Neue Honorarordnung sorgt bei niedergelassenen Medizinern für Verwirrung

Ärzte kriegen mehr Geld oder auch weniger

Thorkit Treichel
3 Min

Die Treptower Kinderärztin Sylvia Odemarck weiß nicht, ob sie künftig ihre Patienten noch behandeln kann. Denn ihr Honorar soll in diesem Quartal nur noch 20 154,45 Euro betragen, wie ihr die Kassenärztliche Vereinigung (KV) jetzt in einem Brief mitteilte. "Bislang hatte ich eine feste Pauschale in Höhe von 61 000 Euro pro Quartal", sagt die Medizinerin, die sich auf die Behandlung von Kindern mit ADS/ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) spezialisiert hat.Seit gestern gilt eine neue Honorarordnung, die auf einer völlig anderen Berechnungsgrundlage als bislang beruht - und vor allem für Verwirrung sorgt. So gab es bisher für jeden Mediziner ein sogenanntes Individualbudget, das sich an seinem Umsatz des Vorjahres orientierte. Künftig setzt sich das Honorar aus mehreren Teilen zusammen. Da ist zunächst das sogenannte Regelleistungsvolumen, jene 20 154,45 Euro, die Kinderärztin Odemarck erhalten soll. Das Regelleistungsvolumen wird für jedes Quartal neu festgelegt und bemisst sich an der Zahl der behandelten Patienten sowie an den durchschnittlichen Behandlungskosten. Wenn also die Untersuchung beim Kinderarzt durchschnittlich pro Patient 30 Euro kostet, erhält Sylvia Odemarck diesen Betrag, auch wenn ihre eigenen Kosten darüber liegen.Allerdings wird es bei dieser Summe nicht bleiben, da in der bisherigen Pauschale der Kinderärztin von 61 000 Euro auch Kosten für Impfungen oder Vorsorgeuntersuchungen enthalten waren. Die würden nun gesondert bezahlt, sagt KV-Sprecherin Annette Kurth. "Das wissen einige Ärzte nicht. Daher haben die Bescheide über das Regelleistungsvolumen bei einigen für Verunsicherung gesorgt", sagt sie. Die KV sei jedoch verpflichtet gewesen, diese Briefe zu verschicken, weil der Gesetzgeber dies verlange.Insgesamt aber würden die Mediziner von der Honorarreform profitieren. "Sie erhalten 150 Millionen Euro mehr, das sind 15 Prozent", sagt Kurth. Viele Kassenärzte hätten in den vergangenen Jahren ein Drittel ihrer Leistung umsonst erbracht. Jene, die am stärksten benachteiligt wurden, sollen einen überdurchschnittlich hohen Zuschuss erhalten, etwa die knapp 2 000 Psychotherapeuten: "Sie bekommen deutlich mehr Geld", sagt die KV-Sprecherin. Auch die 350 Mediziner im ärztlichen Bereitschaftsdienst werden statt mit 45 Euro nun mit 70 Euro für den Krankenbesuch vergütet. Weniger Geld werden jene Ärzte haben, die sich auf eine kostenintensive Therapie spezialisiert haben wie die Kinderärztin Sylvia Odemarck. Sie arbeitet mit Therapeuten, Lehrern, Psychologen und Sozialarbeitern in ihrer Praxis zusammen. Die Nachfrage sei so groß, dass sie einen Aufnahmestopp habe verhängen müssen.Klar ist, dass die Krankenkassen für die Behandlung der verhaltensauffälligen Kinder der Ärztin weiterhin einen Zuschuss in Höhe von 160 Euro pro Quartal bezahlen. "Das sind bis zu 70 000 Euro", sagt sie. Wie viel sie etwa für Sonderleistungen wie Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen erhält, die bislang aus der Pauschale von 60 000 Euro finanziert wurden, steht noch nicht fest. "Bislang standen mir insgesamt bis zu 130 000 Euro pro Quartal zur Verfügung. Davon gehen 105 000 Euro für die Löhne der 15 Mitarbeiter und Betriebskosten ab." Die Kinderärztin hat bei der KV Widerspruch gegen eine Honorarkürzung eingelegt. Wie viel Geld sie künftig verdient, wird sie im Januar erfahren, sagt Uwe Kraffel, stellvertretender KV-Vorstandsvorsitzender.------------------------------Foto: Die Treptower Kinderärztin Sylvia Odemarck hat schon mal gegen ihre Honorarkürzung Widerspruch eingelegt.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema