Neues Album „25“: Adele als Heilmittel in allen Liebeslagen

Die Frage ist, ob sie halten kann, was sie mit diesem Coup vor vier Wochen versprach. Denn ein Coup war es, fast fünf Jahre nach Erscheinen ihres letzten Albums „21“ sich zurückzumelden mit einem unsicheren „Hello?“. Aus der Weite des medialen Raumes kehrte Adeles Stimme zurück in äußerster Intimität – mit der Stimme einer Verschwundenen, die unvermutet wieder im Hörer erklingt. „It’s ...

BLZ
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Die Frage ist, ob sie halten kann, was sie mit diesem Coup vor vier Wochen versprach. Denn ein Coup war es, fast fünf Jahre nach Erscheinen ihres letzten Albums „21“ sich zurückzumelden mit einem unsicheren „Hello?“. Aus der Weite des medialen Raumes kehrte Adeles Stimme zurück in äußerster Intimität – mit der Stimme einer Verschwundenen, die unvermutet wieder im Hörer erklingt. „It’s me.“

Sie wolle nach so langer Zeit sich mal wieder melden und fragen, ob man nicht mal darüber sprechen solle, wie das alles gekommen ist. So kündigte sie mit diesem vorab erschienenen Song, der natürlich alle Klick-Rekorde brach, ihr neues Album an, das am Freitag erscheint. Wenn das keine gelungene Inszenierung ist, in der das Medium wirklich zur Botschaft wird und die Kunst zu ihrer eigenen PR-Maßnahme!

Songs für alle Liebeslagen

Das Album hält, was versprochen wurde. „Hello“, die zarte Kontaktaufnahme mit einem Ex, ist der erste Track, gefolgt von einer erstaunlich lärmigen und heiteren Nummer, in der ein ausrangierter Liebhaber verspottet wird: „Send my love to your new lover / treat her better“. Schick meine Liebe deiner neuen Flamme, aber behandle sie besser!

Die Platte enthält Songs für alle Liebeslagen, von der (scheinbar) bedingungslosen Kapitulation vor der alles hinwegschwemmenden Verliebtheit („Sweet Devotion“) über die vertrackte Kunst, im alternden Menschen den jungen Geliebten zu sehen („When We Were Young“) bis zur Inszenierung der womöglich letzten gemeinsamen Nacht („All I Ask“). Letzteres ist besonders geeignet um die weibliche Souveränität zu charakterisieren, mit der Adele sich in die Position der erfolgreichsten Sängerin der Gegenwart gepowert hat.

Auf der Bühne und in ihren Videos singt Adele gern im Sitzen. Ihr Lied mag von dramatischsten Gefühlen handeln und die Leute in der Halle mögen noch so abgehen, sie sitzt nur da und lässt ihre mächtige Stimme rausdröhnen, meist dabei die Hände im Schoß gefaltet wie Angela Merkel. Wenn es ganz hoch hergeht, erhebt sie schon mal eine Hand. Dabei fällt es bei einem Song wie „River Lea“ schon als Hörer schwer, still sitzen zu bleiben und nicht gleich loszubouncen.

Der Gipfel der Emanzipationsalpen

Adeles Stimme ist so großvolumig, dass in ihr umzugskistenweise die widersprüchlichsten Gefühle verstaut werden können. Die Ausnahme bildet dieses „All I ask“. Hier bekommt die Sache eine unangenehme, kreischige Schärfe. Es geht um einen Abschied in Liebe, eine womöglich letzte Nacht, „in der wir tun, was Liebende tun“, und dann soll aber auch Schluss sein.

Ich will nicht grausam sein, lautet das Ende, und dabei ist sie es doch. Der Song markiert einen Gipfel an Souveränität. Er präsentiert eine Frau, die sich vorbehält, selbst zu entscheiden, wann Schluss ist, und gerade deshalb vorbehaltlos geliebt werden will, als gäbe es kein Morgen. Das ist viel verlangt, mag auch ein Gipfel der Emanzipationsalpen sein. Jedenfalls herrscht hier eine Königin, die klar macht, dass in ihrem Reich die Demokratie keine Chance hat.

Seit Björks Erscheinen im Pop hat man dort den Weg zur souveränen Frauenfigur vor allem in Richtung Rumpelstilzchen gesucht. Schräge Elfen, rollenmusterfliehende Kobolde und schrille Multiplexseelchen weiten mächtig den Tunnelblick auf das Ideal der autonomen Frau. Adele markiert den entgegengesetzten Weg.

Keine seelenauslöschenden Monsterballaden

Sie fügt der Tradition der Soul- und Popdiven wie Etta James, Aretha Franklin oder Shirley Bassey nur wenige, aber entscheidende Modernisierungen hinzu. Wohl nie käme sie auf die Idee „It’s a Man’s World“ zu singen. Dass sie die volle Kontrolle über jeden Aspekt der Produktion beansprucht, ist oft beschrieben worden. Sie ist, wiewohl retro, durch und durch Eigensinn.

Ihr Soul-Pop ist weit weg von jenen seelenauslöschenden Monsterballaden wie, um die monströseste zu nennen, Whitney Houstons „I Will Always Love You“, in der jedes singende Ich hinweggespült und von der ausgebrochenen Liebeslava vernichtet wird. Das Gegenteil ist Adele. So gewaltig ihre Stimme ist, sie ist doch immer kontrolliert, eben perfekt im Sitzen zu singen.

Adele thront. Zu Beginn hat man ihren Kleidungsstil treffend „gothic baroque“ genannt, heute repräsentiert sie auf sachlichere Weise. Ihr Gesicht hat sich mit den Jahren entpummelt und in Richtung Ursula Andress geformt. Nimmt man Adele als Symptom, geht es dem historischen Projekt der Emanzipation prächtig. Es hat sich mitten im Mainstream ein geradezu klassizistisches Maß gegeben. Auch hinsichtlich der Work-Life-Balance und der Vereinbarkeit von Mutterrolle und Beruf. Zwei Jahre brauchte sie für die Produktion. Wegen Kind, Mann und Garten.

Stellenweise überproduziert

Leider findet die Entpummelung kein musikalisches Pendant. Einige Songs sind etwas überproduziert. Mit Greg Kurstin, Ryan Tedder, Brian Burton, Paul Epworth und Max Martin hat Adele gleich fünf Produzenten ins Rennen geschickt, was viel Abwechslung ins Klangbild bringt. Auf manchen Loop, manch chorale Andickung und Ornamentierung hätte man getrost verzichten können.

Ihre Stimme ist ja alles andere als minimalistisch; niemand sonst seufzt derart koloraturenreich. Zusammen mit nichts als dem simplen Klavier funktioniert das noch immer am besten. Allerdings ist die Balance zwischen der Stimme und ganzen Heerscharen von mitshafflenden Gitarrenjaulern, eingesprengselten Jauchzern, jubilierenden Orgelkreischern stets perfekt − klassizistisches Ebenmaß noch in der Ekstase.

Bis auf zwei Stücke sind alle aus dem reinen Balladenfach, große Breitwand-Oden sind dabei und ein Song, der verhallten tänzelt, als sei er von Burt Bacharach. Das alles ist, nimmt man „All I Ask“ mal aus, hinlänglich trostreich, zumal auch die 27-Jährige viel Gespür dafür hat, wie die Zeit vergeht.

„I will be your remedy“, singt Adele. Ich werde dein Heilmittel sein. Die Krankheit, das singt sie nicht, könnt ihr euch aussuchen.

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