Es ist beschämend, aber ich gestehe: Ich kannte Virat Kohli nicht. Dabei ist der 30-Jährige ein Star. Ein Superstar. 36 Millionen Menschen, und damit mehr als jedem Fußballer der deutschen Nationalmannschaft, folgen dem Inder auf Instagram. Als Schlagmann der indischen Cricket-Nationalmannschaft ist er zum Multimillionär geworden. Für seine Landsleute ist er ein Volksheld. Aber ich kannte den Cristiano Ronaldo des Crickets bis dato nicht. Zurzeit bestreitet Kohli mit der indischen Auswahl die Weltmeisterschaft in England und Wales. Sie zählt mit Fernseh-Einschaltquoten von bis zu einer Milliarde pro Spiel zu den größten Sportturnieren der Welt.
In Indien eine Religion
Auch der Berliner Cricket-Club BSV 1892 Britannia ist an diesem Tag im WM-Fieber. Einer von ihnen – Rohit Singh – wurde sogar vom Weltverband eingeladen, als Zuschauer dabei zu sein. Der 23-Jährige gehört der deutschen Nationalmannschaft an, die sich allerdings nicht für das Turnier qualifiziert hat. „Vom absoluten Anfänger bis zum Nationalspieler ist bei uns im Verein jeder herzlich willkommen“, sagt Sunil Gowda, 43, der zweite Vorsitzende des BSV 1892. Ebenfalls aus Indien stammen die Vereinsmitglieder Ankur, 29, und Darshak, 25. Die beiden Austauschstudenten – dichter Vollbart, buschiges Haupthaar – grinsen, als sie mich auf dem Maifeld zum Selbstversuch antreffen. Sie wissen: Das ist also dieser Reporter, der heute ihren Volkssport ausüben wird – und sich dabei sicher ziemlich hölzern anstellen wird. „Es wird dir großen Spaß machen, da bin ich sicher“, sagt Ankur.
Hier wird gespielt
Vereine: Neun Cricketvereine gibt es in Berlin, darunter den in Schmargendorf ansässigen BSV 1892 Britannia. Trainiert wird zurzeit mittwochs und donnerstags, ab 16 Uhr, auf dem Maifeld. Website: bsv1892.de
Verband: Das Berliner Cricket Komitee organisiert den Cricketsport in Berlin, laut Verbands-Internetseite gibt es mehrere Hundert Aktive. Mehr Informationen zum Verband und zu den Vereinen unter cricket-berlin.de
Probestunden: Die meisten Vereine haben kostenlose Schnupperstunden im Angebot, heißt es beim Berliner Cricket Komitee. Die Ausrüstung stellen die Vereine zur Verfügung, Interessenten brauchen nur Sportkleidung.
Zum ersten Mal überhaupt werde ich Cricket spielen. Die vielleicht populärste Sportart der Welt, die aber hierzulande kaum einer kennt. Die Begeisterung für Cricket lässt sich geografisch leicht einteilen: hier Großbritannien mit seinen ehemaligen Kolonien und Überseegebieten, da der kopfschüttelnde Rest der Welt. England, Australien, Neuseeland, Südafrika, Indien, Pakistan, Sri Lanka, Bangladesch, Afghanistan zählen zu den besten Nationen.
Kurz darauf stehe ich in voller Montur da: Pads, die Beine und Oberschenkel schützen, Brustpanzer, Handschuhe, Helm, und – ganz wichtig – ein Suspensorium zum Schutz der Gentleman’s Region.
Ich darf mich als Batsman, also als Schlagmann, versuchen. Ich werde also das machen, was Virat Kohli, der Berühmteste dieses Sports, tagtäglich macht. Mein Ziel: den 160 Gramm schweren Lederball, der aus etwa zwölf Metern Entfernung von einem Bowler geworfen wird, mit dem Holzschläger zurück ins Feld bringen, im besten Fall so, dass er nicht von einem Spieler des gegnerischen Teams gefangen wird. Die Holzschläger, die Bats, sind dabei schwerer als gedacht. Sie wiegen etwas mehr als ein Kilo und gehen mit der Weile ziemlich auf die Arme. Ohne Training kann man Cricket also nicht so einfach ausüben.
