„Was Sie hier sehen“, sagt er und holt zu einer weiten Armbewegung aus, „ist eine solide Barriere. Optimal, um uns zu verteidigen.“ Nicht umsonst haben die israelischen Streitkräfte auf Sar Taba eine Radarstation mit vier riesigen Antennenmasten installiert, die technologische Ergänzung zur natürlichen Verteidigungslinie. Für Dayan ist beides alternativlos. „Wenn Israel hier nicht sicher ist, wird kein dauerhaftes Abkommen mit den Palästinensern funktionieren.“
Abbas bietet Kompromiss an
Einst diente Dayan als Vize-Generalstabschef, später war er Chef des Nationalen Sicherheitsrates. Heute steht der inzwischen 65-Jährige nur noch der nationalen Lotteriegesellschaft vor. Doch die von Dayan formulierte Militärdoktrin deckt sich weitgehend mit der von Benjamin Netanjahu. Auch der Premier hält eine israelische Truppenpräsenz im Jordantal auf Jahre oder gar Jahrzehnte hinaus für unabdingbar. Wenn es um Israels Sicherheit gehe, hat Netanjahu ein ums andere Mal betont, mache er keine Abstriche. Deshalb reichten ihm auch nicht die Alternativvorschläge, die US-Außenminister John Kerry angeboten hat, um im Falle einer Zwei-Staaten-Lösung sichere Grenzen zu garantieren. Mit Frühwarnstationen und israelisch-palästinensischen Patrouillen sei es nicht getan. Und auf eine internationale Schutztruppe sei schon gar kein Verlass.
Das wisse man doch spätestens seit dem überstürzten Abzug der österreichischen UN-Blauhelme vom Golan im vorigen Sommer, erklärt Dayan. „Die ausländischen Kräfte rennen als erstes weg, sobald eine Krise entsteht.“ Man brauche die eigenen Soldaten vor Ort, um gegen einen Angriff an der Ostfront gefeit zu sein. Niemand könne schließlich vorhersagen, wie sich die Lage in Syrien und Irak entwickele. Womöglich werde irgendwann der jordanische König gestürzt, und das Nachbarland, mit dem Israel vor zwanzig Jahren einen Friedensvertrag geschlossen hat, werde überrannt. „Verlasst niemals das Jordantal“ – darum hätten auch die Jordanier die Israelis ganz im Vertrauen gebeten, sagt Dayan.
Es sind eine Menge kriegerischer Szenarien im Umlauf, wenn es um den von Kerry so hartnäckig betriebenen Versuch geht, Frieden zwischen Israelis und Palästinensern zu stiften. Dabei gibt es durchaus Raum für Kompromisse. So hat der palästinensische Präsident Mahmud Abbas dieser Tage erklärt, man könne sich im Falle eines Abkommens mit dem Verbleib israelischer Soldaten im Jordantal für eine fünfjährige Übergangszeit arrangieren. Auf Dauer jedoch wolle man die einzige Außengrenze, die nicht an Israel stößt, selber kontrollieren.
Das Jordantal verdankt seine Fruchtbarkeit schon lange nicht mehr dem Fluss, der ihm den Namen gibt. Der Jordan selbst, vielfach angezapft und mit Abwasser belastet, ähnelt heute eher einem trüben Bach.
28 Tiefbrunnen – alle in israelischer Hand – versorgen die etwa 10.000 israelischen Siedler und ihre Treibhäuser und Plantagen mit Wasser.
Produziert werden unter anderem Datteln Trauben und Paprika, ein großer Teil davon geht in den Export.
Zahlreiche Brunnen der Palästinenser sind hingegen ausgetrocknet. Geben sie noch Wasser, reicht es meist nur für saisonalen Gemüseanbau.
Der Pro-Kopf-Verbrauch der Siedler im Jordantal ist nach Angaben von Ewash, einem Zusammenschluss von überwiegend Israel-kritischen NGOs, 80 Mal so hoch wie die Wassermenge, die den palästinensischen Nachbarn zur Verfügung steht.
