Gegen den Regisseur Dieter Wedel werden in der Wochenzeitung Die Zeit neue Vorwürfe der sexuellen Belästigung bis hin zur Vergewaltigung erhoben. Die darin aufgeführten Indizien belasten den 75 Jahre alten Regisseur schwer.
Erst vor wenigen Tagen hatte Wedel seinen Rücktritt als Intendant der Theaterfestspiele von Bad Hersfeld bekanntgegeben, aus gesundheitlichen Gründen, wie es in einer Stellungnahme hieß, aber auch, weil er die Festspiele aus der Affäre um seine Person heraushalten wolle. Bisher hat er alle Anschuldigung bestritten. Es steht Aussage gegen Aussage. Ferner beklagte sich Wedel über die „diffamierende Diskussion“ um seine Person.
Wusste die Produktion Bescheid?
Die hat nun neue Nahrung bekommen. In der Zeit schildern insgesamt vier Frauen, zwei unter Angabe ihres realen Namens, Situationen körperlicher und seelischer Gewalt, die sie zwischen 1980 und 1997 mit Dieter Wedel erlebt haben. In drei Fällen scheinen zahlreiche Mitglieder des Produktionsteams Bescheid gewusst zu haben, in einem Fall soll auch die Produktionsfirma Telefilm Saar, eine 100-prozentige Tochter des Saarländischen Rundfunks, eindeutige Informationen über die Misshandlung der Schauspielerin Esther Christinat während der Dreharbeiten zu der Serie „Bretter, die die Welt bedeuten“ erhalten haben.
Christinat, die heute Gemsch heißt und zum Zeitpunkt der ersten Begegnung mit Wedel 24 Jahre alt war, berichtet von tagelangen Belästigungen durch Wedel, die schließlich am 12. Dezember 1980 in eine versuchte Vergewaltigung gemündet hätten. Das Dokument des Prominentenarztes Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, das sich im Archiv von Telefilm Saar fand, datiert vom 12. Januar 1981 und bescheinigt Gemsch unter anderem „erhebliche Bewegungseinschränkung“ im Hals, Schmerzen und einen „sehr schlechten Allgemeinzustand“. Die Symptome seien, heißt es in dem Arztschreiben weiter, laut Aussage der Patientin „die Folge einer gewaltsamen sexuellen Annäherung durch Herrn Dr. Wedel“.
„Alle hatten Angst vor Wedel“
Thomas Kleist, der Intendant des Saarländischen Rundfunks, zeigt sich im Gespräch mit der Berliner Zeitung durch diesen Archivfund erschüttert. Obwohl die Vorgänge im juristischen Sinne verjährt seien, wolle der Sender zur Aufklärung beitragen: „Das sind wir den Betroffenen schuldig, aber auch allen jungen Menschen, die den Beruf des Schauspielers ergreifen wollen. Wir möchten keine Mitstreiter eines Systems sein, das solche Straftaten begünstigt.“
Er habe eine „Taskforce“ eingerichtet, die die Transparenz erhöhen solle, um ähnliche Vorgänge künftig zu erschweren. Fast noch erschütternder als das damalige Stillschweigen der Institution, ist allerdings die Duldung der mutmaßlichen Vorkommnisse durch Kollegen und Teammitarbeiter. „Alle hatten Angst vor Wedel“, wird in der Zeit die Kostümbildnerin Regina Bätz zum Fall Gemsch zitiert. Und alle machten weiter. Sogar Esther Christinat. Aus Angst, regresspflichtig zu werden, wenn sie die Dreharbeiten abbräche, erschien sie mit Halskrause wieder am Set, wo die Schikanen weitergegangen sein sollen.
Sexuelle Belästigungen gingen immer weiter
Dieter Wedel antwortete im Januar 1981 auf das Schreiben des Arztes, dass es umgekehrt Esther Christinat gewesen sei, die sich an seinen Hals geworfen habe, buchstäblich, daher möglicherweise die Verletzung, denn er habe sie zurückgestoßen. Für eine aktuelle Stellungnahme war das heutige Anwaltsbüro Wedels bis Redaktionsschluss nicht zu erreichen.
Als Christinat aus der Arbeit schließlich doch ausstieg, übernahm Ute Christensen ihre Rolle, und auch sie sei, schilderte sie der Zeit, von Dieter Wedel sexuell wiederholt bedrängt und, da sie ihn zurückwies, am Set heftig drangsaliert worden. Angeblich hat nicht einmal ihre Agentin sie damals unterstützt.
Verachtung des Einzelnen zugunsten des einen Führers
Augen zu und weitermachen, weitermarschieren, zum Wohl der Produktionsmaschinerie, die vielen Lohn und Brot gibt, manchen sogar Ruhm. Soldatisches liegt in einem solchen Wegsehen, die Verachtung des Einzelnen zugunsten des einen Führers, der weiß, wo es langgeht. Und vielleicht war es neben einer persönlichen Disposition ja auch gerade das gesellschaftlich Unzeitgemäße solch absolutistischer Produktionsverhältnisse, das, wenn die Vorwürfe stimmen, einen Regisseur wie Dieter Wedel dazu gebracht hat, Frauen nicht nur Avancen zu machen.
Es ist eine Praxis der verbrannten Erde, die in diesen detaillierten Schilderungen kenntlich wird. Wobei dieses Unterwerfungsszenario keineswegs auf den Bereich der Film- und Fernsehproduktionen beschränkt entworfen werden soll. Hier scheint es jetzt nur sichtbar geworden zu sein.
Keine Situation rechtfertigt die Anwendung körperlicher Gewalt
Das seltsam reservierte Verhalten des gesamten Umfelds wirkt heute verstörend und wirft ein Licht auf den widersprüchlichen gesellschaftlichen Umgang mit sexualisierter Gewalt in den frühen 80er-Jahren. Zwar ist es keineswegs so, dass deren Formen, von der anzüglichen Bemerkungen bis zur Vergewaltigung, ausschließlich als Kavaliersdelikt behandelt worden seien. Tatsächlich wurden die Anliegen der feministischen Bewegung jener Jahre in nahezu allen gesellschaftlichen Milieus diskutiert, und es entstanden Männergruppen, in denen es auch darum ging, was Männer tun können, um nicht länger tradierte Formen männlicher Gewalt zu reproduzieren.
1988 entzündete sich an dem amerikanischen Spielfilm „The Accused“ (Angeklagt) von Jonathan Kaplan auch in Deutschland eine intensiv geführte Debatte, in der dem Tatbestand Vergewaltigung die häufig geäußerte Legitimation eines „Du willst es doch eigentlich auch“ entzogen wurde. Jodie Foster spielt darin ein junges Straßenmädchen, das zum Opfer einer brutalen Gruppenvergewaltigung wird. Der Gerichtsfilm transportierte eindrucksvoll die Botschaft, dass keine Situation die Anwendung körperlicher Gewalt rechtfertigt.
Klärung kaum noch möglich
Gleichzeitig wurde dieser neue männliche Sozialisationstyp mit dem verniedlichenden Namen „Softie“ aber schichtenübergreifend und nachhaltig diskreditiert. Der partnerschaftlich agierende Mann ging aus der feministischen Debatte letztlich als Karikatur hervor.
Vor diesem Hintergrund und gerade weil eine juristische Klärung kaum noch möglich scheint, geht es im Fall Wedel jetzt auch um die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung. Die in der Zeit zitierten Frauen geben sich mit ihren Vorwürfen nach vielen Jahren der versuchten Verdrängung als Opfer zu erkennen. Darauf sollte jetzt nicht nur der Beklagte reagieren.
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