„Cricket ist ein Gentlemen-Sport“
Ich komme mir in der Ausrüstung etwas seltsam vor. Ankur lacht. „Sieht doch gut aus.“ Er präpariert noch schnell den Schläger. Mit einem Holzhammer klopft er das Material weich. „Dadurch wird das Holz warm und ist weniger brüchig“, erklärt er. Dann kann es losgehen. „Nicht so fest! Werft langsam“, ruft Mark Jameson, 38, der Vorsitzende der BSV-Cricketabteilung seinen Jungs zu. Mit bis zu Tempo 160 fliegen die Bälle nämlich in Profispielen auf den Schlagmann zu. An diesem Tag werden sie zwar nur 60 bis 70 Stundenkilometer erreichen, für mich als Anfänger trotzdem unfassbar schnell. Sam aus Bangladesch ist der erste Werfer. Im Eins-gegen-Eins steht der 30-Jährige mir gegenüber. Er schaut konzentriert, läuft los und wirft den Ball nach fünf Schritten über Kopf, die typische Wurfhaltung, auf mich zu. Rumms! So schnell konnte ich gar nicht reagieren. Das Leder fliegt an mir vorbei – und voll ins Wicket, eine Konstruktion aus drei Stäben, auf denen wiederum zwei kleine Querstäbe lose aufliegen. „Damit wärst du raus“, sagt Mark.
Virat Kohli, Cricket-Superstar.
© Cheer Team India
Der Nordengländer ist als junger Bursche „quasi mit dem Cricketschläger aufgewachsen“. In Yorkshire hat er als Zehn- oder Elfjähriger begonnen. Ganz so genau weiß er es nicht mehr. Was er an dem Schlagsport so mag: „Cricket ist ein Gentlemen-Sport“, sagt er, „wir legen großen Wert auf Respekt, Manieren und Fairness.“ Den Schiedsrichter anmeckern? Im Cricket undenkbar. Das hätte eine saftige Strafe zur Folge und würde zudem zur Ächtung bei den Mitspielern führen.
48 Mitglieder – davon 40 Aktive – hat die Cricketabteilung des BSV. Der Sport ist multikulti. Aus Südafrika, Australien, Sri Lanka, England, Pakistan, Nepal, Bangladesch kommen die Spieler von Britannia. „Unser Sport verbindet die Menschen. Er ist sehr divers und lebt von der Vielfalt“, sagt Sunil. Vor 20 Jahren lernte der zweite Vorsitzende des Berliner Klubs in seiner Heimat Indien die Kreuzbergerin Isabell kennen, seine heutige Ehefrau. Er sagt: „Für uns Inder ist Cricket wie eine Religion.“
Erster Treffer nach vielen Versuchen
In Deutschland, das auf Platz 43 der Weltrangliste steht, ist es noch lange nicht so weit. Trotzdem erlebt Cricket im Zuge der Flüchtlingswelle einen regelrechten Boom. Vor allem zugewanderte Afghanen finden in dem Sport ein Stück Heimat. „Wir spüren ein enormes Wachstum seit der Flüchtlingskrise“, sagt Sunil. So soll es zeitweise deutschlandweit drei bis vier Neuanmeldungen pro Tag gegeben haben. Vor acht Jahren gab es noch 70 Mannschaften beim deutschen Cricket-Verband. Heute sind es weit mehr als 300.
Der Schlagsport ist viel intensiver, als es auf den ersten Blick aussieht. Es braucht Kraft, Koordination und viel Geschick, um den Ball als Schlagmann auch wirklich zu treffen. Mit dem achten oder neunten Wurf gelingt es mir dann endlich. Sieht zwar nicht elegant aus, so wie bei den anderen, aber immerhin treffe ich. Die Mitspieler schmunzeln etwas über meine Haltung. Ich würde leicht hüpfen statt mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben. Liegt vielleicht daran, dass ich dann doch etwas Respekt vor dem winzigen Ball habe, der mir am Körper blaue Flecken zufügen könnte. Cricket verlangt neben höchsten athletischen Anforderungen auch stundenlange Konzentration. Sieben, acht, neun Stunden kann ein Spiel schon mal dauern. Es gibt Mittags- und Teepausen.
