Dieses sich neigende Jahr 2023 begann mit einer Überraschung: Das Zehlendorfer Haus am Waldsee breitete ein Lebenswerk aus, das die neue Direktorin des Kunstortes, Anna Gritz, erst kurz zuvor wiederentdeckt hatte.
Die gleich um die Ecke wohnende bejahrte Künstlerin Margaret Raspé, einst feministische Protagonistin der West-Berliner Szene, war bis dato vergessen. Doch auf einmal feierte alles, was sie unter dem Oberbegriff „Automatik“ schuf, Urständ. Einschließlich des von ihr erfundenen, in die Berliner Kunstgeschichte eingegangenen Kamerahelms.
Margaret Raspé: „Alle Tage wieder – let them swing!“, 1974, Super 8, Farbe, ohne Ton, 20 Min., Filmstill
© M.Raspe/Galerie Molitor/Deutsche Kinemathek
Eben erst wird bekannt, dass diese freigeistige Kunstfrau bereits am 10. November gestorben ist. Sie wurde 90 Jahre alt. Raspé, geboren in Breslau, ausgebildet an der Münchner Kunstakademie und an der West-Berliner HdK, verfolgte in ihrer Kunst einen allumfassenden Ansatz – radikal von ihrem eigenen Alltag aus: Sie baute Installationen und filmte Geschichten von universaler Relevanz. Mit Humor und Sarkasmus verwandelte sie Pflichtprogramm und Küchenkoller der Frauen und Mütter in Kunst, ganz im Geiste von „Semiotics of the Kitchen“ der amerikanischen Feminismus-Pionierin Martha Rosler. Solche Kunst freilich war im männlich dominierten Milieu der Zeit brotlos. Raspés Werk erzählt ohne Lamento vom alltäglich ermüdenden Automatismus, den eine den Lebensunterhalt verdienende, alleinerziehende Mutter dreier Kinder mit wenig Geld aufbringen muss, um nicht im Strudel endloser Pflichten abzusaufen.
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Raspé, stilistisch der Fluxus-Szene und dem Wiener Aktionismus zugeneigt, erfand 1971 den Kamerahelm, wie ihn die Fotoindustrie später auf den Markt brachte: ein Baustellenhelm mit Super-8-Kamera. Raspés Filme befinden sich heute in der Kinemathek: Küchenszenen vom Kuchenteigmixen, Schnitzelklopfen und -braten, eiligem Geschirrspülen, Wäschewaschen. Hausaufgaben-Kontrollieren. Es sind wahrlich Essays vom „Einfachen, das so schwer zu machen ist“, auch wenn der Dramatiker Brecht damit was Anderes meinte. Raspé lud das Alltägliche auf mit Fantasie und Ironie – als Transformation des Banalen in eine höhere Ebene.
Margaret Raspé: „Alle Tage wieder – let them swing!“, 1974, Super 8, Farbe, ohne Ton, 20 Min., Filmstill
© M.Raspe/Galerie Molitor/ Deutsche Kinemathek
Das Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, lädt am 17. Dezember, 16 Uhr, mit der Galerie Molitor, die Raspés Nachlass betreut, zu Gedenkstunde und Book-Launch des Raspé-Katalogs „Automatik“ mit vielen neuen Texten.
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