Neue Nationalgalerie Berlin

Wie geht es aus mit der Kunst?

In der Neuen Nationalgalerie geht die Ausstellung der eigenen Sammlung weiter. „Erweiterte Kampfzone“ bewertet die Kunst von 1968 bis 2000 in West und Ost. Fazit: Das Weltverändernde und Individuelle wird heute von Nichtigkeiten abgelöst.

Ingeborg Ruthe
6 Min
Mann gegen Mann: Bruce Naumans „Double Poke in the Eye II“, 1985 aus der Friedrich-Christian-Flick-Collection der Nationalgalerie.

Mann gegen Mann: Bruce Naumans „Double Poke in the Eye II“, 1985 aus der Friedrich-Christian-Flick-Collection der Nationalgalerie.

© VG Bild-Kunst, Bonn 2013 Lizenz

Womöglich ist das, was die Neue Nationalgalerie jetzt zeigt, das disparateste Kapitel ihrer Sammlungs-Trilogie übers 20. Jahrhundert. Das Finale heißt „Ausweitung der Kampfzone“, klingt aggressiv. Aber wie geht es aus mit der Kunst im Jahr 2000?

Und wenn dieser dritte Teil einer Epochen-Bildbeschau im Dezember 2014 endet – nach „Moderne Zeiten“, dem Überblick über die Kunst von 1900 bis 1945, nach „Der geteilte Himmel“ mit Kunst der Nachkriegszeit von 1945 bis 1968 – dann wird der Mies-van-der-Rohe-Bau endlich saniert. Dann ist er, mit oder ohne dringend nötigem Erweiterungsbau für die überquellenden Kollektionen des 20. Jahrhunderts, lange Baustelle. Also sollten wir sie auf Jahre gut in Erinnerung haben, die Kunst von 1968 bis 2000.

Der Ausstellungstitel ist einem Roman von Michel Houellebecq entlehnt, darin geht es um den Neoliberalismus, der nach dem Ende des Kalten Krieges zunehmend die Denk- und Handlungsweisen prägt. „Der Wirtschaftsliberalismus ist die erweiterte Kampfzone ..., er gilt für alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen“, konstatiert der Autor.

Auf die Kunst übertragen, gibt es in dieser von den Nationalgaleristen Udo Kittelmann, Joachim Jäger, Dieter Scholz kuratierten Ausstellung mit 100 Hauptwerken der Sammlung so viele Antworten wie Fragen. Denn die Einteilung der Welt in West und Ost, Schwarz und Weiß, in Gut und Böse funktioniert nicht mehr. Die klischeehaften Stilkategorien der Kunst aus der Freiheit und aus der Diktatur lösen sich auf, die Ideologien werden obsolet.

Was sich in den Museumssälen herstellt, sind Reibung, Kontrast, Dialog. Alles, was wir sehen, bezieht sich aufeinander. Und nicht nur Joseph Beuys, Gerhard Richter, Sigmar Polke, Neo Rauch, Andy Warhol, Damien Hirst, um einige berühmte Protagonisten der Zeitspanne zu nennen, vermitteln ein Bild der Gesellschaft, wie es aktueller nicht sein kann.

Die Auswahl musste knapp getroffen werden; es soll ja auch nicht die ganze Geschichte der Kunst am Ende des 20. Jahrhunderts erzählt werden. Vielmehr geht es um die folgenreichen Austauschprozesse zwischen Kunst und Gesellschaft. Die Kunstproduktion wuchs seit 1968, inmitten der politischen Turbulenzen, enorm. Die Berliner Sammlungen sind deutlich von der Situation der einstigen Front-Stadt geprägt. Hier wurde anders gesammelt als etwa in München.

Zwangläufig also treffen wir zuerst auf Beuys’ „Richtkräfte für eine neue Gesellschaft“, 1974-77. Da stehen wir vor den kryptisch bekritzelten Schiefertafeln mit der kühnen Beuys-Vision zum Thema Bildung und Gerechtigkeit. Da sehen wir belustigt zu, wie er in einem Video so besessen wie stoisch Weltveränderungs-Konferenzen in Permanenz abhält, derweil hinter seinem Rücken die sämtliche Künstlerberühmtheiten ihrer Zeit kopierende Konzeptualistin Elaine Sturtevant auf einem Foto den Schamanen-Kämpfer Beuys mimt. Mit ironisch-feministischer Geste und dem Anspruch weiblicher Teilhabe am „erweiterten Kunstbegriff“.

