Berlin - Komm, wir gehen ins Chez Icke. Treffpunkt: die reale Bar. Kreuzberg 36, ein bisschen abseits von den Knotenpunkten der Nacht, ein paar Straßenblöcke entfernt von der Oranienstraße, vom Görlitzer Bahnhof und dem Schlesischen Tor. Der Eingang der Markthalle in der Pücklerstraße liegt im Dunkeln.
Wer ins Chez Icke will, betritt einen Ort, wo die Atmosphäre einem Theater gleicht, nachdem dort der letzte Vorhang gefallen ist. Die Marktstände sind am Abend schon geschlossen. Der Betonboden ist sauber gefegt. Über die Giebel der Hallendecke flirren Lichter einer Discokugel.
Darunter steht eine Box wie die Kulisse eines Filmsets, das Chez Icke: Wände, die mit alten Mustertapeten beklebt sind, Lichterketten, wie man sie aus Biergärten kennt. Und zwischen den Tischen marschiert eine Polonaise, ganz hinten einer, der gerade aufgesprungen ist: „Das will ich auch.“ Wer noch sitzt, guckt unentschlossen, auf die Tanzenden, auf sein Bierglas, auf die Frau, die vorne vor dem Tresen steht, in Flokatiweste und Flokatistiefeln: „Immer, wenn ich traurig bin, geh' ich ins Chez Icke“, singt sie.
„Der Tresen ist ein Symbol für das Gemeinsam-Einsam-Sein“, sagt Gesine Danckwart. Sie steht neben der Flokatifrau, streicht sich die rotblonden Locken aus dem Gesicht und blättert in Papieren. Das Chez Icke ist ihre Idee.
Grenzen verschwimmen
Gesine Danckwart arbeitet eigentlich als Dramaturgin. Sie ist bekannt für ihre Arbeiten, in denen die Grenze zwischen Realität und Inszenierung immer ein bisschen verschwimmt. Im Oktober erst ließ sie ein Stück in Köln aufführen, bei dem die Bühne ein ganzes Stadtviertel war, die Schauspieler die Kiezbewohner mimten. In Berlin arbeitete sie viel mit dem Hebbel am Ufer. Das Theater ist neben dem Hauptstadtkulturfonds und dem Medienboard Berlin-Brandenburg Unterstützer des Chez Icke.
„Mich fasziniert die performative Situation am Tresen“, sagt Gesine Danckwart. Es geht um Anonymität und Selbstdarstellung, um die Unverbindlichkeit, mit der man über Politik, Arbeit, das Leben spricht, mit Fremden, mit Freunden. Die Nacht und der Alkohol, Hemmschwellen fallen, Gedanken schweifen. Das Chez Icke, das „Bei mir“ – die Bar als Ort, an dem viele einzelne Ichs zusammenkommen für die Dauer einer Nacht.
Gesine Danckwart hat ihre Gedanken zur Kneipe festgehalten. Sie stehen jetzt auf den Zetteln, die sie in der Hand hält. Sie sind Teil der Vorstellungen, die an einem Abend im Chez Icke gegeben werden, irgendwo zwischen Improvisationstheater und Kammerspiel, Konzert, Lesebühne und Talkshow. Die Barkeeper schauspielern, Musiker sind eingeladen, Jan Plewka, einst Frontmann von Selig, wird noch kommen, Christiane Rösinger war schon da. Am Tresen sitzt auch Nachtlebenkolumnistin Jackie A. mit ihrem Laptop und bloggt, was ihr zu dem Kneipentheater einfällt.
Gesine Dankwart sagt, auch sie schreibe viele ihre Texte in der Kneipe. „Für mich ist das ein Ort, an dem man die Welt sieht.“ Sie brauche das, an ihrem Küchentisch würde ihr doch der Zugang zur Restwelt fehlen.
Mariechen ist dran
Kontaktaufnahme. Die virtuelle Bar. „Ich wollte das Konzept Stammkneipe hochtunen“, sagt Gesine Danckwart, mit Webcams, die in Echtzeit die Bar mit der Weltgemeinschaft im Internet zusammenbringen. „Wie findest du es hier?“ fragt eine Frau einen jungen Mann an der Bar. Sie trägt einen pinkfarben glitzernden Cowboyhut, vorne über der Krempe sitzt das Auge einer Kamera , die Frau spricht in ein Headset-Mikrofon. „Mariechen ist dran, hast du Lust mit Mariechen zu sprechen?“ Mariechen sitzt irgendwo vor ihrem Laptop und lässt das Chez Icke im Lifestream laufen. Mariechen ist Gast im virtuellen Chez Icke. Sie will nächste Woche kommen, sie würde dann gerne schon jemanden kennen. Deswegen schickt sie die Frau mit dem Cowboyhut – sie nennt sich „Barvatar“ – von zu Hause aus durchs Chez Icke. Sie soll jemanden finden, der auch da sein wird, damit Mariechen nicht alleine ist.
Die Zukunft. Die mobile Bar. Ende Dezember wird das Chez Icke abgebaut. Vielleicht sind noch ein paar Tage mehr drin. Mit den Betreibern der Markthalle kann man gut reden, sagt Gesine Danckwart. Vielleicht sollten all diejenigen, die mit ihren Vermietern und Nachbarn derzeit nicht so gut reden können, verstärkt nachdenken über eine solche mobile Bar. „Du bist zur richtigen Zeit am rechten Ort“, ruft die Barfrau dem Publikum zu, „du bist im Chez Icke!“
Gesine Danckwart würde das Chez Icke gerne woanders wieder aufbauen, am Potsdamer Platz zum Beispiel, und schauen, was ein anderer Ort mit ihrer Zukunftsbar macht.
Chez Icke, Pücklerstraße 34 oder www.chez-icke.com, immer donnerstags bis sonnabends ab 20 Uhr
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