Bald nachdem ich aus der tiefsten Provinz nach Köln gezogen war, führte mich ein guter Geist an den Kai des damals noch entschieden ungentrifizierten Rheinauhafens. Junge Menschen feierten im rumpeligen ehemaligen Getreidespeicher des Rhenania eine Party. Im Keller aber schlug Jaki Liebezeit auf seine Trommel, wie in Trance, im immer gleichen, um keine hundertstel Sekunde sich verschiebenden Rhythmus. Ein bleicher, langhaarige Gitarrist improvisierte dazu, aber das war nicht so wichtig. Hier, unter dem Wasserspiegel des Rheins, schlug das animalische, mechanische, schamanische Herz von Köln. Das war beinahe ein Initiationsritus, ich war endlich angekommen in der fremden Stadt.
Am Sonntagmorgen, um 11.41 Uhr, ist Jaki Liebezeit im Alter von 78 Jahren in Köln an den Folgen einer beidseitigen Lungenentzündung gestorben. Er sei im Kreise seiner Lieben friedlich eingeschlafen. Das vermeldete die offizielle Facebook-Seite von Spoon Records, dem hauseigenen Plattenlabel von Can, der einzigen Kölner Band, die es jemals zu Weltruhm gebracht hat. Nicht zuletzt dank des Schlagzeugspiels von Liebezeit, das im Ausland als das hervorstechendste Merkmal des Krautrock-Sounds wahrgenommen wurde. Gibt man die Worte „Jaki Liebezeit“ in Google ein, schlägt die Suchmaschine zwei Ergänzungen vor: „Köln“ und „best drummer“.
Ein weithin anerkannter Schlagwerker war der 1938 in Dresden geborene Liebezeit schon lange vor seiner Zeit bei Can. Gleich nach der Schulzeit flüchtete er aus grauer Städte Mauern ins sonnige Barcelona, spielte dort unter anderem in der Band des blinden spanischen Jazz-Pianisten Tete Montoliu und begleitete den traurigen Trompeter Chet Baker. Mitte der 60er Jahre kehrte Liebezeit dann nach Deutschland zurück, um in Köln im Quintett des Trompeters Manfred Schoof zu trommeln. Das hatte wesentlichen Anteil daran, eine eigenständige Variante des amerikanischen Free Jazz in Europa zu etablieren. Wer sich Liebezeits rumorendes, eruptives Spiel auf dessen 1966er Album „Voices“ anhört, käme nicht im Traum auf die Idee, dass dies derselbe Drummer ist, der zwei Jahre später Can mitgründen würde. Die Kölner Band vereinte die Karlheinz-Stockhausen-Schüler Irmin Schmidt und Holger Czukay mit dem jungen Rock-Gitarristen Michael Karoli und kurz darauf auch mit dem schwarzen New Yorker Bildhauer Malcom Mooney. Zusammengehalten aber wurde diese eigenartige Avantgarde-Mixtur von Jaki Liebezeit, der neben dem Jazz auch noch arabische und afrikanische Rhythmen studiert hatte – und sich nun noch einmal völlig neu erfand.
Dizzy Gillespie hatte einmal auf die Frage, was wohl am Ende der rasanten Entwicklung des Jazz stünde, geantwortet: Ein Mann, der auf eine Trommel schlägt. Für Can wurde Jaki Liebezeit zu diesem Mann. „Er spielt wie eine Maschine, nur besser“, lobte sein Bandkollege Holger Czukay. Liebezeit hatte sein Spiel mit äußerster Disziplin aufs Wesentliche reduziert, spielte „motorisch“, wie eine gut geölte Maschine. Ein menschlicher Drumcomputer, noch bevor dessen mechanischer Gegenpart erfunden worden war. Auf diese Weise drang er zu neuen Rhythmen vor, im gleichen Maße hypnotisch wie funky. Sture Wiederholung, stellte sich heraus, ist eine Qualität an sich. Zu Liebezeits Spiel auf Can-Alben wie „Monster Movie“, „Ege Bamyasi“ oder „Tago Mago“ konnte man sich ebenso ins egolose Nirwana verlieren wie den Hintern bewegen. „Can“ war New Yorker Slang fürs Hinterteil, stand nach Liebezeits Definition aber gleichzeitig akronymisch für „Communism, Anarchism, Nihilism“.
Der Ruf der Band wurde weithin gehört, je weiter, desto deutlicher. Zuerst entdeckten britische Neutöner wie Brian Eno (mit dem Liebezeit später auch spielte) und David Bowie die Band, kurz darauf Punkrocker wie die Buzzcocks oder Johnny Rotten von den Sex Pistols, anschließend Indie-Bands wie The Fall, Pavement, Radiohead oder Franz Ferdinand – und schließlich HipHop-Produzenten wie Kanye West und Q-Tip. Man kann Liebezeits Einfluss auf den Alben der Stone Roses und der Talking Heads nachspüren, man kann ihn auf Veröffentlichungen der Eurythmics und Depeche Modes auch selbst spielen hören.
Auch hierzulande machte sich Liebezeit nach der Auflösung von Can nicht rar und trat in schöner Regelmäßigkeit mit seinen Formationen Phantomband, Club off Chaos und Drums off Chaos auf, oder trommelte an der Seite des Elektroniker Burnt Friedmann. Er schlug einfach immer weiter auf die Felle, mit der ihm eigenen Bescheidenheit, ein Weltstar, den man in Kölner Kellern antreffen konnte. „Alle Wege des Trommelns führen zu Jaki Liebezeit“, twitterte Cedric Bixler-Zavala, Frontmann von At-the-Drive-In und The Mars Volta jetzt in Reaktion auf die Todesnachricht.
Kommenden April hätte Liebezeit eigentlich ein großes Konzert zum 50-Jährigen von Can in London geben sollen, zusammen mit Irmin Schmidt, Malcom Mooney, Mitgliedern von Sonic Youth und dem London Symphony Orchestra. Ich hatte Karten gekauft und mich gar nicht mal so sehr darüber gewundert, dass man über den Kanal fliegen muss, um das Beste an Köln angemessen zu würdigen.
Vielleicht wird das Konzert ja nun zum Gedenkgottesdienst umfunktioniert. Was soll man tun als trauern, jetzt wo der manisch voranschreitende Herzschlag der modernen Popmusik ausgesetzt hat?
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