Krieg, Widerstand und Sühne

Nazi und Kommunist: Zwei Menschen erzählen ihre Geschichte

In einem Buch lässt Torsten Harmsen, Redakteur der Berliner Zeitung, zwei Menschen über ihr Leben erzählen, die heute mehr als 120 Jahre alt wären. Wir veröffentlichen Ausschnitte vorab.

11 Min
KPD-Chef Ernst Thälmann bei einem Aufmarsch des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Roter_Frontk%C3%A4mpferbund"> Roten Frontkämpferbund</a>s (RFB) um 1930. Auch Otto Gröllmann gehörte zu seinen Mitstreitern.

KPD-Chef Ernst Thälmann bei einem Aufmarsch des Roten Frontkämpferbunds (RFB) um 1930. Auch Otto Gröllmann gehörte zu seinen Mitstreitern.

© akg-images

Wie entscheidet sich, welchen Weg jemand im Leben geht, ob er auf der „richtigen“ oder „falschen“ Seite landet? Welche Rolle spielen dabei Herkunft und Ideologien? Und gibt es überhaupt „Gut“ und „Böse“? Diese Fragen sind ganz aktuell, auch angesichts der Polarisierung in der Gesellschaft. Aber sie stellten sich auch schon vor langer Zeit. „Nazi und Kommunist. Zwei deutsche Leben“ heißt ein neues Buch, in dem zwei grundverschiedene Menschen von ihren Erlebnissen erzählen, als wäre alles gerade erst passiert.

Otto Gröllmann, geboren 1902 in Hamburg, war Kommunist, Herta Kretschmer, die 1903 in Berlin zur Welt kam, war Nationalsozialistin. Beide lebten später in der DDR und blickten ganz unterschiedlich auf die Träume und Ideale ihrer Jugend zurück. Torsten Harmsen, Redakteur der Berliner Zeitung, hatte beide als junger Journalist kennengelernt und mit ihnen intensive Gespräche geführt. Nun, Jahrzehnte später, hat er die authentischen Erinnerungen zu einer bewegenden Reise durch die Umbrüche der deutschen Geschichte verarbeitet. In Rückblicken werden ihre Geschichten „aufgerollt“. Im Folgenden eine kleine Auswahl an Szenen und Aussagen, die in diesem Buch vorkommen. Sie haben mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun, dessen Ende wir in diesem Jahr zum 80. Mal feiern. (BLZ)

Herta, einst Mitglied der NSDAP, über den Beginn des Krieges: Noch im Sommer 1939 hielt ich die Gerüchte um einen bevorstehenden Krieg nicht für möglich. Weil es nicht ins Konzept passte. Sicher waren da Stimmen aufgetaucht, die riefen: „Hitler bedeutet Krieg!“ Aber ich glaubte, Hitler wolle Deutschland in Frieden groß und stark werden lassen. Er werde doch auch seine großen und schönen Bauten nicht gefährden wollen. Bei der Annexion Österreichs im März 1938 hatte ich meinen Eltern geschrieben: „Hier merkt man überall ein riesengroßes Vertrauen auf den Führer, der solche Sachen eben mit der richtigen Klugheit und Vorsicht macht, der schon keine Kriegsgefahr und Auslandsschwierigkeiten heraufbeschwört.“

Und dann München. Das große Abkommen. Die „Erzfeinde“ hätten den Führer anerkannt und ihm nachgegeben, dachte ich. Wie schön, dieses sich erweiternde Deutschland zu erleben. Und immer war da hinter allem der Glaube: Der Führer tut schon das Richtige! Deutschland erschien es wert, als das Wichtigste zu gelten. Und die anderen demnach als nicht wichtig!

Dem Kriegsanfang 1939 folgten recht schnell die „Heldentode“, auch in unserem Umkreis. Dr. Gerhard Hoppe, den ich als Studienrat aus Potsdam kannte, fiel bald. Von der Cottbuser Lehrerhochschule fielen Boonekamp, Käthner und Direktor Mommsen. Diese Tode wurden aber nicht wehmütig betrauert. Das Alltägliche, das Kleine blieben zurück. Sterben im Bewusstsein des bevorstehenden Sieges – es erhöhte den Einzelnen bis zu den Sternen. Man sah nicht das einzelne, elende, jämmerliche Sterben, nicht das Widersinnige des Opfers, das brutale Hineingestoßensein, die grauenvolle Katastrophe und das Verdienen der Kriegsgewinnler. Das einzige war, dass man fürchtete, das Blut der Gefallenen werde nachher fehlen.

