Neues Erstaufnahmezentrum

Wie das Lageso das Flüchtlingschaos in Berlin bewältigen will

Am Donnerstag ist Startschuss für das „Berliner Modell“. Drei Behörden wollen gemeinsam das Flüchtlingschaos vor dem Lageso anpacken. In der neuen Erstaufnahmeeinrichtung an der Bundesallee sollen Flüchtlinge an einem Tag registriert und in Jobs vermittelt werden. Wenn es gut läuft.

Thorkit Treichel
6 Min
Mützen, Schals und Handschuhe - die Flüchtlinge müssen der Kälte trotzen. Mit dem Umzug der Erstaufnahmestelle nach Wilmersdorf in die Bundesallee soll das Warten unter freiem Himmel ein Ende haben.

Mützen, Schals und Handschuhe - die Flüchtlinge müssen der Kälte trotzen. Mit dem Umzug der Erstaufnahmestelle nach Wilmersdorf in die Bundesallee soll das Warten unter freiem Himmel ein Ende haben.

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Ein rotweißes Absperrgitter zieht sich am Längsriegel an der Bundesallee 171 entlang. „Berliner Kommanditbank“ steht an der Glasfront am Eingang zur großen Schalterhalle der früheren Zentrale der Landesbank Berlin. Acht Reihen mit braunen Lederstühlen aus dem BER-Bestand säumen den Raum. Rund 400 Wartende müssten hier Platz finden. Im Treppenhaus steht ein Arbeiter auf einer Leiter und verlegt ein Kabel.

Sozialsenator Mario Czaja (CDU) hat zur Eröffnung der neuen Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende an diesem Donnerstag eingeladen, und etwa 80 Journalisten sind gekommen. Denn an die Inbetriebnahme des früheren Bankgebäudes knüpfen sich hohe Erwartungen: Sie soll dem Lageso in der Turmstraße die dringend benötigte Entlastung verschaffen, damit das Chaos auf dem Gelände ein Ende hat.

„Die Turmstraße hat schon vor vielen Wochen die Grenze des Machbaren überschritten“, sagt Czaja. Es wäre ein Befreiungsschlag für den Sozialsenator, wenn durch den Standort an der Bundesallee – sowie die bereits ans Netz gegangene Registrierungsstelle an der Kruppstraße in Moabit – die Verfahren beschleunigt würden. Zuletzt stand sein Krisenmanagement häufig in der Kritik.

Keine langen Wege durch die Stadt mehr

Czaja spricht von einem „Berliner Modell“, da in der Bundesallee alle zuständigen Behörden – Lageso, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), Ausländerbehörde sowie die Bundesagentur für Arbeit – zusammenarbeiten und den Geflüchteten somit lange Wege durch die Stadt erspart werden. „Ein Syrer, der morgens seinen Termin beim Lageso hat und dann beim BAMF als Flüchtling anerkannt wird, kann sofort zum Jobcenter gehen und ab dem nächsten Tag arbeiten“, sagt der CDU-Politiker. Wenn es optimal läuft.

Am Dienstag war Probebetrieb. Die Herrichtung der ehemaligen Bank war eine gemeinsame Kraftanstrengung. Seitdem das Land das Gebäude Ende August zunächst beschlagnahmt und dann für rund 21 Millionen Euro gekauft hat, mussten Elektroinstallationen überprüft werden, ein Brandschutzkonzept erstellt, Treppen umgebaut und Rettungswege geschaffen werden, berichtet Sven Lemiss, Geschäftsführer der BIM, der Berliner Immobilienmanagement GmbH.

Täglich 200 Registrierungen an der Bundesallee

Lemiss sitzt neben Czaja und fünf anderen Behördenvertretern auf dem Podium in einem holzgetäfelten Saal im zweiten Stock. In dieser Etage residierte der damalige Vorstand der Landesbank. Eine geöffnete Tür gibt den Blick auf ein edel ausgestattetes Badezimmer frei. Auch Klaus Landowsky, ehemaliger Vorstandschef der Berlin Hyp, soll hier ein Büro gehabt haben.

Das Lageso zieht mit 65 Mitarbeitern in drei Etagen, das BAMF ist ebenfalls auf drei Stockwerken mit 21 Beschäftigten vertreten. Ihre Zahl soll auf 70 aufgestockt werden. Die Ausländerbehörde stellt zehn Mitarbeiter ab, bis zu 30 könnten es werden. Die Agentur für Arbeit schickt zwölf Jobberater.

Zunächst sollen in der Bundesallee rund 200 Asylsuchende täglich registriert werden – so viele wie derzeit an der Turmstraße. Ab nächster Woche sollen es 500 sein. Ziel seien 1000, sagt Czaja. Die Frage, wann es soweit ist, beantwortet Ex-Polizeichef Dieter Glietsch. „Anfang 2016“, sagt er. Vor gut drei Wochen wurde er als Leiter des Krisenstabes berufen. Am Konzept für die Bundesallee war er wesentlich beteiligt.

