Die Lobeshymnen wollten gar kein Ende nehmen. Plötzlich galt Deutschland als die Nation, von der man sich etwas abschauen sollte. Die Nachbarn aus Frankreich und den Niederlanden blickten nach dem gewonnenen WM-Titel 2014 neidisch auf die gut ausgebildeten deutschen Spieler. Deren Erfolg war absehbar: Mit Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Benedikt Höwedes, Mats Hummels, Sami Khedira und Mesut Özil hatten schließlich schon sechs Spieler 2009 die EM mit der U21 gewonnen. Über Jahre sei Deutschland unbesiegbar, weil ja auch in der nächsten Generation schon wieder vielversprechende Talente folgten. Die Prognose war mit dem historischen Vorrunden-Aus bei der WM 2018 widerlegt. Mittlerweile schaut Deutschland wieder auf Frankreich und die Niederlande.
Die Hälfte springt ab
Ein Pilotprojekt, welches in Berlin ab August starten soll, könnte vorführen, wie für Besserung gesorgt werden könnte. Der Berliner Fußball-Verband (BFV) möchte von der neuen Saison an einen Spielbetrieb auf Probe für U20/21-Mannschaften im Herrenbereich anbieten. „Das Ganze ist ein Versuchsballon, ein Wunsch vom DFB, weil so etwas in einer großen Stadt wie Berlin einfacher ist als auf dem Land“, erzählt Joachim Gärtner vom BFV
Bis zum 30. Juni haben die Berliner Vereine Zeit, ihre Mannschaften für den Probebetrieb anzumelden. „Mindestens zehn Mannschaften werden benötigt“, sagt der Vorsitzende des Spielausschusses. Im Bereich der A-Junioren sei deutschlandweit die Rate derjenigen, die nach der A-Jugend mit dem Fußballspielen aufhören, zu hoch. Eine genaue Zahl für Berlin kennt Joachim Gärtner aktuell nicht, doch „vom Gefühl her würde ich schon sagen, dass uns fast 50 Prozent flöten gehen. Und davon wollen wir ein paar halten.“
Gärtners Gefühl täuscht offenbar nicht, wie ein Blick auf ganz Fußball-Deutschland zeigt. Die U19 hat die Qualifikation für die diesjährige Europameisterschaft verpasst, die U20 war nicht bei der Weltmeisterschaft vertreten. Dorthin schaffte es zumindest die U17. Die WM war allerdings schon nach der Vorrunde wieder vorbei. Das einzige Eisen, das der Nachwuchs des Deutschen Fußballbundes (DFB) noch im Feuer hat, ist die U21. Die startet am kommenden Montag gegen Dänemark in die Vorrunde der Europameisterschaft.
Positivbeispiel Havertz
Stefan Kuntz hat eine Mannschaft beisammen, die auf Bundesligaerfahrung verweisen kann. Dennoch bewertet der U21-Trainer die Lage längst nicht so komfortabel wie vor wenigen Jahren. Das frühe Scheitern des Fußballnachwuchses sei eine Zustandsbeschreibung. „Wir haben aktuell pro Jahrgang nicht mehr die Masse an überragenden Talenten, wie zum Beispiel Kai Havertz, der die U21 komplett überspringen kann“, sagte Kuntz der Deutschen Presse-Agentur. Schon zu Beginn des Jahres hatte er kritisiert, dass zu viele Talente verloren gingen, weil die Förderung nach der U19 nicht optimal sei. „Es ist kontraproduktiv, wenn U23-Mannschaften abgemeldet werden, während in Spanien viele Vereine eine zweite Mannschaft in dem Bereich aufmachen.“
BFV-Funktionär Gärtner hat Ursachenforschung betrieben und gleich mehrere Gründe für die Reibungsverluste zwischen der U18 und den Profis ausgemacht: Der Beginn eines Studiums oder einer Ausbildung in einer anderen Gegend, manchmal ist es gleich ein Jahr im Ausland – die Ursachen der Vereinsaustritte sind vielschichtig. „Auf die Spieler kommt in diesem Alter eine Menge zu, da sind andere Dinge wichtiger als der Fußball“, sagt Gärtner. Daran könne auch ein Spielbetrieb im U20/21-Bereich nichts ändern, doch dafür sei der auch nicht gedacht.
