Nach über sechzig Jahren kehren vier verloren geglaubte Gemälde in die Alte Nationalgalerie zurück

Aus dem Dunkel der Geschichte

Sebastian Preuss
4 Min

Die letzten Kriegsheimkehrer wurden 1955 gefeiert. Nachdem Bundeskanzler Konrad Adenauer - unvergessen - auf seiner in Moskau mit Chruschtschow die Freilassung der noch in den sowjetischen Gefangenenlagern verbliebenen Kriegsgefangenen ausgehandelt hatte. Überwältigt beweinten die Deutschen dieses Wiedersehen im zehnten Friedensjahr. Doch die Schatten des Zweiten Weltkrieges sind viel länger, reichen unerbittlich bis in die Gegenwart hinein und sorgen immer wieder, selbst über sechzig Jahre nach dem großen Massaker, für überraschende Schicksalswendungen.Die Spätheimkehrer von heute sind naturgemäß keine Menschen mehr, sondern Objekte, meist Kunstwerke, die nach langer Odyssee zu ihrem rechtmäßigen Besitzer zurückkehren. Die Alte Nationalgalerie in Berlin stellte gestern vier solcher Fälle vor. Es sei ein glücklicher Tag, freute sich Michael Eissenhauer, der Generaldirektor der Staatlichen Museen: "Es ist, als würden wir verlorene Kinder wiederbekommen." Und auch die Kustodin Birgit Verwiebe strahlte, als sie das Schicksal und die Bedeutung der vier Heimkehrer erläuterte.Zwischen 2006 und 2009 tauchten vier Gemälde im Kunsthandel auf, die aus dem Altbestand der Nationalgalerie stammten. In den Kriegswirren gingen sie verloren, nun erst kamen sie wieder ans Licht. Was ihnen in der Zwischenzeit widerfuhr, ist unbekannt. Die Rechtslage ist für die deutschen Museen in solchen Fällen nicht gut. Selbst wenn die Galerien zweifelsfrei ihren Besitz nachweisen können, erlischt der Eigentumsanspruch dreißig Jahre nach dem Verlust. Dann bleibt nur noch der Weg, mit den Besitzern zu verhandeln und eine Einigung über die Rückgabe zu erzielen. In der Regel biete man einen "Finderlohn" an, der ein Zehntel des derzeitigen Marktwertes betrage, erklärte gestern Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.Darauf muss sich ein Kunsteigentümer erst einmal einlassen. Womöglich bezahlte er selbst schon mehr als diese Summe, nicht ahnend, dass es ein Bild aus Museumsbesitz ist. Oder er rechnet bei einer anstehenden Auktion mit einem Erlös, auf den er nun verzichten soll. Wird aber der Anspruch eines Museums erst einmal publik, wird das meist zum Makel. Seriöse Händler lassen die Finger davon, auch potenzielle Interessenten schreckt das oft vom Erwerb ab. Über die Einzelheiten der Einigung für alle vier Heimkehrer hüllten sich Parzinger und Eissenhauer in diskretes Schweigen. Die großen Auktionshäuser, aber auch immer mehr kleinere Galerien - das wurde ausdrücklich gelobt - verhalten sich mittlerweile vorbildlich. So recherchierte die Münchner Kunsthandlung Arnoldi-Livie die Provenienz von Carl Blechens "Weg nach Castel Gandolfo", als ihr 2007 das Bild angeboten wurde. Bald fand man heraus, dass es aus der Nationalgalerie stammen könnte und informierte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Diese konnte das Gemälde als dasjenige identifizieren, das im Zweiten Weltkrieg in den Flakbunker am Zoo ausgelagert worden war und dort 1945 verschwand.Das Museum hatte die lichtdurchflutete Landschaft 1881 erworben, seither hing es als ein Hauptwerk der weltweit größten Blechen-Sammlung immer in der Dauerausstellung. Mit seinen violetten Schatten und dem scheinbar zufälligen Blickwinkel, aber auch der lockeren, einfühlsamen Pinselschrift sei das Bild "eine geniale Vorahnung der modernen Landschaftsmalerei", schrieb 1881 der damalige Museumsdirektor Max Jordan. Sein Nachfolger Hugo von Tschudi zeigte das Bild 1906 in der legendären "Jahrhundertausstellung", und bis heute wird Carl Blechen (1798-1840) als ein genialer Vorläufer Menzels und der französischen Impressionisten hoch geschätzt. Das Bild traf mit einem stark vergilbten Firnis in Berlin ein. Es wurde restauriert und leuchtet jetzt wieder herrlich im südlichen Kolorit, das Blechen nach Preußen brachte. Nach dem Abbau der Carus-Ausstellung im Januar wird das heimgekehrte Gemälde einen Ehrenplatz im Blechen-Saal erhalten.Nicht minder groß ist die Freude über die Rückkehr von Díaz de la Penas stimmungsvollem "Waldinneren" (1874), das 1897 als ein wichtiges Beispiel der Freilichtmaler von Barbizon ins Museum kam. Das Bild war 1945 ebenfalls im Zoo-Bunker verschollen und tauchte 2007 bei Sotheby's auf. Durch die Raubkunst-Datenbank Art Loss Register wurde die Preußen-Stiftung auf Friedrich Eduard Meyerheims "Kinder vor der Haustüre" aufmerksam. Die Biedermeier-Szene sollte beim Zürcher Auktionshaus Koller versteigert werden. Auch hier konnte man sich mit dem Einlieferer über eine Rückkehr nach Berlin einigen. Der Díaz und der Meyerheim sollen, so Verwiebe, in die Schausammlung integriert werden. "Für Charles Hoguet müssen wir uns noch etwas überlegen", sagte die Kustodin. Die kleine Flusslandschaft des Berliner Hugenotten, der um 1850 in Paris die neuesten Franzosen studierte, erinnert an Camille Corot, wird aber wohl auf Dauer kein Publikumsliebling werden.Insgesamt 21 Werke der Nationalgalerie kehrten auf diese Weise zurück. Noch aber hat das Museum 800 Kriegsverluste zu beklagen.------------------------------Foto: Carl Blechen: "Weg nach Castel Gandolfo", 1830. Das Bild verschwand 1945 im Flakbunker am Zoo. 2007 tauchte es im Münchner Kunsthandel wieder auf.Foto: Friedrich Eduard Meyerheim. "Kinder vor der Haustüre", 1852, bei Kriegsende in Schwedt verschollen, vor zwei Jahren in Zürich wieder aufgetaucht.

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