Kälte, Isolation und Schwerelosigkeit: An keinem Ort ist der Mensch so extremen Bedingungen ausgesetzt wie im Weltall. Wenn ein Mensch längere Zeit in der Schwerelosigkeit verbringt, hat das gravierende Auswirkungen auf den Körper: Muskeln und Knochen bauen sich beispielsweise ab, das Gehirn verändert sich. Mit solchen Effekten und Anpassungen des menschlichen Körpers beschäftigt sich die Raumfahrtmedizin. An der Charité Universitätsmedizin Berlin gibt es ab dem Wintersemester 2024 einen neuen Studiengang, der sich genau damit beschäftigt, wie die Charité am Donnerstag mitteilte.
Gemeinsam mit der Université de Caen Normandie in Frankreich und der Jožef Stefan International Postgraduate School in Slowenien wird der Internationale Erasmus-Mundus-Masterstudiengang für Weltraummedizin und Physiologie in extremen Umwelten konzipiert. Studierende lernen, Raumfahrende medizinisch zu betreuen oder Lebenserhaltungssysteme für die Raumfahrt zu entwickeln. Unter anderem gehe es darum, wie sich der menschliche Körper an extreme Bedingungen wie im All oder auch in der Antarktis anpasst und wie sich negative Auswirkungen abmindern lassen.
Auch die psychologische Belastung durch die räumliche Enge und Isolation auf einer Raumstation spielen dabei eine große Rolle. „Nicht nur, weil die Weltraumorganisationen längere bemannte Flüge ins All planen, sondern auch weil der Weltraumtourismus an Fahrt aufnimmt, kommt der Erforschung dieser Phänomene eine wachsende Bedeutung zu“, teilte die Charité mit.
Bei Parabelflügen kann der Zustand der Schwerelosigkeit ähnlich wie im Weltraum erzeugt werden.
© ESA/Charité – Universitätsmedizin Berlin
Charité: Erkenntnisse der Weltraummedizin helfen auch Menschen auf der Erde
Doch auch auf der Erde gibt es Bedingungen, die den Körper außergewöhnlich stark belasten, beispielsweise durch sehr hohe oder niedrige Temperaturen, Über- und Unterdruck. Viele Erkenntnisse zum Aufenthalt im Weltraum kommen laut Charité auch den Menschen auf der Erde zugute: „Ähnlich wie im All verlieren Personen, die lange liegen müssen, viel Muskulatur, ihr Osteoporose-Risiko steigt. Und wie im All kann Krafttraining dieses Risiko senken“, teilte die Charité mit.
„Durch Simulationsszenarien wie Parabelflüge, Isolationsstudien in der Antarktis oder Bettruhestudien lassen sich wichtige Erkenntnisse auch auf der Erde sammeln“, hieß es weiter. Die Erkenntnisse im Umgang mit Hitzewellen, Bewegungsarmut oder Einsamkeit helfen demnach also nicht nur im Weltall, sondern auch dabei, Expeditionen ins Hochgebirge oder die Arbeit der Feuerwehr sicherer zu gestalten.
„An der Charité haben wir mit dem Forschungsschwerpunkt Weltraummedizin am Institut für Physiologie eine lange Tradition der Untersuchung des Menschen im Weltraum und in extremen Umwelten“, sagte Alexander Stahn vom Institut für Physiologie der Charité, der den Studiengang koordinieren wird. „Ich freue mich sehr, dass wir diese ausgewiesene Kompetenz zusammen mit unseren Partnern nun in einem einzigartigen Studiengang strukturiert und interdisziplinär an die nächste Generation weitergeben können.“
Weltraummedizin studieren: Forschungsprojekte mit Nasa, Esa oder DLR
Der Masterstudiengang in englischer Sprache dauert zwei Jahre und richtet sich an Interessierte mit einem Hochschulabschluss in Medizin, einem Masterabschluss in Ingenieurswissenschaften oder einem Bachelorabschluss in Natur- oder Bewegungswissenschaften.
Nach je einem Semester an jeder der drei Universitäten fertigen die Studierenden ihre Masterarbeit an einer von 28 internationalen Partnerorganisationen an. Nach Angaben der Charité haben sie die Möglichkeit, an Forschungsprojekten mitzuarbeiten, die von Raumfahrtagenturen wie der Nasa und Esa oder dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) gefördert werden.
Interessierte können sich bis zum 1. März über die Université de Caen Normandie für die Teilnahme an dem Studiengang bewerben. Im ersten Jahrgang gibt es in dem Programm 13 Studienplätze. Die EU fördert die Einrichtung des Gemeinsamen Erasmus-Mundus-Masterstudiengangs mit rund 4,7 Millionen Euro.
Studie: Warum sich Frauen besser für die Raumfahrt eignen als Männer
Effektiver gegen Krebs: Berliner Charité will Strahlungstherapie mit KI verbessern
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de