Wie jeden Tag warten die Flüchtlinge vor dem Lageso auf ihre Registrierung. Am 12. Oktober müssen sie bei Temperaturen um den Gefrierpunkt ausharren.

Wie jeden Tag warten die Flüchtlinge vor dem Lageso auf ihre Registrierung. Am 12. Oktober müssen sie bei Temperaturen um den Gefrierpunkt ausharren.

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Mützen, Schals und Handschuhe - die Flüchtlinge müssen der Kälte trotzen. Mit dem Umzug der Erstaufnahmestelle nach Wilmersdorf in die Bundesallee soll das Warten unter freiem Himmel ein Ende haben.

Mützen, Schals und Handschuhe - die Flüchtlinge müssen der Kälte trotzen. Mit dem Umzug der Erstaufnahmestelle nach Wilmersdorf in die Bundesallee soll das Warten unter freiem Himmel ein Ende haben.

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Besonders den Kindern machen die frostigen Temperaturen zu schaffen.

Besonders den Kindern machen die frostigen Temperaturen zu schaffen.

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Warm verpackt wartet ein Flüchtling aus Afghanistan auf die Registrierung und die Zuweisung eines Schlafplatzes.

Warm verpackt wartet ein Flüchtling aus Afghanistan auf die Registrierung und die Zuweisung eines Schlafplatzes.

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Heißer Kaffee hilft beim Aufwärmen.

Heißer Kaffee hilft beim Aufwärmen.

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Um die Kinder vor den frostigen Temperaturen zu schützen, werden sie in Decken gehüllt.

Um die Kinder vor den frostigen Temperaturen zu schützen, werden sie in Decken gehüllt.

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Mit Decken und Mützen versuchen sich die Wartenden warm zu halten.

Mit Decken und Mützen versuchen sich die Wartenden warm zu halten.

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Und so soll es laufen:

Wochenlang müssen Flüchtlinge gegenwärtig warten, bis die Mitarbeiter im Lageso an der Turmstraße in Moabit ihre Personalien aufgenommen haben und entschieden ist, ob sie in Berlin bleiben können. Dann stehen ihnen Leistungen wie Bargeld, Bahntickets oder Krankenscheine zu.

Dafür müssen sie immer wieder kommen und sich in die langen Schlangen einreihen. Rund 5300 Menschen sind nach Berechnungen der Senatssozialverwaltung immer noch nicht komplett registriert. Etwa 215 Anträge werden täglich an der Turmstraße bearbeitet, in der benachbarten Kruppstraße 135. Doch bis zu 2000 Geflüchtete kommen pro Tag. Mit der Eröffnung der Bundesallee als weiterer Registrierungsstelle sollen die Verfahren verkürzt werden. Mit einem festen Terminsystem soll der Zugang geregelt werden.

Turmstraße: Das Lageso an der Turmstraße bleibt weiterhin erste Anlaufstelle für die Geflüchteten. Geöffnet wird ab sofort um 4.30 Uhr. Die Daten der Neuankommenden werden kurz erfasst. Sie erhalten eine Wartenummer und ein Armband. Außerdem erfahren sie, in welcher Unterkunft sie untergebracht werden und bekommen möglichst noch am selben Tag einen Termin in der Bundesallee. Mit einem Busshuttle werden sie in die neue Aufnahmestelle gefahren. Falls sie keinen Termin haben, werden sie in ihre Unterkunft transportiert. Auf Aushängen soll mitgeteilt werden, wie viele Wartenummern an diesem Tag aufgerufen werden. Während die Asylsuchenden warten, können sie sich in Zelten aufhalten. Zudem werden an der Turmstraße die Verfahren der sogenannten Altfälle bearbeitet: also von Menschen, deren Registrierung noch nicht abgeschlossen ist. Sie erhalten feste Termine.

Bundesallee: In dem früheren Bankgebäude stellen die Menschen ihren formlosen Antrag auf Asyl beim Lageso, der dann vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bearbeitet wird, das ebenfalls Räume in der Aufnahmestelle bezogen hat. Bei Syrern mit einer Anerkennungsquote von 99 Prozent sowie Asylbewerbern aus den als sicher eingestuften Westbalkanstaaten, die fast ausnahmslos abgelehnt werden, soll das BAMF noch am selben Tag, gleich beim ersten Termin, über den Asylantrag entscheiden.

Dann tritt die ebenfalls in dem Gebäude an der Bundesallee ansässige Ausländerbehörde ins Spiel. Abgelehnte Asylbewerber erhalten eine „Rückkehrberatung“, so Behördenleiter Engelhard Mazanke. „Außerdem wird die Ausländerbehörde mit der Polizei Maßnahmen ergreifen müssen, um eine Rückführung innerhalb weniger Wochen durchzusetzen“, sagt er. Anerkannte Flüchtlinge können gleich zum Jobcenter in der früheren Bank weiterziehen.

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