Neues aus den Popkatakomben: die "Witmark-Demos " des jungen Bob Dylan

Beim ersten Mal tat's noch weh

Harry Nutt
5 Min

Jetzt malt er auch noch. Eher ungehalten, bestenfalls popkulturell amüsiert, reagierte die Kunstkritik kürzlich auf eine Kopenhagener Ausstellung, in der rund 40 Acryl-Bilder von Bob Dylan unter dem Titel "The Brazil Series" gezeigt wurden. Die etwas andere Seite des Musikers. Dass sich auch der Liederproduzent ein wenig fremd geworden ist, gestand Bob Dylan unlängst seinem Freund und Kollegen Neil Young. Er wisse auch nicht recht, wer der Typ war, der all die vielen Dylan-Songs geschrieben hat, soll Dylan ihm einmal anvertraut haben. Dabei sind in den letzten Jahren hinreichend Bücher und elektronische Waren erschienen, die den würdevoll alternden Bühnenmenschen helfen könnten, das Gedächtnis ein wenig aufzufrischen.Als eine musikalisch-archäologische Fundgrube kann man die so genannten Witmark-Demos bezeichnen, die nun als Teil 9 der Bootleg-Serie aus den Kellern der Dylan-Archivalien hervorgeholt worden sind. Quengelsound, ausgedehnte Nasalübungen und unentwegtes Mundharmonikaspiel sind die Merkmale, die gleich beim ersten Hören auffallen. Early Dylan, der früheste, den es zu hören gibt für alle, die damals in Greenwich Village nicht dabei waren. Etwas für Enthusiasten also und für Leute, die für ein wenig Deutungshoheit in den kulturellen Distinktionskämpfen immer noch ein bisschen weiterzugehen bereit sind.Die Witmark-Demos umfassen 47 Songs, die Bob Dylan zwischen 1962 und 1964 für seine beiden Musikverlage Leeds Musik (1962) und M. Witmark & Sons (1962-1964) aufgenommen hat. Vieles davon erschien später auf den legendären Platten der Folkheroen der frühen Jahre. Dylans erste Solo-LP war 1962 herausgekommen, kein ganzes Jahr später erschien "The Freewheelin' Bob Dylan" mit den Klassikern "Blowin in the Wind", "Masters of War" und "Don't Think Twice".Alles bekannt also, nichts Neues aus den Katakomben des amerikanischen Liedguts? Doch. Die Witmark-Demos enthalten 15 Songs, die es so noch nicht zu hören gab, darunter die Stücke "Ballad For A Friend", "Long Ago, Far Away" und "Guess I'm Doing Fine". Das alles wäre aber wohl nur der Stoff für Fans mit kaum heilbarem Vervollständigungszwang. Alles jemals auf Band und Rille gebrachte Stück in die Finger zu bekommen, gehört einem Wahnsystem an, von dem die Musikindustrie immer wieder zu zehren versucht.Die Witmark-Demos stellen einmal mehr Dylans Ungeduld wie seinen Mut zum Fragment unter Beweis. Ein Song wie "Man On The Street", bei dem Dylan während der Aufnahme den Text vergaß, hat es in der Werkgeschichte zwar nicht sehr weit gebracht, darf aber heute als Indiz für die kreative Spontanität des Künstlers genommen werden. Der sprunghafte Typ hatte schon mit Anfang 20 ein sehr umfangreiches Repertoire ausgearbeitet, und ständig hockte er an seiner Schreibmaschine und schrieb Neues.Was die Witmark-Demos zu einer musikalischen Sensation für Eingeweihte machen dürfte, ist die unglaubliche Frische, die wie ein zartes Überbleibsel aus einer glücklichen Zeit des Anfangs und des Anfangens herübergerettet zu sein scheint. Die Stücke atmen den Geist eines stolzen ersten Mals. Dylan ist hier noch nicht der improvisationsgeübte Interpret des eigenen Werks. Alles klingt roh und zerbrechlich, aber selbstbewusst und durchaus werkorientiert. Selbst das Gitarrenintro zu "Don't Think Twice" erklingt, als sei es so noch nie gespielt worden. Die Haltung zu den Songs, die Dylan gut 50 Jahre später immer noch live auf seiner Never-Ending-Tour präsentiert und variiert, ist hier noch nicht verfestigt, aber auch noch nicht von der Zerstörungswut des Vortragenden bedroht. Bob Dylan hat seine Lieder im buchstäblichen Sinn noch nicht zersungen.Volkskunde von His BobnessViele Songs künden von einer Ankunft, zum Beispiel in der großen Stadt ("Hard Times in New York Town") oder handeln von apokalyptischen Übergängen ("A Hard Rain's A-Gonna Fall"). Der Mann war früh unterwegs und drückt bei aller Unrast von Beginn an eine in der amerikanischen Volksmusik wurzelnde Bodenständigkeit aus, die noch heute Grundlage seiner genialischen Radio-Sendung "Theme-Time-Radio-Our" bildet, in der er quer durch alle Genres eine Art musikalische Volkskunde betreibt. Die Witmark-Demos erlauben nachträgliche Einblicke in Dylans poetisches Laboratorium, in dem alle musikalischen und lyrischen Ingredienzien bereits in den Regalen standen. "I'm a long time a-coming, I'll be a long time gone."Die mit den Witmark-Demos fortgesetzte Werkschau Dylans ist nicht zuletzt ein Ausflug in die amerikanische Musikgeschichte und zum Einflussbereich der großen Musikverlage. Zwei davon waren Leeds Musik und Witmark & Son, die sich in New York an der sogenannten Tin Pan Alley zwischen Fifth Avenue und Broadway befanden. Die Verleger beschäftigten Komponisten und Texter und verkauften das Material dann an einzelne Vortragskünstler. So kam es, dass Dylan von anderen gecovert wurde, bevor es Dylansongs gewissermaßen als Original gab. Durch seinen marktübergreifenden Drang zum eigenen Werk wurde Dylan letztlich aber zum Totengräber der Tin Pan Alley.Er sei der Erste gewesen, so der Musikmanager Artie Mogull, der zehn oder zwölf Lieder auf eine Platte bringen konnte, die alle von ihm geschrieben und getextet waren und deren Rechte er auch besaß. Bob Dylan ist sich dieses Prozesses sehr bewusst gewesen. "Tin Pan Alley ist verschwunden", hat er einmal gesagt, "und ich habe den Anstoß dafür gegeben." Die Witmark-Demos dokumentieren, wie diese Zeit endete und etwas anderes begann.-----------------------Bob Dylan: The Witmark-Demos (2 CDs mit einem Essay von Colin Escott; Sony Music)------------------------------Foto: Ein junger Bob im alten Sessel. Das Jeanshemd hingegen ist zeitlos.

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