Moskau - Wladimir Putin ließ keinen Zweifel an der Bedeutsamkeit der Stunde. „Das ist ein wichtiges Ereignis sowohl für die Zukunft der Flotte wie auch für die Entwicklung des Schiffbaus“, erklärte er am Sonntag auf der russischen Fregatte „Flottenadmiral der Sowjetunion Gorschkow“. Dort hatte der russische Präsident am Tag der Kriegsseeflotte feierlich eine neue Fassung der russischen Marinedoktrin abgesegnet. Darin werde die Meerespolitik des Landes „ganzheitlich und konsequent“ formuliert.
Es ist eine Doktrin, die auch die nichtmilitärischen Interessen der russischen Seemacht formuliert. Mit Vizepremier Rogosin erläuterte der einzige anwesende Zivilist neben Putin das 46-Seiten-Papier. Es gelte, die wiedervereinte Krim auch zu Meer in die russische Wirtschaft zu integrieren, Transportwesen, Schiffbau und Umweltschutz zu entwickeln, im Stillen Ozean die Partnerschaft mit China und im Indischen Ozean die freundlichen Beziehungen zu Indien auszubauen.
Schutz der Bodenschätze
Damit aber gibt die Doktrin längst bekannte Elemente der russischen Politik wieder. Das gilt auch für den militärischen Teil, etwa den defensiven Charakter der eigenen militärischen Maßnahmen. „In letzter Zeit entwickelt sich der Nordatlantikpakt und nähert sich unseren Grenzen ziemlich aktiv“, erklärte Rogosin. Worauf Russland zweifelsohne seine Antwort finden werde.
„Wirklich neu ist eigentlich nur die Gewichtung auf die arktische Region“, sagt der Moskauer Militärexperte Viktor Litowkin der Berliner Zeitung. „Die kürzeste Flugroute für Interkontinentalraketen führt über den Nordpol, Russland konzentriert hier Marinestreitkräfte, um im Konfliktfall seegestützte Antiraketensysteme der Amerikaner ausschalten zu können. Auch um die Bodenschätze vor seiner Nordküste zu schützen, sowie den Seeweg vom Atlantischen in den Pazifischen Ozean, der sich durch die Erwärmung der Meere eröffnet.“
Allerdings ist auch der Aufmarsch verschiedener russischer Waffengattungen in der Arktis seit Jahren Thema. Die Wertung als „Neue Meerdoktrin. Russland plant Atom-Eisbrecherflotte“ übertreibt. Russische Atom-Eisbrecher waren schon zu Sowjetzeiten im Nordmeer unterwegs. Es ist keine Überraschung, dass die Russen diese Flotte ausbauen wollen, um sie als Begleitschiffe für ausländische Frachter auf der Nordmeerroute kommerziell einzusetzen.
In der neuen Marinedoktrin ist auch von der Antarktis die Rede, wobei eher wissenschaftliche denn militärische Ambitionen gezeigt werden. Das Südpolgebiet ist nach dem Antarktisvertrag, den auch Russland anerkennt, demilitarisierte Zone, auch die Ausbeutung von Rohstoffen ist dort untersagt.
Pannen bei der Vorführung
Die Pressestelle des Verteidigungsministeriums gab zum Kriegsflottentag bekannt, zurzeit seien rund 80 Gefechts- und Versorgungsschiffe auf den Weltmeeren im Einsatz. Insgesamt verfügt Russland über gut 330 Kriegsschiffe, viele Beobachter vermuten, dass ein Großteil von ihnen schrottreif ist. Die US-Flotte besitzt gut 280 Kriegsschiffe, darunter 10 Flugzeugträger, Russland hat nur einen. Auch wenn Moskau schon 2014 ankündigte, die Schwarzmeerflotte um 80 Schiffe verstärken zu wollen – nach Ansicht vieler Beobachter bleibt die Strategie der Kriegsmarine defensiv. Militärexperte Alexander Golz meint, ihr Minimalziel ist, im Krieg die eigenen Atom-U-Boote zu verteidigen, damit diese einen Nuklearschlag gegen Amerika führen können.
Der Tag der Kriegsflotte am Sonntag zeigte deren Schwächen. Bei einer Gefechtsparade in Sewastopol explodierte eine Rakete sofort nach dem Abschuss und stürzte nach wenigen Metern ins Wasser. Bei einer anderen Flottenparade in Baltijsk, wo Wladimir Putin anwesend war, blieb eine Rakete im Gefechtsrohr stecken.
Die staatliche Nachrichtenagentur RIA Nowosti ignorierte die Pannen und lieferte ein Putin-Zitat aus Baltijsk: „Die Kriegsflotte sichert erfolgreich die Verteidigungsfähigkeit des Landes.“ Die Agentur konzentrierte sich dann auf eine andere Meldung: „Merkel ist in der Oper vom Stuhl gefallen.“
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