Wie ein Bühnenbild für diese Szene unterstreicht das riesige Tableau des Selbstporträts mit Händen vor dem Gesicht des Fotografen Klaus Rinke den von Beuys zelebrierten „neuen Kunstbegriff“: Weg von der Aura des Einzelwerks, hin zum Konzeptionellen, Performativen, Seriellen, Multiplen.

Die Kampfzone ist offen – die Kunst reagiert auf Studentenrevolte und sexuelle Befreiung, Atomrüstung, Terrorismus, Punk und Umweltsünden, Mauerfall und Globalisierung, Computer, Markenfetischismus, Börsenboom und New Economy. Katharina Sieverdings Großfoto „Schlachtfeld Deutschland“ war ein Kommentar zur GSG-9-Gründung.

Und im Osten? Da malte Tübke virtuos seinen Entwurf für das Bauernkriegs-Panorama Bad Frankenhausen. Der DDR-Staatsauftrag ist eine grandiose Kriegsmetapher mit Erlösersymbolik. Davor lastet in der Schau nun Anselm Kiefers Bomber aus der „Bleiernen Bibliothek“, während an der anderen Wand Bernhard Heisigs „Pariser Kommune“ wie im Delirium untergeht. Klaphecks führerhausloser Bulldozer markiert das „Ende der Reformen“ und im „Systembild“ des Grenzgängers A.R. Penck erstarren Strichmännchen und Waffen. Aber dann, wie zur Beruhigung der Kampfzone, hängt da, allein an einer Wand, „Das weite Land“ des Leipzigers Wolfgang Mattheuer: Ein Andachtsbild, das den deutsch-deutschen Bilderstreit relativiert.

Mit ihrer „Malmaschine“, wo automatisch Farbe poetisch auf die Wände sprüht, arbeitet sich Rebecca Horn am neuen Kunstbegriff ab. Ihre Kolleginnen Carolee Schneemann und Marina Abramovic setzen den ganzen Körper ein für ihre sinnliche Kunst. Den Kontrast liefern Hanne Darbovens Skripte unter Glas, diese streng komponierte Konzept-Obsession, die den Zahlen und der Schrift galt, und Isa Genzkens ruppig-präzise Betonskulpturen wirken weiblich – aber rabiat. Welch ein Dialog mit der selbstgewissen Farbfeldmalerei Gerhard Richters und dem Sarkasmus des Malers Sigmar Polke. Dessen Tafeln „Manöverschaden“ und „Aufschwung Ost“ sind lesbar als Anmerkungen zu Lage der Nation.

Und dann steht man, fast wie in einem Heiligtum, vor Barnett Newmans exemplarischem Epochenbild „Wer hat Angst vor Rot, Gelb, Blau?“, 1970 – diesen Kampfruf: Farbe statt Inhalt! Andreas Gurskys „Singapore Stock Exchange“ versinnbildlicht den Börsenplatz als Machtzentrum des globalen Finanzwesens. Wolfgang Tillmans bestückte eine ganze Wand mit nur lapidar angepinnten, aus Zeitungen abfotografierten lachenden und harmlos agierenden Soldaten: Golf- und Kosovo-Krieg. Das passende Design dazu liefert gegenüber Warhols Camouflage-Leinwand, als Kriegsreferenz und Verweis auf den unvermeidlichen Modetrend.

Kampfzone Politik, Kampfzone Kunst: Da lacht man über den Neo-Dadaismus von Anna und Eberhard Blume. Und über die fröhliche Störung des saturierten Kapitalismus: Pipilotti Rists Video aus den Neunzigern, wo sie, bewaffnet mit einer Blütenrispe, lustvoll die Scheiben der Statussymbole – BMW, Mercedes, Audi, VW – zertrümmert.

Doch von da an obsiegt der Zeitgeist am Ende des 20. Jahrhunderts, verbildlicht etwa von Damien Hirst: Er malte auf eine Wand bunte Op-Art-Punkte, als illustriere er Houellebecqs Schrift von der Leere des Kapitalismus. Nicht weit davon wirbt Sylvie Fleury mit grünen Lettern auf rosa Grund für Eternity von Calvin Klein, der Duft des 21. Jahrhunderts? Und am Ausgang steht ein edel gestylter Mülleimer, viel Chrom zum matten Schwarz. Der Bildhauer Haim Steinbach kommentiert ironisch die aktuelle Kunst: Design statt Engagement.

Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50 (Tiergarten). Bis 31. Dezember 2014. Dienstag und Mittwoch 10–18 Uhr, Donnerstag 10– 20 Uhr, Freitag 10–18 Uhr, Samstag und Sonntag 11–18 Uhr.

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