Herta Kretschmer (1903–1999) im Jahre 1990 bei sich zu Hause in Cottbus

Herta Kretschmer (1903–1999) im Jahre 1990 bei sich zu Hause in Cottbus

© Adi Wawro/BeBra Verlag/Lausitzer Rundschau

Otto über den Moment, in dem er zum zweiten Mal mit dem kommunistischen Widerstand konfrontiert wurde: An einem Herbstabend 1940 hatte ich auf dem Weg zu meinen Eltern vor dem Tor der Hamburger Wäscherei Boco eine unverhoffte Begegnung. Inmitten der Arbeiterinnen, die nach Schichtschluss aus dem Betrieb kamen, lief Franz Jacob: groß und schlank, die schmalen Schultern etwas hochgezogen, eine Hand in der Hosentasche und die „ZK-Mütze“ auf dem Kopf, eine Schirmmütze, wie sie einst auch Thälmann und andere Mitglieder der KPD-Führung getragen hatten. Franz stutzte einen Moment, erkannte mich und fragte: „Mensch, was machst du denn hier?“ – „Ich bin auf dem Weg zu meinen Eltern. Und du?“ – „Ich bin hier Betriebsschlosser.“ Wir redeten eine Weile, dann sagte Franz, dass ich ihn unbedingt besuchen müsse. Ich sollte doch am Sonntagnachmittag mit meiner Freundin Selma zu ihm kommen.

Ich schlug Franz vor, die „ZK-Mütze“ lieber nicht mehr aufzusetzen. Damit falle er doch auf. Er lachte nur: „Ach, schiet auf die Mütz’! Die wissen doch sowieso, wer ich bin.“ Ich kannte Franz Jacob aus dem Parteihaus am Valentinskamp. Er hatte dort die Agitprop-Abteilung des KPD-Bezirks Wasserkante geleitet, mir viele Aufträge für Illustrationen, Plakate und Titelblätter erteilt. Sieben Jahre Zuchthaus und KZ lagen hinter ihm. Er gehörte zu jenen, die jüngst erst aus Sachsenhausen entlassen worden waren. Auch ich hatte bereits Gestapohaft und Zuchthaus hinter mir.

Bei unserem Besuch konnte ich Franz genauer betrachten: sein blasses, fein geschnittenes Gesicht mit der spitzen Nase und den eingefallenen Wangen. Die Jahre in Nazihaft hatten ihn krank gemacht, aber er ließ es sich nicht anmerken. Nur wenn er über das Lager redete, spürte man seine Erregung. Er wirkte schärfer und bitterer als früher. Franz tastete mich ab an diesem Sonntag. Er fragte, was ich so mache neben meiner Arbeit als Bühnenbildner. Wir redeten über die Situation. Dem Überfall auf Polen war der Feldzug nach Westen gefolgt, die Besetzung Frankreichs. Nun würde Hitler wohl früher oder später den Krieg gegen die Sowjetunion beginnen. Trotz des Nichtangriffspakts. Das war für Franz klar. Und er fragte mich, ob ich wieder in einer illegalen Gruppe arbeiten würde. Ich aber hatte ein etwas mulmiges Gefühl. Ich wollte auf keinen Fall wieder in die Fänge der Gestapo und der SS.

„Franz, wohin geht ihr?“, fragte ich ihn. „Eine wilde Geschichte mach’ ich nicht mit.“ Er sagte, dass es in Hamburg viele kleinere Gruppen gebe, die leider versprengt und isoliert wirkten. Daraus sollte ein Netzwerk entstehen, eine Art Organisation, die sofort wirken könnte, wenn die Naziregierung gestürzt sei. Außerdem müsse man Zellen in Betrieben und Werften schaffen. Was er erzählte, hörte sich nach langfristiger Arbeit an, nicht nach wilden Aktionen. Ich überlegte eine ganze Weile, ließ mir wirklich Zeit. Draußen stehen konnte man nicht in diesen Zeiten, das war klar. Die anderen brauchten einen, und man würde sich auch selbst untreu werden, wenn man einfach so sein Leben lebte, während drumherum alles kaputtging. Schließlich sagte ich zu.

