Es war einer jener seltenen zauberischen Momente, die in der Erinnerung abrufbar bleiben, als wäre es eben erst gewesen: Im April 2018 stand die 87-jährige Faith Ringgold aus New Jersey in einem proppenvollen Hörsaal der Humboldt-Uni und sprach mit dunkler, warmer Stimme über die widerständige Kraft der Kunst gegen Rassismus.
Damals zeigte eine Friedenauer Galerie ihre Textil-Bilder, emotionale, farbknallende Quilts, in denen die Flagge der USA, die in Wachsfarben gefertigten Stars-and-Stripes-Motive, mit denen Jasper John berühmt geworden ist, den markanten (politischen) Bildgrund lieferte. Im Blickpunkt hingen Arbeiten aus Ringgolds „American People“-Zyklus der späten Sechzigerjahre, als Repressionen und Polizeigewalt gegen Schwarze überhandnahmen.
In deren Folge wurde Martin Luther King von weißen Rassisten ermordet, Black Power und Malcolm X führten den Kampf weiter. Ringgolds Kunst drückte Fassungslosigkeit und Trauer angesichts der Gewalt und des Hasses aus. Der Zyklus erzählt die Tragödie der Unterdrückung, des Sterbens, bei dem Schwarze wie Weiße gleichermaßen Opfer sind.
Im MoMA 2022 auf Augenhöhe mit Picasso: Faith Ringgolds Paraphrase auf dessen „Guernica“ (rechts) thematisiert den alltäglichen Rassismus in den USA, links sind „Les Demoiselles d’Avignon“ des Spaniers zu sehen.
© Christina Horsten/dpa
Die aus Harlem stammende schwarze Künstlerin verband traditionelle Textilkunst mit Konzept-Art, nähte politische und soziale Botschaften in die Motive. So brachte sie die afroamerikanische Handwerkskunst des Deckenstickens und des Geschichtenerzählens zusammen. Und auf einem Werk von 1991 tanzten scherenschnittartige Matisse-Figuren übers Bild, mit schwarzer und weißer Haut. In einer Pariser Ausstellung wurde dieses Motiv gefeiert wie eine Ikone.
Vom Mainstream der Zeit ignoriert zu werden, hatte für Ringgold auch etwas Befreiendes, es stärkte ihren Trotz und ihren Mut. So bahnte sie sich ihren eigenen Weg, betont in ihren Werken die Abwesenheit afroamerikanischer Frauen in der weiß und männlich dominierten New Yorker Szene. Sie machte das harte Leben schwarzer Frauen in den USA kunstwürdig. Aber erst zum Ende ihres Lebens bekam sie den ihr gebührenden Platz: eine MoMA-Ausstellung. Ihr Picassos „Guernica“ paraphrasierendes Bild von 1967 ging 2022 als Foto um die Welt. Nun ist die einzigartige Faith Ringgold am 13. April 93-jährig in ihrem Haus in New Jersey gestorben.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de