergeneration von Mary J. Blige bis zu Mariah Carey immer wieder wie Meisterbriefe an die Musik gehängt werden. Je mehr diese Sorte Pop für ein scharf ermitteltes Publikum maßgeschneidert ist, desto mehr klingen die Chiffren der Ekstase und Emotionen wie sportliche Einlagen, sinnleere Zitate eines Soul-Kniffs, der große Gefühle als Repertoire verfügbar machte.Das spiegelt sich auch in den Texten, die sich auf "Back to Basics" meist mit Christina Aguileras Status beschäftigen. Nur einmal, in einem Lied an ihre Mutter, scheinen Erfahrungen aus dem richtigen Leben auf. In "Oh Mother" erzählt sie von ihrem Vater, einem Militär, der Mutter und Kinder misshandelte. Sonst geht es typischerweise, wie in "Here to Stay", darum, dort zu bleiben, wo man schon ist. Und das - verheiratet, sexy und gemeinerweise immer wieder auf den Listen der schlechtestgekleideten Frauen - zum Kampf zu stilisieren.Auf hohem Niveau illustriert diese Leere das Industrielle der Musik. Unter dem enormen Ehrgeiz verschwindet selbst der dumme Spaß am Leben, der Pop noch in seiner künstlichsten Form ausmacht. Christina Aguilera ist mit diesen nach Konfektionskriterien sehr individuellen Aufnahmen durchaus zurückgekehrt zu ihren Wurzeln. Denn die liegen ja im Fernsehen, in Cartoonwelten und einem Gemüt, in dem korrektes Nachsingen die Essenz der Darbietung ist.------------------------------Christina Aguilera: Back to Basics (RCA/SonyBMG)------------------------------Selbst der dumme Spaß am Leben, der noch den künstlichsten Pop ausmachte, ist fort.------------------------------Foto : Hat gerne Sex in der Öffentlichkeit: Christina Aguilera in einem Auto.

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