Neubeginn an den Münchner Kammerspielen mit Inszenierungen von Johan Simons und Alvis Hermanis

Lust am Spiel, Lust am Tier

Peter Michalzik
5 Min

Wenn das schmuckste deutsche Theater neu eröffnet, die Kammerspiele in München, dann ist es staubig und sandig. Die lange Bühne ist provisorisch ausgelegt mit dicken Zementfliesen. Dazu Bauholzbretter und weiße Backsteinmauern. Bühnenbild bzw. Arbeitsplatzgestaltung: Bert Neumann.Wir sind hier auch nicht im Schauspielhaus, dem Schmuckstück, sondern im Probengebäude, das Spielhalle heißt. Ein Mann in schweren Stiefeln tritt hier auf das staubige Geläuf. Er bewegt sich mit gehemmtem Schritt, schiebt sich vorwärts. Er behauptet, er sei ein Heimkehrer und in russischer Kriegsgefangenschaft gewesen. Der Schauspieler Steven Scharf charakterisiert diesen Kriegsheimkehrer immer wieder durch sein Gehen.Gemeinsames ImaginierenDamit beginnt man sich in einen Roman hineinzudenken. Was der Leser beim Lesen macht, Imaginieren, das inszeniert Johan Simons, der niederländische Regisseur und neue Intendant der Kammerspiele hier: gemeinsames Imaginieren. Ein anderer Mann (Pierre Bokma) stellt sich als Liftboy vor. 1929 hat Joseph Roth den Roman "Hotel Savoy" veröffentlicht. Dieses Hotel, sieben Etagen, 864 Zimmer, ist Palast und Auffangbecken für Kriegsheimkehrer und Ostjuden. In den Kammerspielen: nur Staub und Bretter. Das ist der Zauber des Unglamourösen. Kein Prunk, sondern Punk: raues, klares Vorstellungstheater.Niemand trumpft hier auf. Simons gilt manchem als verkopfter Regisseur, dabei ist seine Regie-Sprache einfach und erdig, nur eben anti-illusionistisch. Der Zauber geht von den Schauspielern aus, die jene schrägen Vögel, die in diesem Hotel gestrandet sind, erstehen lassen. Ein Magnetiseur, ein Zahlenträumer, ein Clown, ein Varietémädchen etwa, aber auch ein Kriegskamerad und Revolutionär oder ein Milliardär aus Amerika. André Jung spielt den Milliardär. "Unsere Heimat ist dort", sagt er ruhig und traurig, wie nur André Jung traurig sein kann, "wo wir unsere Toten haben." Das war's. Andere würden ganze Neustarts um diesen Schauspieler und die entwurzelten Juden herum bauen, hier dauert sein Auftritt vielleicht fünf Minuten.Stars übernehmen hier Rollen, die man im Fußball mal als Wasserträger bezeichnet hat. Auch das ist Understatement. Die größte Zauberin ist Brigitte Hobmeier, gleichzeitig entrückt und bajuwarisch, sie spielt etwa zehn Rollen, in dauernder Verwandlung. Höhepunkt ist ein Auftritt als drei Juxartikelverkäufer in einer Frau. Das vollkommen absurd, große Nonsense-Kunst.Alle warten im Hotel Savoy. Auf das Glück, auf die Liebe, auf den Milliardär, auf die Revolution. Alle hoffen. Alle träumen. Alle sind traurig. Manches ist auch überflüssig an diesem Abend, die Auseinandersetzungen um Armut und Revolution hängen sinnfrei in der Luft, die Liebesgeschichte berührt nicht. Letztendlich dreht sich dieses Spiel aber um Momente, wo man die Verlorenheit dieser Figuren, die Verlorenheit überhaupt zu spüren meint."Hotel Savoy" folgt dem Roman eng, trotzdem verhält sich die Aufführung zur Vorlage frei: Wo Roth erzählt, erfindet Simons Spielsituationen. Das hat Methode. Vier Romane oder Erzählungen, kein einziges Drama, stehen