Immer wieder geht Marks Blick hoch gen Himmel. Der Wettergott muss mitspielen. Sonst hat Cricket ein Problem. Regen ist für die Schläger nicht gut. Da bricht die graue Wolkendecke über dem Maifeld auf, es windet und regnet wie aus einem Guss. Nach etwa 30 Minuten müssen wir die Einheit abbrechen. Meine Mitspieler stört das nicht. Sie nehmen es gelassen hin und freuen sich aufs nächste Zusammenkommen.
Historie
Der Ursprung des „Kreckett“ liegt in England und geht bis ins 16. Jahrhundert zurück. Durch die zunehmende Kolonialisierung des britischen Weltreichs kam Cricket auch nach Übersee. Es fand Verbreitung in der Karibik und Indien, später dann in Australien, Neuseeland und Südafrika. Schon 1744 wurden die allgemeinen Regeln unter dem Titel „Laws of Cricket“ erstmals protokolliert.
In Deutschland wird Cricket seit 1888 in organisierter Form gespielt. Noch 1937 gab es 50 Vereine. In der NS-Zeit wurde der Sport allerdings verboten, weil er nicht „deutsch“ genug war. Erst die englischen Besatzer und Austauschstudenten aus dem Commonwealth of Nations brachten den Sport hierzulande wieder zurück.
Heute gibt es weit mehr als 300 Vereine in Deutschland.
Regeln
Zwei Teams mit je elf Spielern treten gegeneinander an. Eine Partie wird in zwei Durchgänge (Innings) geteilt, die zusammen oft mehr als sechs Stunden dauern. Das Spielfeld ist etwa doppelt so groß wie ein Fußballfeld. Es gibt darin ein ovales Feld, in dessen Zentrum sich die 20 Meter lange und 3 Meter breite Pitch befindet. An deren Ende steht ein Wicket, eine Konstruktion aus drei Stäben, auf denen zwei kleine Querstäbe aufliegen.
So ist ein Cricketfeld aufgteilt.
© Berliner Zeitung
Dazwischen duellieren sich Werfer (Bowler) und Schlagmann (Batsman). Ziel des Werfers ist es, mit dem Ball das Wicket zu treffen, der Schlagmann wiederum versucht, das Leder möglichst weit zu schlagen. Dabei muss der Batsman so oft es geht die Linie auf der anderen Seite überqueren (Run). Das Feldteam versucht währenddessen, den Ball schnell wiederzuerlangen.
Ausrüstung
Zum Cricketspielen braucht es schon ein paar Ausrüstungsgegenstände, die aber relativ schnell besorgt werden können. In erster Linie benötigt man einen Helm, der Kopf und Gesicht vor den bis zu 160 km/h schnellen Bällen schützt. Dieser ist bereits ab 50 Euro zu haben. Für einen guten Schläger aus Weidenholz sollte man zwischen 80 und 150 Euro hinlegen. Schutz für den Genitalbereich (ab 8 Euro) sowie Pads für Oberschenkel (ab 6 Euro) und die Beine (ab 25 Euro) müssen ebenfalls angeschafft werden.
Was man alles zum Cricketspielen braucht.
© Gerd Engelsmann
Gute Handschuhe gibt es ab 25 Euro. Die meisten Cricketspieler tragen Stollenschuhe, ähnlich wie Multinocken beim Fußball. Wer keine Fußballschuhe besitzt, muss mit neuen Cricketschuhen für etwa 90 Euro rechnen. Für rund 300 Euro könnte man demnach eine recht ordentliche Start-Ausrüstung erhalten.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de