Wenige Wochen nach dem 11. September 2001 flog ich nach New York. Meine Freunde dort hatten mir gesagt, dass die Stadt verwundet sei und die Menschen zutiefst getroffen. Dort, wo die Türme standen, qualmte es noch und es roch nach Verderben. Sie sagten, dass die New Yorker allein wären, Touristen und Geschäftsleute blieben fort. Also besuchte ich Freunde und Familie. Die Stadt war tatsächlich eine andere geworden, so wie die Welt fortan eine andere sein würde.
Nachbarschaftliche Solidarität
An einem Freitag besuchte ich einen Gottesdienst in einer Synagoge in Downtown Manhattan, nicht weit entfernt von dem gewaltigen Loch, das die Flugzeuge gerissen hatten. Die Rabbinerin machte Witze über die Sangeskünste des Kantors, sie sprach über den Wochenabschnitt in der Thora. Sie bemühte sich, ihre Gemeinde aufzumuntern. Mehr als 20 ihrer Mitglieder waren bei dem Anschlag umgekommen. Zum Ende des Gottesdienstes fragte sie, wer diese Woche Nachbarschaftsdienst machen würde. Die Gemeinde hatte sich aufgeteilt, um jene zu schützen, die nach dem Anschlag beschimpft und attackiert werden könnten. Eine Moschee in der Nähe und muslimische Familien. Ganz einfach.
Nach dem Mordanschlag von Pittsburgh war es andersrum. Die muslimische Gemeinde dort hatte sofort angefangen, die jüdischen Nachbarn aufzusuchen, Trost zu spenden und Geld für die Hinterbliebenen zu sammeln. Der Täter von Pittsburgh war ein weißer Antisemit und Rassist. Diese nachbarschaftliche Solidarität ist um so vieles wichtiger als kühle Statements, die zwar die Opfer beklagen, den Rechtsextremismus jedoch weiter kleinreden.
Ebenso relevant wie islamistischer Terror
In den USA beginnt gerade eine Diskussion darüber, ob man vielleicht über die ganze Terrorabwehr nach dem 11. September den hausgemachten Terror aus rechtsextremen Kreisen übersehen und unterschätzt habe. Seit Donald Trumps täglicher Hetze und einer Politik, die auf Hass und Häme setzt, zeigt sich die Gewalt offener. Doch es gab sie auch schon vorher. Sie wurde jedoch nicht als Terror verstanden, denn sie traf eher die Unsichtbaren. Angriffe auf Schwarze und deren Kirchen galten nicht als Terror und gelangten selten in die Schlagzeilen.
Auch bei Amoktaten, die offensichtlich einen rassistischen Hintergrund hatten, wurde diese Dimension ignoriert. Über Infrastrukturen von Milizen und Organisationen, für die das Adjektiv „rechtsextrem“ fast zu harmlos klingt, weiß die Öffentlichkeit wenig. Mit Pittsburgh ist endgültig klargeworden, dass Rechtsextremismus keine Folklore von irgendwelchen Spinnern ist, sondern ebenso relevant wie islamistischer Terror.
Die Welt ist eine andere geworden
Rechtsextremer Terror heißt die große Gefahr. In den USA nach den ungezählten Toten von rassistischen Anschlägen und in Deutschland nach den 194 Opfern rechtsextremer und rassistischer Gewalt allein seit 1990. Ich finde, dass gute, hilfsbereite Nachbarschaft und Solidarität auch der Minderheiten untereinander das wichtigste Gegengift gegen den Hass sind. Davon würde ich mir in Deutschland mehr wünschen.
Dennoch: Auch für die Sicherheitskräfte wird es Zeit, dass die rassistische und antisemitische Terrorgefahr endlich ernst genommen wird. Nach dem 27. Oktober in Pittsburgh riecht es nicht nach Rauch wie am Ground Zero, wohl aber nach Verderben. Denn die Welt ist eine andere geworden.
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