Er schien aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen. Er war nicht sehr laut. Manchmal ging er im Rauschen des Baumes unter, auch ein vorbei fahrendes Auto konnte ihn übertönen. Der Mann neben ihr schlief tief. Er hatte ihr schon mal einen Vogel gezeigt, als sie ihn fragte, ob er diesen Ton auch hören würde.
Pfeifton: Tinnitus? Einbildung?
Aber der Ton war da. Er klang wie ein leichter Tinnitus, aber es war keiner. Denn wenn sie ins Badezimmer ging, dessen Fenster sich zur anderen Seite des Hauses öffneten, dann hörte sie den Ton nicht. Sie hörte das Pfeifen nun schon seit einer Weile desnachts, aber mittlerweile war es auch manchmal tagsüber zu vernehmen, also wenn sie darauf achtete. Aber sie wollte nicht darauf achten, jetzt wollte sie ja eigentlich einfach nur wieder einschlafen. Aber das Pfeifen störte sie. Sie hatte genug.
Sie wollte nicht zu den Menschen gehören, die permanent ein Geräusch hören, Menschen, die Mobilfunk, Radiostrahlung oder Geheimdienstwellen wahrnahmen. Sie musste der Sache also auf den Grund gehen. Sie schaltete den Laptop ein und googelte: „Pfeifton, Prenzlauer Berg“. Als sie das Suchergebnis sah, war sie beruhigt. Den Pfeifton gab es wirklich, er war nicht nur in ihrem Kopf, sogar das bezirkliche Anzeigenblatt hatte darüber berichtet.
Pfeift ein defektes Heizkesselventil?
„Woher kommt der rätselhafte Pfeifton?“ lautete die Überschrift. Im zugehörigen Artikel fand sie den Namen eines Mannes, der dem Phänomen auf den Grund gegangen war und dessen Ursache ermittelt hatte. Ein defektes Heizkesselventil in einem Haus in der Nachbarschaft. Der in Bayern lebende Hausbesitzer reagierte nicht auf Beschwerden. Sie googelte den Namen des Pfeifton-Detektivs, fand seine Kontaktdaten und schrieb ihm eine Mail. Sie wollte den Ton nicht mehr hören müssen.
Wenig später klingelte ihr Handy. Es war morgens um halb sieben. Sie telefonierte lange mit dem Mann. Er erzählte ihr, wie er Haus für Haus in ihrer Straße abgegangen war, um die Herkunft des Tones zu ermitteln. Wie ihn manche für verrückt erklärt hatten. Denn nicht jeder schien den Ton hören zu können. Er hatte resigniert. Aber jetzt hatte sie eine Aufgabe.
Er hatte ihr die Nummer des bayerischen Hausbesitzers gegeben. Am Vormittag erreichte sie ihn nicht, hinterließ aber eine Nachricht. Dann ging sie zu seinem Haus. Klar und deutlich schallte das Pfeifen aus dem Keller. Sie sprach die Inhaber des Computerladens im Erdgeschoss des Hauses darauf an. Aber auch sie konnten oder wollten den Ton nicht hören. Irritiert machte sie sich auf den Heimweg. Wenn sie glücklich bleiben wollte, würde sie den Ton wohl ab jetzt ignorieren müssen. Aber wie sollte sie das schaffen? Sie bemerkte es erst später. Was immer es auch war. Ihr Anruf, ihre Nachricht, ihr Gespräch im Computerladen: Von diesem Vormittag an hörte sie das Pfeifen nie wieder.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de