Das Buchcover

Das Buchcover

© BeBra Verlag

Herta über ihre Inhaftierung nach dem Krieg und das Ende ihrer „Liebe zum deutschen Volk“: Eines Tages, im Januar 1946, wurde ich aus dem Labor der Cottbuser Arztpraxis, in der ich arbeitete, zum Verhör geholt. Ein Soldat sagte ruhig: „Sollen mitkommen zum Kommandanten.“ Mit dem Motorrad ging’s bei zwanzig Grad Kälte zum Schlossberg, am Flügel mit dem Amtsgericht vorbei, durch ein großes Tor, das sich wie von allein öffnete. Ein großer Hof. Eine kleine Tür. Ein kurzer Gang.

Der Kommandant, ein verhältnismäßig junger, blonder Offizier, fragte mich: „Waren Sie in der NSDAP?“ Ich antwortete: „Ja, seit März 1933.“ – „Warum?“, fragte der Offizier. – „Weil ich glaubte, der Nationalsozialismus sei gut und richtig für Deutschland.“ – „Und wo haben Sie berichtet?“ Berichtet? Was sollte das? Ich sagte: „Als Schulleiterin regelmäßig an die vorgesetzte Behörde.“ – „Nein, das interessiert nicht.“ – „An die NS-Lehrerinnen-Zeitschrift habe ich Beiträge geschickt.“ – „Das ist unwesentlich.“ Was konnte ich sonst erwähnen?

Begeisterte deutsche Frauen begrüßen Hitler in Bückeburg.

Begeisterte deutsche Frauen begrüßen Hitler in Bückeburg.

© Imago

„Und wen haben Sie angezeigt?“, fragte der Leutnant. Warum? Niemanden! Ich erzählte dennoch, dass ich mal über den NSDAP-Kreisleiter geschimpft hatte. „Warum geschimpft?“, fragte der Leutnant. – „Weil er ein schlechter Nationalsozialist war!“, sagte ich. – „Vielleicht war er gerade ein guter im Sinne Hitlers.“ Ich horchte auf und registrierte etwas für mich völlig Neues: Sie meinten also mit einem „guten“ Nationalsozialisten etwas ganz anderes als ich. Sie meinten nicht den, der sich einsetzen und opfern konnte für sein Ziel: die ewige Existenz des Volkes. Und ich meinte mit einem schlechten Nationalsozialisten den, der nur an Parteibefehle dachte und an Geld, der Berichte frisierte, um selbst gut dazustehen, der Erfolge buchte, wo keine waren, der nur die Zahlen der Versammlungen zusammenrechnete und nicht ihren Wert sah. So einer war der Kreisleiter gewesen. Ich hatte ihn darum als einen schlechten Nationalsozialisten gesehen.

„Wir müssen Sie bitten, eine Weile noch bei uns zu bleiben“, sagte der Dolmetscher freundlich und höflich am Ende. Ich kam in eine Zelle und von dort in das Lager Jamlitz, eines der sowjetischen Speziallager, nördlich von Cottbus. Am Gründonnerstag 1947 ging es weiter ins Frauenlager von Mühlberg, und viele Monate später kam ich ins Speziallager Buchenwald.

Irgendwann bekamen wir in Buchenwald einen Film über den Nürnberger Prozess zu sehen. Mit Ausschnitten aus den KZ. Mit kleinen Kindern in Auschwitz, die ihre eintätowierten Nummern auf den Ärmchen zeigten. Mit Häftlingen, die wie wandelnde Skelette aussahen. Und mit Leichenbergen. Der Film griff an alles. Stockender Atem und stockende Gedanken. Die Großen waren ganz klein geworden: Göring, Hess, Ribbentrop, von Schirach, Keitel. Nichts mehr von ihrem Nimbus zu spüren. Wirklich Große hätten sich anders verhalten, zu ihrer Verantwortung gestanden. Vor allem: Wenn der Nimbus um sie nicht echt gewesen – was ist überhaupt echt gewesen? Das war unheimlich.

Manche aber schimpften über den Film: „dass man uns das vorsetzt“. Sie wollten nichts sehen, nichts hören. Diese Kleinbürger! Sie konnten ihre großen Ideale nicht mehr im Goldrahmen in der Sonntagsstube hängen haben. Die Sonntagsstube war zerbombt mitsamt dem Goldrahmen. Jetzt wollten sie nur noch leben, überleben, sich arrangieren. Ihre heilige Ruhe wiederherstellen. Mein Ärger über das allgemeine Gezeter, „unschuldig eingesperrt“ zu sein und „nichts Schlechtes getan“ zu haben, bestärkte mich darin, nun gerade zu dem zu stehen, was ich gewesen war und was ich getan hatte. Und alles, was geschah, als Konsequenz daraus zu nehmen.

