Neues Gesetz

Berliner Prostituierte beklagen Zwangsouting

Die Berliner Sprecherin des Berufsverbandes für erotische und sexuelle Dienstleistungen, Johanna Weber, lehnt die geplante Registrierungspflicht für Sexarbeiterinnen ab. Die Frauen würden dadurch schlechter gestellt.

Thorkit Treichel
3 Min
Gut 8000 Prostituierte arbeiten in Berlin.

Gut 8000 Prostituierte arbeiten in Berlin.

© imago stock&people Lizenz

Johanna Weber lehnt das Prostitutionsschutzgesetz ab. Die Berlinerin weiß, wovon sie spricht: Sie ist eine der schätzungsweise 8000 Sexarbeiterinnen in der Hauptstadt. Und sie ist Berliner Sprecherin des Berufsverbandes für erotische und sexuelle Dienstleistungen. Etwa 600 Bordelle und bordellartige Betriebe gibt es offiziellen Angaben zufolge in Berlin – vom Großbordell bis hin zum kleinen Etablissement in einem Wohnhaus. Hinzu kommt der Straßenstrich etwa rund um die Kurfürstenstraße.

Die vom Gesetzgeber geplante Registrierungspflicht von Prostituierten komme einem Zwangsouting gleich, sagt Johanna Weber. „Eine Sexarbeiterin wird auf einer Party nicht sagen, welchen Beruf sie ausübt. Auch ihre Kinder wissen nicht, dass Mama anschaffen geht.“ Daher sei es üblich, dass sich etwa Alleinerziehende, die ihr Einkommen aufbesserten, beim Finanzamt unter einer anderen Berufsbezeichnung anmeldeten. Als Fitnesscoach, Tänzerin oder Masseurin. Das wäre mit Inkrafttreten des Prostitutionsschutzgesetzes nicht mehr möglich. Künftig müssten sich die Frauen zunächst beim Gesundheitsamt melden und würden dann einen Ausweis mit Foto und tatsächlicher Berufsangabe erhalten, sagt Weber.

60 Prozent kommen aus Osteuropa

Die gewerbliche Anzeigepflicht würde auch die Situation der osteuropäischen Sexarbeiterinnen nicht verbessern, die nach Senatsangaben etwa 60 Prozent der Prostituierten in Berlin ausmachen. „Die Menschenhändler würden sie zwingen, sich registrieren zu lassen. So würde der Anschein erweckt, dass bei ihnen alles mit rechten Mitteln zugeht“, sagt die Verbandssprecherin.

„Beim Prostitutionsschutzgesetz geht es nicht um unseren Schutz, sondern um den Schutz der Gesellschaft vor uns.“ So lehnt Johanna Weber auch gewerberechtliche Regulierungen für Bordelle ab, die nur noch in begrenzten Teilen der Stadt als Vergnügungsstätten zugelassen werden sollen. Zwar gebe es diese Restriktionen theoretisch bereits. „Aber zurzeit greifen die Bezirke nur bei Beschwerden ein.“ 80 Prozent der Bordelle würden in Wohnungen betrieben. „Die müssten geschlossen werden“, sagt sie. „In Prenzlauer Berg etwa dürften sich dann nur noch in der Schönhauser Allee Bordelle ansiedeln.“ Die Frauen würden gezwungen, in den wenigen Großbordellen anzuschaffen.

Die Politik müsse sich stattdessen für eine Stärkung der Rechte der Prostituierten einsetzen: Wohnungen für Sexarbeiterinnen aus Osteuropa, mehr Beratungsstellen, Krankenversicherungen.

Weniger als 1700 Euro im Monat

Johanna Weber selbst führt ein Domina-Studio in Tempelhof. Bevor sie sich selbstständig machte, leitete sie eine Marketingabteilung in der Sportbranche. „Aber ich fühlte mich unfrei“, sagt sie. „Dann habe ich mich an mein Pädagogikstudium erinnert, das ich durch Prostitution finanzierte.“ Ihre Entscheidung habe sie nie bereut, obwohl sie wesentlich weniger verdiene. Das Gehalt von Sexarbeiterinnen liege inzwischen durchschnittlich unter 1 700 Euro. Denn die Männer hätten nicht mehr so viel Geld und durch die EU-Osterweiterung gebe es mehr Prostituierte.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema