Nachtruhe in Friedrichshain

Über Sinn und Unsinn der Sperrstunde

Wo kommt sie her? Und ist sie wirklich die letzte Hoffnung im Partykiez?

Anne Lena Mösken
4 Min
Ballermanns Rache: Die Simon-Dach-Straße ist vor allem im Sommer beliebt bei Touristen aus Spanien und der Welt.

Ballermanns Rache: Die Simon-Dach-Straße ist vor allem im Sommer beliebt bei Touristen aus Spanien und der Welt.

© imago/Hohlfeld

Es gab Zeiten, da waren die Straßenschilder im Simon-Dach-Kiez überklebt mit einem neuen Namen: Ballermanns Rache.  Was hat der Bezirk seitdem nicht alles versucht, um endlich der Touristen aus Spanien, Deutschland und der Welt Herr zu werden und  für nächtliche Ruhe rund um den Boxhagener Platz zu sorgen! Zuletzt liefen Pantomime durch die Straßen, die lärmende Biergartengäste mit großer Geste mahnten, doch bitte leise zu sein. Gebracht hat es alles nichts.

Jetzt soll es ab Mai eine neue Sperrstunde geben. Nach 23 Uhr dürfen die Bars und Restaurants draußen ihre Gäste nicht mehr bedienen. Ob dann tatsächlich endlich kleinstädtische Nachtruhe in Friedrichshain herrscht oder die Bürgersteige vor den Spätis die neuen Szenekneipen werden – Sperrstunden haben schon so manches bewirkt,  aber nur selten, dass weniger getrunken wird. Eine kleine Kulturgeschichte.

Die Curfew Das englische Wort für die Sperrstunde erzählt viel über deren Entstehung. Es stammt aus dem Mittelenglischen, das wiederum seine Wurzeln im  Anglofranzösischen  hat: „Coverfeu“ bezeichnete den Glockenschlag, der das Signal gab, alle Feuer in der Stadt zu löschen oder zumindest abzudecken. Im Mittelalter waren die Häuser oft aus Holz gebaut und standen eng beieinander. Coverfeu sollte Brände verhindern, die schnell zu einer Katastrophe geführt hätten. Später blieb der Glockenschlag als Mittel der Regulierung und Repression. Wilhelm der Eroberer fürchtete Feuer als Stätten möglicher nächtlicher Verschwörung.  Ein paar Jahrhunderte später läutete die Glocke dann nur noch aus Tradition. Es blieb das Wort: curfew.

Wem die Stunde schlägt Ein Relikt der Sperrstunde ist ein kleines Accessoire, das bis heute viele Tresen ziert: eine kleine Glocke, die der Wirt läutet, um die letzte Runde anzukündigen – gut hörbar bis vor die Tür und vom Klang her assoziert mit Autorität. Berühmt ist die Glocke in der St. Stephen’s Tavern, die neben dem britischen Parlament liegt. Dort signalisiert das Läuten den Abgeordneten, dass es Zeit ist, sich in den Sizungssaal zurückzubegeben; es sind dann nämlich noch genau acht Minuten – oder ein Pint – bis zur nächsten Abstimmung. In Berliner Kneipen wird die Glocke heute meist nur noch aus einem Grund geläutet: wenn ein Gast ein großzügiges Trinkgeld gegeben hat.

Sauf, so schnell du kannst Spätestens seit der Neuzeit ging es bei der Sperrstunde immer um mehr als die traute Nachtruhe. Man wollte verhindern, dass die Arbeiter ihren ganzen Lohn in die Kneipen trugen, während ihre Familien zu Hause hungerten. In Ländern, in denen nicht wie beispielsweise in den  USA ein Verbot  ausgesprochen wurde, sollte die Sperrstunde dem Alkoholkonsum eine Grenze setzen. Es passierte dann eher das Gegenteil: In Australien etwa, wo die Hotelbars um 18 Uhr schlossen, drängten sich zum Feierabend um 17 Uhr die Männer, um schnell noch so viel wie möglich in sich hineinzuschütten, der Barmann füllte leere Gläser direkt aus einem Schlauch  nach. Das war der  sogenannte Six o’clock swill, das legendäre Sechs-Uhr-Besäufnis.  Danach waren die Straßen dann voller Trunkener. In den 60er-Jahren lockerte Australien dann die Sperrstunde nach und nach.

Schlaflos in Berlin Dass es in Berlin keine Sperrstunde gibt, wird gerne benutzt, um die Einzigartigkeit des Nachtlebens in dieser Stadt zu erklären. Siehe dazu Gebrüder Blattschuss 1978 („Kreuzberger Nächte sind lang“) oder Seeed 2001:Wir shaken, was wir habenbis morgens 7 UhrWo anders gibt´s 'ne Sperr-stunde, bei uns die MüllabfuhrDas Wort „Landesimmissionsschutzgesetz“ lässt sich leider nicht so gut rappen. Auch nicht der darin verzeichnete Paragraf 3: „Von 22 bis 6 Uhr ist es verboten, Lärm zu verursachen, durch den jemand in seiner Nachtruhe gestört werden kann.“ Erzähl das mal einer den jungen Collegestudenten, die morgens um vier Disney-Songs grölend durch den Kiez ziehen. 

Sind Saufbolde Raufbolde? Es gibt Studien, die zeigen, dass eine Sperrstunde dazu führt, dass nächtliche Gewalt abnimmt. Im australischen Newcastle zum Beispiel verringerte sich die Zahl der Körperverletzungen um 37 Prozent, nachdem ab  22 Uhr keine Shots mehr verkauft wurden; in Norwegen führte die Verschiebung der Sperrstunde um 60 Minuten zu 16 Prozent weniger  Tätlichkeiten; in Amsterdam nahmen die Notrufe um 34 Prozent zu, nachdem dort testweise der Ausschank verlängert wurde. Andere Studien wiederum zeigen keinen Zusammenhang zwischen Sperrstunden und Gewalt auf den Straßen. Nachdem in Niedersachsen zwischen 2004 und 2006 die Reglementierung in einem Modellprojekt gestrichen wurde und die Erfahrungen positiv waren, erklärte der damalige Innenminister die Sperrstunde für überflüssig.

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