Dieser Ärger trug auch dazu bei, in mir die „Liebe zum deutschen Volk“ umzubringen, die offenbar blind gewesen war. Die „Volksgemeinschaft“ war ein Trugschluss. Die Volksgenossen hier entsprachen überhaupt nicht dem idealistischen Bild, dem ich angehangen hatte. Ein Bild vom Volk als Organismus, in dem der Einzelne sein Verhalten zum Gedeihen des Ganzen gestalte und sich notfalls auch opfere. Das alles waren leere Phrasen. Und die anderen großen Begriffe? Jeder Gedanke an den Nationalsozialismus zerbröckelte. Also auch der an Volk und Staat. Nichts war mehr da, an das das Herz glaubte.

Otto Gröllmann (1902–2000) im Jahre 1990 während eines Interviews mit der Berliner Zeitung

Otto Gröllmann (1902–2000) im Jahre 1990 während eines Interviews mit der Berliner Zeitung

© Vera Stark/Berliner Zeitung

Otto über bezeichnende Begegnungen nach Kriegsende 1945 in Hamburg: Wir waren fünf bis vor kurzem noch Illegale. Wir meldeten uns im Rathaus, dem englischen Hauptquartier. Die Offiziere sagten: „Ihr seid die einzigen Widerstandskämpfer, die sich gemeldet haben.“ Wir bekamen Ausweise, mit denen wir uns auch während der nächtlichen Ausgangssperre in der Stadt bewegen konnten. Wir berichteten alles, was wir wussten, gaben Adressen von Gestapo-Leuten an. Wenn wir Faschisten trafen, wollten wir sie umlegen. Das schworen wir uns. Aber bald kam dann schon die Parteiparole: Kein individueller Terror!

Eines Tages kam eine Frau und wollte mich sprechen. Es stellte sich heraus, dass sie Haedge hieß und die Frau des einst für mich zuständigen Gestapo-Beamten war. Sie erzählte: „Mein Mann ist von den Engländern in Dänemark verhaftet worden und erwartet jetzt seinen Prozess. Können Sie nicht auf dem Prozess aussagen?“ Ich fragte, was ich aussagen solle. „Na, Herr ..., Sie sind doch lebend rausgekommen. Sie kennen doch meinen Mann. Er hat Ihnen doch geholfen!“ Aha, dachte ich, daher weht der Wind. „Hören Sie zu“, sagte ich, „wenn ich auch von Ihrem Mann nicht totgeschlagen worden bin, kann ich eine solche Aussage auf keinen Fall verantworten, wegen meiner Genossen und Mitgefangenen.“ Frau Haedge war ganz verzweifelt: „Ich kann das überhaupt nicht begreifen. Mein Mann ist so ein Lieber. Wir haben zwei Kinder. Er hat nie etwas erzählt. Ich kann das alles gar nicht glauben, was erzählt wird.“ Ich sagte: „Das glauben Sie mal. Das stimmt alles.“

Einige Tage später wurden wir nochmals ins Rathaus eingeladen. Dort saßen jetzt Tory-Offiziere, korrekt gekleidet, arrogant. Sie waren mit einem Kriegsschiff angekommen. Von ihnen trug niemand mehr Hammer und Sichel am Barett, aus Sympathie mit den russischen Alliierten, wie ich es bei einem der einfachen Soldaten gesehen hatte. Addi, der sehr gut Englisch konnte, kam mit zwei Colonels ins Gespräch. Es interessierte sie sehr, dass wir dem Widerstand angehört hatten. Die Unterhaltung wurde lockerer, entspannter. Doch als Addi dann sagte, dass wir Kommunisten seien, kühlten die Colonels merklich ab. Und als wir hinausgingen, hörte Addi noch, wie der eine zum anderen sagte: „This will be our next opponent.“ – Das wird unser nächster Gegner sein.

Buchpremiere: Torsten Harmsen: Nazi und Kommunist. Zwei deutsche Leben (BeBra Verlag), Mittwoch, 26. März 2025, 20 Uhr, im Pfefferberg Theater, Schönhauser Allee 176, 10119 Berlin

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