Richard Russell hat einen zuverlässigen Geschmack. Er ist der Chef des Londoner Labels XL, der Heimat von Stars wie Adele und Radiohead und auch Avant-Poppern wie Arca und Frank Ocean. Wenn ihm die Dinge besonders am Herz liegen, legt der Chef auch mal selbst Hand an die Produktion und hat so zum Beispiel den Soulgrößen Gil Scott Heron und Bobby Womack zu würdevollen letzten Alben verholfen.
Vor drei Jahren hat er jedoch durch seine elegante Ausstattung die damals 20-jährigen Zwillinge Ibeyi im Bewusstsein der Popwelt verankert: Auf unerhörte Weise verschmolzen die Frankokubanerinnen auf ihrem Debüt seelenvolle Chorstimmen mit afrokubanischen Beats und den weitläufigen Höhlensounds der britischen Clubmusik.
Auch ihr neues, zweites Album „Ash“ hat Russell mitproduziert, und die drei haben es gleichsam direkt an den Vorgänger angeschlossen. Allerdings haben Lisa-Kainde und Naomi Diaz – die Töchter des grammyprämierten Buena Vista-Percussionisten Anga Diaz – ihre Musik verdichtet und eine Schippe Glamour draufgelegt. Schließlich hat sie im vergangenen Jahr sogar Beyoncé in ihren erweiterten Familienkreis aufgenommen und im Kurzfilm zu ihrem Groß-Album „Lemonade“ besetzt.
Hier tauchen nun Cameomusikanten wie unter anderem der Jazzsaxofonist Kamasi Washington auf, die Bassistin und Sängerin Meshell Ndegeocello und der Hanswurst in allen Gassen Chilly Gonzales. Besonders markant fällt dabei Washingtons Einsatz in „Deathless“ auf. „Jajaja!“, begeistert sich Lisa-Kaindé im Berliner Interviewhotel. „Er hat seinen Sound ein bisschen verändert. Er hat mich an die Latinjazz-Alben unseres Vaters erinnert und ich dachte nur: Unglaublich, dass er das in der Musik hört!“
"Deathless" ist einer der stärksten Songs
Die Keyboarderin sitzt, den mächtigen Afro gebunden, ihrer Schwester gegenüber, die für alle Percussion, Elektronik und auch Co-Produktion zuständig ist. Nach Zwillingsart fällt sie ihr gern in die Rede oder verdoppelt sie wie ein Hypeman im HipHop, was mitunter ein fröhlich wimmelndes Gespräch ergibt. „Wenn wir Saxofon spielen könnten, hätte es sich genau so angehört“, meinen sie ungefähr zusammen: „Aber ganz insgesamt war es wunderschön, wie sich die Magie der Gäste mit unserer Musik verbunden hat.“
„Deathless“, auch vorab veröffentlicht, ist aber nicht nur wegen Washingtons Einsatz einer der stärksten Songs. Er illustriert den wichtigsten Fortschritt vom Erstling. Dort beschäftigten sich Ibeyi, vermittelt über westafrikanische Religion, mit ihrer eigenen Geschichte, dem Verhältnis zu den afrikanischen Wurzeln, der Mutter, der verstorbenen Schwester, dem toten Vater und ihrer Zwillingsexistenz – Ibeyi heißt eine Zwillingsgottheit der Yoruba.
Auf „Ash“ erweitern die beiden ihr Blickfeld nun in die weitere Gesellschaft. „Deathless“ erzählt zum Beispiel von einer rassistischen Begegnung, die Lisa-Kaindé 16-jährig mit der Pariser Polizei hatte: „Sie haben mich wegen meiner Haare und HipHop-Mode angehalten, mich als Dealerin beschimpft und bedroht“, sagt sie. „Als sie die Chopin-Noten und ein Buch fanden, haben sie mich erschrocken weggeschickt.“ Erst in der Wut ihrer Mutter habe sie den Übergriff im Kern verstanden. Zuvor sei Rassismus ein eher abstrakter Begriff gewesen.
Bemerkenswerterweise zieht das Stück – zu dem sie Richard Russell ermutigt hat – seine Kraft aber nicht aus Klage oder Wut. Vielmehr bezaubert es mit soulvollen Shouts und Afro-Hop-Shuffle, mit einer hymnischen Leichtigkeit: „Wir wollten, dass man sich für drei Minuten mächtig und unbesiegbar fühlt, akzeptiert in der Gesellschaft“, sagen sie. „Wir haben an das Publikum unserer Shows gedacht, wie die Leute aus jedem Alter, mit jeder Hautfarbe da stehen: Wir würden alle zusammen „We are deathless“ singen – eine tolle Vorstellung.“
Elektronische und organisch-akustische Sounds verschmelzen
Unerwartet hat auch Michelle Obama einen nachdrücklichen Auftritt. In „No Man Is Big Enough for My Arms“ singen die Ibeyis über einen Ausschnitt aus Obamas berühmter Rede im vergangenen Wahlkampf, in der sich die Zivilität einer Gesellschaft danach bemaß, wie diese ihre Mädchen und Frauen behandle – selten klang die Melancholie eines Beats so aktuell begründet, selten hatte ein Sprachsample so viel Nachhall.
Es hängt über dem ganzen Album ein gewisser überzeitlicher Ernst. Naomis Cajon und Batá, dicke, dunkle kubanische Trommeln, geben dem Ganzen einen gravitätischen Boden, über dem sich, oft als heller Chor, die flinken Stimmen der beiden erheben und durch die vielschichtig rhythmisierte Percussion schweben.
Noch intensiver und selbstverständlicher als zuvor verschmelzen die Ebenen, verbinden sich elektronische und organisch-akustische Sounds. Zugleich vertiefen Ibeyi damit auch, gesungen auf Englisch, Spanisch und Yoruba, die zeitliche Dimension und binden souverän Pop an Tradition.
Das nennen sie „Transmission“ wie ihren zentralen und längsten Song: „Wir glauben daran, Energie, Wissen, Liebe an die nächste Generation zu übertragen, und damit auch an die Erzieher der folgenden“, sagt Lisa. Sinnbildlich die Arbeit mit Mentor Richard Russell, naheliegend ein Text der Mutter, der venezolanischen Dichterin Maya Dagnino – die Schwestern fühlen sich selbst als Ergebnis einer Übertragung von afro-kubanischer und französisch-europäischer Kultur.
„Man muss sich alles einverleiben, was Eltern, Internet und Künstler bereitstellen, und ohne Hierarchie durcheinanderschütteln“, sagen sie, „älter, jünger, schwarz oder weiß, Kuba oder Frankreich – du kannst so viele Dinge zugleich sein.“
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