Neuer Lageso-Chef

Was McKinsey-Berater Sebastian Muschter in Berlin vorhat

Mit dem Sozialsenator ist er per Du, der neue Job hat ihm schon schlaflose Nächte bereitet und er will nicht zwischen die politischen Fronten geraten: Sebastian Muschter wird für rund ein Jahr kommissarischer Präsident des Lageso. Ein Portrait.

Thorkit Treichel
4 Min
Der Berliner Senator für Gesundheit und Soziales, Mario Czaja (CDU - l) und der neue, kommissarische Präsident des Landesamtes für Gesundheit und Soziales, Sebastian Muschter.

Der Berliner Senator für Gesundheit und Soziales, Mario Czaja (CDU - l) und der neue, kommissarische Präsident des Landesamtes für Gesundheit und Soziales, Sebastian Muschter.

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Sebastian Muschter wird eine ziemlich genaue Vorstellung davon haben, was ihn als kommissarischer Lageso-Chef ab Montag erwartet. Seit September gehört der McKinsey-Manager dem Team an, das die Unternehmensberatung entsandt hat, um dabei zu helfen, Ordnung in das Flüchtlingsamt zu bringen. Der 46-Jährige war an der Konzeption der Registrierungsstelle in der Bundesallee in Wilmersdorf beteiligt, in der alle zuständigen Behörden unter einem Dach arbeiten. Und er berät den Senat bei der Umgestaltung des Lageso sowie dem Aufbau eines neuen Landesamtes für Flüchtlinge.

„Das ist die schwierigste Herausforderung seit den Hartz IV-Reformen, wahrscheinlich sogar seit der Wiedervereinigung“, sagt Muschter. Er sitzt in einem Raum der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus – ohne Krawatte, dafür mit buntem Armbändchen. Sozialsenator Mario Czaja (CDU) hat kurzfristig eingeladen, um den Neuen vorzustellen. Und um die Ergebnisse der Senatsklausur vom Mittwoch zu präsentieren, über die zuvor bereits der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Innensenator Frank Henkel (CDU) informiert hatten.

Bis kurz vor Mitternacht habe die Sitzung gedauert, sagt Czaja. Danach teilte der Senator Muschter am Telefon mit, dass die große Koalition sich einstimmig für ihn entschieden habe. „Ich bin dankbar, dass der Senat meinem Vorschlag gefolgt ist.“ Muschter erzählt, der Senator habe ihn in der vergangenen Woche während eines dreitägigen Skiurlaubs mit der Familie gefragt, ob er bereit sei, die Leitung auf Zeit zu übernehmen. „Danach habe ich nicht mehr so gut geschlafen“, sagt er.

Einarbeitungszeit braucht er jedenfalls nicht, und die Expertise bringt er für seine neue Aufgabe auch mit. Muschter, der BWL studiert und seine Doktorarbeit über Informationsmanagement geschrieben hat, beschäftigt sich seit Beginn seiner beruflichen Laufbahn mit sogenannten Optimierungsprozessen sowohl in der Privatwirtschaft als auch in der öffentlichen Verwaltung. Er hat den Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, beraten, der inzwischen auch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge leitet. Und er hat sechs Jahre in den USA gelebt und in Start-ups gearbeitet. Dort lernte Muschter auch seine Frau, eine Amerikanerin, kennen, mit der er „drei sehr niedliche Töchter“ hat, wie er sagt.

Digitalisierung für die verstaubte Behörde

2004 fing er bei McKinsey an und konzentrierte sich auf E-Government, IT-Strategien sowie Strukturveränderungen. Auch in das Lageso soll die Digitalisierung einziehen. Das käme für die verstaubte Behörde, in der Akten in Postkisten lagern und die Software vorsintflutlich ist, einer Revolution gleich. Als Beispiel nennt Muschter Sprachlern-Apps in Wartezonen. Das hört sich gut an: Dann können sich Flüchtlinge während der derzeit langen Wartezeiten mehr als solide Deutschkenntnisse aneignen.

Muschter wirbt um Verständnis für die Beschäftigten im Lageso. Die Strukturen dort seien einfach nicht mehr tragfähig. „Früher hatten Führungskräfte zehn bis 15 Mitarbeiter, heute sind es 50 bis 60“, sagt er. Die Abteilungsleiter müssten Zeitarbeiter, Pensionäre, Freiwillige aus anderen Verwaltungen einarbeiten und nebenher neue Prozesse einleiten. „Das geht nicht“, sagt Muschter. Er will jetzt eine zentrale Einarbeitungsgruppe gründen und schriftliche Leitfäden für Verwaltungshandeln definieren.

"Ich habe keine Lust, in politische Mühlen zu geraten"

Von sich aus kommt Muschter auf hoch bezahlte Unternehmensberater wie ihn zu sprechen, die immer wieder in der Kritik stehen. „Es gibt gewisse Stereotype über McKinsey“, sagt er. Um dann zu erwähnen, dass er sich bereits mit der Personalvertretung des Lageso unterhalten habe. „Wir haben die gleichen Ziele: eine effektive Organisation, die Flüchtlingen hilft.“

Dafür bleiben ihm nur neun bis zwölf Monate. Danach sollen die Stellen des Lageso-Chefs sowie des Leiters des neuen Landesamtes für Flüchtlinge ausgeschrieben werden. Muschter schließt aus, einen der beiden Posten zu übernehmen. „Ich will in den nächsten Monaten versuchen, das Lageso zumindest in Ansätzen in den Griff zu bekommen und ein bisschen Struktur reinzukriegen“, sagt Muschter.

Das klingt ein wenig nach strategischer Tiefstapelei. Mit niedrig gesteckten Zielen kann man schließlich kaum scheitern. Allerdings brauche er dafür „den Support“, also die Unterstützung des gesamten Senats. „Ich habe keine Lust, in politische Mühlen zu geraten“, sagt Sebastian Muschter. Das Verhältnis zu allen Senatoren muss ja nicht gleich so vertraut sein, wie es offenbar schon mit Czaja ist. Mit dem Sozialsenator ist der neue Lageso-Chef auf Zeit bereits per Du.

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