Neue Alben von Brain Eno: Friedlich, warm und unberührt

Zwei Alben im Abstand von wenigen Wochen sind selbst für einen Workaholic wie Brian Eno eine bemerkenswerte Schlagzahl. Seit seinen Anfängen als Synthesizer-Bediener bei Roxy Music, also seit nun auch schon wieder 43 Jahren, hat er rund 50 Alben veröffentlicht. Während er nebenher auch Hits für die Talking Heads, für U2 oder Coldplay produzierte, mit Ingenieuren an Musikprogrammen für „generative Musik“ oder an Videoinstallationen arbeitete, entstanden wegweisende songorientierte Soloarbeiten, Ambient-Alben oder Duette mit Freigeistern wie John Cale und mehrmals mit David ...

BLZ
3 Min

Zwei Alben im Abstand von wenigen Wochen sind selbst für einen Workaholic wie Brian Eno eine bemerkenswerte Schlagzahl. Seit seinen Anfängen als Synthesizer-Bediener bei Roxy Music, also seit nun auch schon wieder 43 Jahren, hat er rund 50 Alben veröffentlicht. Während er nebenher auch Hits für die Talking Heads, für U2 oder Coldplay produzierte, mit Ingenieuren an Musikprogrammen für „generative Musik“ oder an Videoinstallationen arbeitete, entstanden wegweisende songorientierte Soloarbeiten, Ambient-Alben oder Duette mit Freigeistern wie John Cale und mehrmals mit David Byrne.

An letztere schließen nun „Someday World“ und „High Life“ auf mehrfache Weise an. Zum einen als Gemeinschaftswerke, für die Eno sich hier mit Karl Hyde von den einst einflussreichen Rocktechno-Pionieren Underworld zusammengetan hat. Zum anderen, weil sich die beiden, wie es „High Life“ andeutet, mit westafrikanischem Afrobeat beschäftigen und damit die Ethno-Experimente heraufbeschwören, die Eno und Byrne 1981 auf „My Life in the Bush of Ghosts“ präsentierten.

An „Wrong Way Up“, das Album mit John Cale von 1990, erinnern wiederum die fein verfitzelten, wild und hell umherhüpfenden Schlaufen als Grundlage der Songs – die gemeinsame Liebe zur Minimal Music der Sechzigerjahre führte zu gleichermaßen überraschenden wie eingängigen Popsongs.

Nicht verschweigen sollte man jedoch, dass insbesondere einige Stücke von „Someday World“ auch deswegen an das Eno-Byrne-Album erinnern, weil ein paar der elektronischen Muster recycelt klingen. Was wiederum weder Enos Ansatz widerspricht noch den Grundlagen seines nunmehr – nach den Stichwortgebern Steve Reich (Minimal Music) und Fela Kuti (Afrobeat) – „Reickuti“ genannten Konzepts: Die repetitiven, rhythmischen Loops fügen sich zu Songs auf seltsam serieller Basis.

Spacig, noisig, mantraartig

„High Life“ ist vor diesem Hintergrund das interessantere der beiden insgesamt gelungenen Alben. Die poppigere Geschlossenheit von „Someday World“ – beispielhaft in der jazzdiscohaften Single „Daddy’s Car“ – betont Enos zwar meisterliche, aber auch routinierte Fähigkeit, weiche Harmonien von Synthesizern und vielfach gelayertem Gesang nicht zu kontrastieren, sondern zu funktionstüchtiger, warmer, friedlich unberührter Hübschheit zu verbinden. „High Life“ wirkt dagegen loser und improvisierter, schwelgt mehrmals fast zehn Minuten lang in hypnotischen, minimal harmonisierten Strecken, in den klingelnden bis schroffen Gitarrenfiguren Karl Hydes, spitzen Pizzikati von Enos Elektronik und blechern zappelnder Percussion.

Es gibt sogar noisige Verzerrer-Freak-Outs, die ganz selbstverständlich aus den nervös-endlosen Texturen hinaus schleifen. Enos spacige Chorgesänge wogen darin auf und ab, die mantraartigen Schleier oft kurz vor dem Wegtauchen in reine, fremdartige Synthetik. Weder lineares Songstreben, noch selbstverliebtes Gedaddel hört man hier – sondern einen freien, klangschönen Versuch in gemeinschaftlicher, hochlebendiger Interesselosigkeit.

Brian Eno/Karl Hyde: Someday World; High Life (beide: Warp/Rough Trade)

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de