The xx

Auf „I See You“ sieht man plötzlich Farben

Das neue Album der Londoner ist unerwartet kraftvoll und sicher.

Markus Schneider
5 Min
The xx.

The xx.

© Beggars

Den Sound der Londoner Gruppe The xx kann man mit keinem anderen verwechseln. Doch so selbstbewusst die drei ihren melancholischen Marken-Minimalismus seit dem Debütalbum „xx“ 2009 inszeniert und verfeinert haben, so unsicher und schüchtern wirkten sie meist auf der Bühne wie im Gespräch. Als ich die Band 2012 zu ihrem zweiten Album „Coexist“ interviewte, wagte ich gerade Jamie „xx“ Smith kaum anzusprechen – so verborgen und in sich versunken saß er da. Er ist sozusagen der Chefstatiker der weiten Räume ihres in sich gekehrten Sounds, aber dass auch seine Rede so klang wie seine Musik, war schon verwirrend – ausweichend, abgewandt, typischerweise schnell an einen der beiden anderen weitergereicht, an die Gitarristin Romy Madley Croft oder den Bassisten Oliver Sim.

Zum Gespräch über das neue, nunmehr dritte The-xx-Album „I See You“ hatte Smith nun alleine geladen. Doch die Sorge, dass wir dabei über gemeinsames Schweigen nicht hinauskommen könnten, erwies sich als unbegründet. „Am Anfang waren wir Teenager. Nicht irre schüchtern, eher kids-artig normal“, schüttelt er gleich zu Beginn die Befürchtungen weg. „Naja, vielleicht ein bisschen seltsam. Hätte man irgendwelche Kinder von der Straße geholt, in Interviews und auf große Bühnen gestellt, die hätten das auch schwierig gefunden. Aber an uns blieb das ,schüchtern‘ hängen.“ Er lächelt leise. „Zwischen 16 und 27, 28 passiert in jedem Leben viel. Man wird selbstbewusster, hat mehr Erfahrung, und wir fühlen uns heute definitiv wohler in unserer Haut.“

Neue Sicherheit

Nun hat die Musik auf „I See You“ mitnichten ihr spezielles, soziophobes Nachtschimmern verloren. Und auch die durch Hall gerade noch überbrückten Lücken und Klüfte sind geblieben. Aber man spürt auch die neue Sicherheit, die Smith verstrahlt: Gleich mit den ersten Takten bläst einem eine Oberheim-Fanfare ins Gesicht, als wollten sie einen aus den falschen Erwartungen wecken.

Fans brauchen trotzdem keine Angst zu haben: Es gibt immer noch genug stimmungsvolle Minimalismen, Songs, die von den paar Linien kaum skizziert werden, und Momente, in denen das stets etwas wehe Singen von Sim und Croft in nebliges Hauchen mündet. Aber man hat auch jenseits von offen forschen Songs wie der Single „Hold On“ oder „I Dare You“ oft den Eindruck, dass The xx diesmal die Farbe eingeschaltet haben – so wie es Jamie xx’s tolles Solo-Album „In Colour“ von 2015 sozusagen im Testlauf probierte.

Er spielte dort mit den verschiedensten Ausstattungen, formulierte die mit der Band nur angedeutete Klubnähe aus und holte sie nach vorne. Und auf ähnliche Weise erweitern nun auch The xx ihren gut eingeführten Schüchterner-Postpunk-trifft-Klubmusik-Stil um eine breite Palette an Ausdrucksmöglichkeiten.

Dabei sah es zwischenzeitig gar nicht gut aus für die Band. Nach der fast dreijährigen Tour mit „Coexist“ fingen sie zwar sofort mit dem neuen Album an, aber dann gingen sie sich erst einmal aus dem Weg. Smith war mit Produktionsjobs für Stars wie Drake und mit seinem Soloalbum beschäftigt; Sim genoss ausgiebig die Annehmlichkeiten des Erfolgs, bis er im letzten Jahr Dior-Model wurde; und Croft zog nach Los Angeles, um dort das Songschreiberhandwerk zu lernen. „Wir haben Distanz gebraucht“, sagt Smith seufzend. „Und dann haben wir irgendwann doch gemerkt, wie sehr wir uns vermisst haben – die Freundschaft war ja die Grundlage der Band, und wir haben gemerkt, dass sie uns wichtiger als alles andere ist.“

Zugleich haben sie sich schon während der Arbeit geöffnet. Statt sich wie zuvor im Studio zu verschanzen, hätten sie sich, so Smith, wechselseitig schon früh Demos vorgespielt und sich auch untereinander freier und offener bewegt. „Wir haben gelernt miteinander zu sprechen“, sagt er, und als Ergebnis hätten sie enger zusammengearbeitet als je zuvor: „Die Linien zwischen den Verantwortlichkeiten und die Kompetenzen sind komplett verschwommen, und darum strahlt das Album oft so stark: Es hat wahnsinnig Spaß gemacht.“

Verletzlichkeit zeigen

Die neue Stärke hört man nicht zuletzt im Gesang. Croft und Sim müssen sich in den Texten immer noch Mut zusprechen oder sich maskieren. Aber „sie haben diesmal miteinander gesprochen, wie als kathartische Übung, und nicht wie früher aus Peinlichkeitsgefühl oder Unsicherheit nur die Parts für sich geschrieben und gesungen.“ Vor allem Croft klingt manchmal ganz außergewöhnlich kraftvoll und sicher, und das beeindruckt nüchtern in den klatschenden Popnummern ebenso wie in angstvollen und schmerzlichen Stücken wie „Brave For You“ oder „Performance“, wo sie mit allem Quasischluchzen und A-cappella-Drama die Kurve kriegt, obwohl die Kitschgeier schon über dem Song kreisen.

„Verletzlichkeit zeigen, ehrlich miteinander sein: uns deutlicher sehen“, so verstehe er, sagt Smith, den Ttel „I See You“. Tatsächlich wirkt die überaus feine Hübschheit des Albums, als habe die Band die Fenster geöffnet und ein bisschen Licht in die Sounds gelassen. Croft übrigens erklärte den Titel neulich anders, dem Publikum, also uns, zugewandt: „Romy und Oliver wollten den Leuten sagen, dass sie ihr Publikum im Konzert durchaus ansehen und wahrnehmen“, lächelt Smith. „Ich allerdings nicht. Ich bin viel zu beschäftigt.“

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