am Anfang dieser Intendanz: "Hotel Savoy", Jack Londons "Ruf der Wildnis" und eine Lesung aus Lion Feuchtwangers "Erfolg" mit dem gesamten Ensemble, Stefan Zweigs "Angst", das schon in Salzburg zu sehen war (s. BLZ vom 31. Juli). Das ist ein starkes Statement, trotzdem versteht Simons das nicht programmatisch. Er will keine neue Richtung ausrufen. Es geht um diese raue, einfache Art zu spielen, diese Lust an der Imagination, die sich mit Romanen als Vorlage leichter herstellen lässt als mit Dramen.Das wird am nächsten Abend, jetzt wirklich in den Kammerspielen, noch deutlicher. "Ruf der Wildnis" von Jack London in der Regie von Alvis Hermanis wirkt, als habe man den Roman einfach vergessen: Ein paar Sätze vom Hund, der von Kalifornien nach Alaska entführt wird und zum Wolf wird, werden vorgelesen. Trotzdem ist das Thema - die Verbindung von Wildnis und Zivilisation, die fließende Grenze zwischen Mensch und Tier - an diesem Abend unheimlich präsent.Hermanis ist eine außerordentliche Aufführung gelungen. Sechs Sofas im Halbkreis, auf jedem Sofa ein Hund, kein Mensch, sechsmal Selbstverständlichkeit. Dann kommen doch sechs Schauspieler. Jeder setzt sich zu seinem Tierchen: der außerordentlich dicke Benny Claessens zu einer Promenadenmischung, der zackige Walter Hess zu einem Terrier, die große Annette Paulmann zu einem großen Jagdhund, Thomas Schmauser mit Schnurrbart zu einer Retriever-Mischung, die schlanke Katharina Schubert zu einem Pudel, Kristof van Boven zu einem Mops. Alle sechs spielen eine von diesen verlorenen Figuren, die sich einen Hund als letzten Freund und Ausweis ihrer Menschlichkeit halten.Die Grenze zur RealitätDie Aufführung ist unverschämt körperlich. Es geht noch, solange jeder seine Loser-Geschichte erzählt. Auch wenn die Sehnsucht dieser Autozähler, Kloputzer und Frührentner nach einem anderen Leben einem schon den Atem raubt. Aber dann ist Benny Claessens Buck, der Wolfshund. Wie dieser Schauspieler auf allen Vieren an einem Strick über die Bühne gezerrt und gedemütigt wird, wie er fällt, wie seine Hose verrutscht und das weiße Fleisch zeigt, wie Walter Hess dazu belfert, da verwischen die Grenzen zwischen Spiel und Realität.Sie tanzen, schnüffeln, begatten, fressen, knurren, bellen, hauen auf Köpfe und Körper, reißen Eingeweide raus, zerfetzen Sofas, demütigen sich, zerren an Leinen, winseln, sprechen. Alle sechs Schauspieler sind als Hund und Mensch überragend. Aber Kristof von Boyen als Witwe mit Mops ist unglaublich. Er ist wirklich ein Hund, wenn er mit dem Bein scharrt, er ist beängstigend herrisch, wenn sie von ihrem toten Mann erzählt. Was für ein Schauspieler, was für eine Rolle! Eine richtig böse Frau, maskenhaft im Gesicht, nackt in ihrer Kompromisslosigkeit, objektiv und brutal in ihrer Viehischkeit, so gefühllos wie nur ein Mensch sein kann.Hermanis sucht den Hund im Mensch, den Wolf im Hund und den Mensch im Wolf. Die Verschmelzung gelingt. Das ist keine Spielerei, mal ein bisschen auf Hund machen, ein bisschen knurren, das ist Verwandlung. Überall ist Wildnis.------------------------------Foto: Alle warten im Hotel Savoy. Auf das Glück, auf die Liebe, auf die Revolution.

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