Resigniert nach der A-Jugend
Er soll den Übergang vom Junioren- in den Männerbereich erleichtern. Gerade der körperliche Unterschied, das Spieltempo und die Erfahrung seien der Grund, warum junge Spieler scheitern. „Wer in der A-Jugend Landesliga gespielt hat, denkt, dass er bei den Männern auch Landesliga spielen kann, aber merkt dann, dass das nicht so ist“, sagt Joachim Gärtner.
Wer diesen direkten Sprung nicht schafft, hört schlimmstenfalls resigniert mit dem Fußball auf. Es fehlt eine Zwischenlösung, auf der sich junge Spieler, die gerade dem A-Jugendalter entwachsen sind, mit Gleichaltrigen messen können. Nicht ausschließlich, aber parallel zu ihren Einsätzen in den Männermannschaften, für die sie, trotz Teilnahme an der Probeliga, weiterhin auflaufen dürfen.
Beim Bundesliga-Austeiger 1. FC Union haben sie eine solche Zwischenlösung erprobt. Beim Baltic Sea Cup trat die U21 der Köpenicker an. Das Format brachte den potenziellen Profis ein wenig mehr Spielpraxis, doch richtig bewährt zu haben scheint es sich nicht. Die Zweite Mannschaft von Hertha BSC, die junge Garde der Charlottenburger, kann sich in der Regionalliga Nordost erproben, doch längst nicht jeder Bundesligist verfährt auf diese Art.
Talente aus dem Ausland
Ausgerechnet im Jahr des WM-Titels nämlich ließ sich der DFB dazu hinreißen, die deutschen Profivereine von der Pflicht zu entbinden, ein U23-Team zu stellen. Die meisten dieser Teams waren in den oberen Amateurligen aktiv, aber wurden von einigen Vereinen zurückgezogen, von Bayer Leverkusen etwa, RB Leipzig und Eintracht Frankfurt. Als zu teuer wurden sie eingestuft. Allerdings: „Zunehmend kaufen deutsche Vereine ausländische Talente, die schneller den Sprung in die Bundesliga schaffen“, sagt Stefan Kuntz. Deutsche Nachwuchsspieler dagegen würden oft an unterklassige Vereine ausgeliehen. Eine Statistik verrät, dass nur 19 Prozent der deutschen Bundesligaspieler den direkten Weg aus der A-Jugend in die höchste Spielklasse nehmen.
Hier soll die BFV-Liga ansetzen: Die jungen Spieler gehören weiter zu ihrem Verein, spielen dort weiter mit Gleichaltrigen zusammen und erhalten dadurch Spielzeit. Im getrennten Berlin hat es so eine Spielklasse schon einmal im Westteil der Stadt gegeben. „Damals gab es zwei Staffeln, in denen die Mannschaften einen Meister ausgespielt haben“, sagt Gärtner. Allerdings habe die Resonanz abgenommen, die Liga wurde wieder eingestellt.
Startschuss im August?
Gärtner ist guter Dinge, dass die Neuauflage einer U20/21-Liga bei den Berliner Vereinen ankommt, auch wenn eine solche Liga für kleinere Vereinen kaum möglich sein werde. Doch dieser Testballon könne für größere Vereine interessant sein. „Im schlimmsten Fall geht dem Ballon die Luft aus“, sagt Gärtner. Gespannt ist er schon auf die Resonanz. Am 1. Juli wissen er und seine Mitstreiter mehr, können bei der erforderlichen Mannschaftszahl die nötigen Schritte einleiten. Und vielleicht ist der Startschuss für dieses Pilotprojekt im August richtungsweisend für den gesamtdeutschen Fußball.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de