Während sich dieses Gedicht noch durch charmanten Witz auszeichnet, geht es in dem Poem „Trödelhexe“ weitaus schonungsloser zu. Feilgeboten wird hierin den Herren der Schöpfung „Adams erste/ Fickpuppe Marke Lilith“ oder „Margaretes/ Aschenes Haar“. Vor allem Goethe, der Letztere in seinem großen „Faust“ vergewaltigen und im Schatten eines egoistischen Genies zugrunde gehen lässt, bekommt sein Fett ab. Von vielen als der Gott der deutschsprachigen Literatur gefeiert, entpuppt er sich in Hensels feministischer Poesie schlichtweg nur noch als „Dichterschwein“.
Männer lesen anders
Schon mit ihrem Band „Schleuderfigur“ (2016) nahm die 1961 in Karl-Marx-Stadt geborene, in Berlin lebende Schriftstellerin jenes ästhetische Konzept vorweg, das sie nun gänzlich zur Entfaltung bringt, nämlich das der Verkehrung und Erschütterung unserer Wahrnehmung. Waren es damals noch die gewohnten Bahnen des Lebens, die mitunter durch Klimakatastrophen durchbrochen wurden, sind es heute vermeintlich literarische Meisterwerke, die ihre Unschuld einbüßen. Hänsel, Gretel & Co. einer politischen und gesellschaftskritischen Lesart zu unterziehen und am Sockel der Säulenheiligen der Belletristik empfindlich zu rütteln, hat unterdessen nicht nur Schneid, sondern birgt auch ein bitterböses Leseamüsement.
Kerstin Hensel: Cinderella räumt auf. Luchterhand, München 2021. 136 Seiten, 20,00 Euro.
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