Heiraten ist kein Spaß. Nicht selten entladen sich bekanntlich auf Hochzeiten familiäre Spannungen. Aber auch Entäußerungen hemmungsloser Freude können gefährlich werden. Deshalb ist jetzt das Bürgermeisteramt der tschetschenischen Hauptstadt Grosny tätig geworden und den Auswüchsen mit seiner Verordnung Nr. 748 entschieden entgegengetreten. Ab sofort sind während der Hochzeitsfeierlichkeiten im öffentlichen Raum, also überall in Restaurants oder Bankettsälen, jegliche Schusswechsel mit Handfeuerwaffen aller Art streng verboten.
Schüsse bei großer Freude
Mit Nachdruck dringt das Amt zudem darauf, dass in der Metropole der zu Russland gehörenden Kaukasusrepublik streng nach tschetschenischer Tradition geheiratet wird. Also in der muslimischen Umgebung auch ohne Alkohol. Jedoch gehört das Tragen und der Gebrauch von Schusswaffen eigentlich zu diesen Traditionen. Ramsan Kadyrow, der Präsident der Kaukasusrepublik, war vor Jahren sogar mit einer vergoldeten Pistole auf der Hochzeit eines seiner Freunde erschienen, um seiner grenzenlosen Freude mit Schüssen in die Luft angemessen Ausdruck zu verleihen.
Der Umgang mit Waffen ist Kadyrow gut vertraut. Er war im Tschetschenienkrieg Anführer einer der berüchtigtsten separatistischen Milizen, die mordend und brandschatzend durch die Region zogen, bevor er sich auf die Seite des russischen Präsidenten Wladimir Putin schlug. Natürlich waren die meisten männlichen Gäste wie auch die Kohorte der Leibwächter des Präsidenten auf besagter Hochzeit ebenfalls bewaffnet.
Ab jetzt ist es aber verboten, eine Schießerei anzuzetteln – und sei es aus noch so traditionsbewehrten Gründen. Darüber hinaus ist eine Reihe einfacher Regeln zu beachten, die in der Verlautbarung der Verwaltung aufgelistet werden. Darin heißt es unter anderem: Streng verboten sind „freizügige Anspielungen und Handlungen, des Weiteren verschiedene ungewöhnliche Bewegungen (akrobatische Elemente), Tänze mit zwei oder mehreren Partnern innerhalb eines Liedes und das Abdrängen älterer Persönlichkeiten“. Das tragen offenherziger westlicher Kleider hatte Präsident Kadyrow den Bräuten zuvor schon verboten.
Nach europäischer Manier eine Torte anzuschneiden ist ebenso verpönt wie die formelle Aufforderung zum Tanz. Die Braut dürfe ohnehin nicht auf die Tanzfläche, wo die Akteure stets den Mindestabstand einzuhalten haben: die Länge eines ausgestreckten Armes. Wehe den Mädchen, die es wagen, mit lasziven Bewegungen „um einen Jungen zu werben“. Bei allen Verfehlungen ist die Administration des Restaurants oder des Bankettsaales angehalten, die Miliz herbeizurufen. In so einem Falll könnte möglicherweise einer der Freunde des Präsidenten Kadyrow erscheinen: Naschud Gutschinow ist der Chef einer Polizeieinheit in Tschetschenien. Die Heirat des 47-jährigen Offiziers mit der 17-jährigen Schülerin Luisa Goilabijewa sorgte im Frühjahr für Aufregung. Der kremlnahe TV-Sender Lifenews berichtete direkt und bezeichnete das Ereignis als „Hochzeit des Jahrhunderts“. Auf den Bildern ist jedoch eine sterbenstraurige Braut zu sehen, die den Kopf ständig gesenkt hält. Die oppositionelle Zeitung Nowaja Gazeta recherchierte seinerzeit und fand heraus, dass es sich offensichtlich um eine Zwangsheirat handelte. Die Eltern der Braut sollen von Kadyrows Ordnungshüter massiv unter Druck gesetzt worden sein.
Keuscher Blick zum Boden
Seine persönliche Vorstellungen von der Ehe hatte Kadyrow vor einiger Zeit übrigens der Moskauer Regierungszeitung Rossijskaja Gazeta erläutert. Der Brauch erlaube die Polygamie, erklärte er da. Und diese Bräuche seinen hart, auch Ehrenmorde gehörten dazu. „Es ist besser, zweite oder dritte Frau zu sein als tot“, so Kadyrow seinerzeit. Die Ehe seines Polizeischergen hatte der Präsident auf seiner Internet-Seite angekündigt. Dabei scherte es ihn wenig, dass er selbst die Hochzeiten mit Minderjährigen 2012 verboten hatte. Ein Video zeigt ihn jedenfalls als Gast der Hochzeit. Entspannt tanzend und in vorgeschriebenem Abstand von mehr als einer Armlänge neben einer kaukasischen Schönheit, die keusch zu Boden blickt und nicht um ihn wirbt. Alles in bester Ordnung.
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