Aus der Satireseite im Nachrichtenmagazin Der Spiegel ist erst einmal nichts geworden. Chefredakteur Wolfgang Büchner hatte sie als Bestandteil der mit der am Montag erscheinenden Ausgabe umgesetzten Reform angekündigt. Polarisieren sollte die „Spam“ genannte Seite des früheren Titanic-Chefs Martin Sonneborn. Am Freitag stellte sich heraus, dass sie doch nicht ins Blatt kommt. Den Leser, der nicht vermisst, was er nicht hatte, wird das nicht stören. Für ihn sind die anderen Neuerungen augenfällig, zuvorderst das Inhaltsverzeichnis auf nur noch einer Seite, die Rubrizierungen, der selektivere Umgang mit Bildern – schließlich: der anonym verfasste Leitartikel und die Kolumnen.
Während sich das Wirtschaftsressort bisher dagegen stemmt, sich einen Kolumnisten mit womöglich der Blattmeinung widersprechenden Ansichten einzuverleiben, werden sich bei Politik und Kultur künftig je drei Kolumnisten abwechseln: Freitag-Verleger und Spiegel-Erbe Jakob Augstein, Jan Fleischhauer und die Schriftstellerin Juli Zeh in der Politik; im Kulturressort Dirk Kurbjuweit, Elke Schmitter und Claudia Voigt.
Den Anfang macht Augstein, der kein Herausgeber geworden ist, nun aber als Kolumnist auch im gedruckten Spiegel einen Fuß in der Tür hat. Eine „große Ehre“, twitterte er. Seine Print-Kolumne heißt nach einem Zitat des Blattgründers „Im Zweifel links“, wie bei Spiegel Online, wo er polarisiert, aktuell mit seiner Sicht auf das Vorgehen Russlands und des Westens in der Ukraine. Dass seine Kolumne sowohl online (dort künftig donnerstags statt montags) und im Heft erscheint, macht Print- und Online-Spiegel nicht unterscheidbarer. Das aber ist Ziel des Projekts „Eisberg“, an dem seit Monaten und immer noch gefeilt wird.
Unruhiges Cover
Zum Start ärgert sich Augstein, dass die Regierung kurz vor Merkels Obama-Besuch Snowdens Befragung vor dem NSA-Untersuchungsausschuss eine Absage erteilt hat: Merkel sei, aus Sicht der USA, „Mitarbeiterin des Monats“. Nicht politik-, aber politikerverdrossen schreibt Kurbjuweit auf der bisher Meldungen vorbehaltenen Kulturauftaktseite. Seine Kolumne heißt „Der Wutbürger“, ein Begriff, den er 2010 selbst im Spiegel geprägt hat.
Namen spielen künftig also eine größere Rolle, nicht so beim intern umstrittenen Leitartikel, der die Sicht der Redaktion ausdrücken soll. Mit dem ohne Autorenzeile versehenen Format, das bei Magazinen wie Economist noch vereinzelt Tradition ist, will der Spiegel Autorität durch Meinungsstärke demonstrieren. Zum Auftakt geht’s um Schröders Party bei Putin. „Reden ja, umarmen nein“, urteilt der Leitartikel. Die Argumente sind bekannt. Womöglich glaubt man, dass Spiegel-Leser nur den Spiegel lesen.
Optisch ist die im Netz mit einem PR-Film beworbene Reform sanft ausgefallen. Eingeleitet worden war sie von Büchners Vorgänger Georg Mascolo mit der Verpflichtung von Art Direktor Uwe C. Beyer und hätte schon unter den kommissarischen Chefredakteuren Martin Doerry (inzwischen zum Autor degradiert) und Klaus Brinkbäumer umgesetzt werden können. Wie geplant, rückt der Spiegel vom monothematischen Titelkonzept ab. Dass das aktuelle Cover unruhig wirkt, liegt jedoch nicht an den drei Themen, die fortan am unteren Heftrand angerissen werden.
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