Für die Autonomieführung geht es um mehr als die Souveränität im beanspruchten Staatsgebiet. Jener Teil des fruchtbaren Jordantals, der sich bis hinunter zum Nordufer des Toten Meeres zieht, gilt als der „Brotkorb Palästinas“. Bislang dürfen palästinensische Bauern höchstens sechs Prozent des Bodens beackern. Der große Rest ist laut den Osloer Verträgen C-Gebiet, das heißt: Keine Autonomiebehörde, sondern Israel ganz allein hat hier das Sagen.
Nutznießer sind die fast 7000 israelischen Siedler im Jordantal. Viele von ihnen leben von moderner Landwirtschaft, produzieren Datteln der Spitzenklasse, kernlose Trauben, Gemüse und Kräuter. In Tomer Gilga, etwa fünfzig Kilometer nördlich von Jericho gelegen, warten sie sogar mit einem Vorzeigeprojekt auf: einer Versuchs- und Forschungsstation für diverse Anbauarten. Stolz führt Ziva Gilad, eine bodenständige Frau Mitte fünfzig, durch die Treibhäuser. In langen Reihen reifen pralle Paprika. Auch die Tomatenstauden gedeihen prächtig.
Wenn man Gilad glaubt, geht es auch den 6000 Palästinensern, die bei den Siedler-Genossenschaften im Jordantal schuften, gut. „Wir zahlen ihnen Mindestlöhne von 4500 Schekel monatlich“, knapp tausend Euro. „Ohne die Arbeit bei den jüdischen Farmern könnten sie ihre kinderreichen Familien überhaupt nicht ernähren.“ Umso mehr ärgere es sie, dass „die in Ramallah“ sich für einen Boykott von Siedlungsprodukten stark machten.
Ganz anders verhält sich die Sache aus Sicht der Bewohner von Jiftlik, einem palästinensischen Dorf, das wenige Autominuten entfernt liegt. Die meisten Männer dort könnten sich nur als Tagelöhner in den Siedlungen über Wasser halten, beklagt sich Hussein Aideh vom örtlichen Agrarkomitee bitter – allerdings nicht für gutes Geld wie in der Modellzucht in Tomer Gilga, sondern für 50 bis 70 Schekel pro Schicht, also maximal 14 Euro.
Härter noch hat es seinen Freund Abdallah Tajeh getroffen, dessen Haus am 8. Januar von israelischen Bulldozern abgerissen wurde, weil er es ohne israelische Erlaubnis gebaut hatte. Jetzt stehen seine paar Möbel unter einer Plastikhaube, die Tajeh auf ein Metallgestänge gezogen hat. Ein richtiges Dach hat die 15-köpfige Familie nicht mehr über dem Kopf. Dabei kommt der Winterregen erst noch. Tajeh ist nicht der einzige in Jiftlik, dessen Heim samt Lagerschuppen in Trümmern liegt. Drei andere palästinensische Häuser wurden im November plattgemacht.
Es sind zwei Welten, die im Jordantal nebeneinander existieren. Die eine ist hoch entwickelt, die andere bitter arm. Eine Kollision scheint unvermeidbar, wenn es keine politische Lösung gibt. Und dennoch glaubt Dani Dayan vom Siedlerrat Yesha, ein entfernter Verwandter von Ex-General Uzi Dayan, dass es am besten sei, den Status quo noch für lange Zeit zu belassen. Eine Zwei-Staaten-Lösung in Nahost sei doch „eine Fata Morgana“.
Yeshas jüngste Kampagne spricht allerdings nicht für viel Realitätssinn. Da lässt der Siedlerrat ein Kerry-Double mit schlecht sitzender Perücke in schwarzer Limousine durchs Land kutschieren, um die US-Friedensinitiative ins Lächerliche ziehen. Bei den Siedlern im Jordantal, die schon immer weniger ideologisch waren als die strammrechte Siedlerführung, scheint die Nummer nicht allzu sehr zu ziehen.
Stumm blickt Ziva Gilad auf den ungelenken Imitator, der gerade in Tomer Gilgad aussteigt und mit dummen Sprüchen den US-Außenminister zu desavouieren versucht. „Wir sind ja nicht blind“, sagt sie. „Es kommt, wie es kommt.“ Und was. wenn die Regierung in Jerusalem am Ende einen Abzug aus dem Jordantal beschließen sollte? „Dann werden wir gehen.“
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