Kunst & Kirche

Neues Wandbild in der Nikolaikirche: So wird alte Kunst neu gelesen

Mit dem Wandbild „noli me tangere“ lässt die Berliner Malerin Sabine Herrmann in der Nikolaikirche ein verschollenes Wandbild von 1724 wiedererstehen.

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In der barocken Kraut-Kapelle der Berliner Nikolaikirche: Malerin Sabine Herrmann mit ihrem Wandbild „noli me tangere“ und links ein Foto des verschollenen Originalgemäldes von etwa 1724.

In der barocken Kraut-Kapelle der Berliner Nikolaikirche: Malerin Sabine Herrmann mit ihrem Wandbild „noli me tangere“ und links ein Foto des verschollenen Originalgemäldes von etwa 1724.

© Archiv Landesdenkmalamt Berlin/Stadtmuseum Berlin/VG Bildkunst Bonn 2021/K.Killisch

Berlin - Verschollen. Mehr weiß man in der Stiftung Stadtmuseum, zu der die backsteinerne Nikolaikirche gehört, nicht über das seit 1945 verschwundene Wandbild der Grabkapelle Kraut. Das Ensemble aus Skulptur und Malerei galt bis zur Zerstörung zu Kriegsende als das beste Barockmonument seiner Gattung in Berlin und Brandenburg. Die – abnehmbare – dramatische Auferstehungsszene des unbekannten Malers, etwa um 1724 herum entstanden, ist in den Kriegswirren verschwunden.

Nachdem die Kapelle saniert war, fiel der Verlust noch mehr auf. Albrecht Henkys, Kurator des Museums Nikolaikirche und Initiator der denkmalgerechten Rekonstruktion der Kraut-Kapelle sowie der Schindler-Kapelle – beide wurden einst vom Hofbildhauer Johann Georg Glume ab 1713 geschaffen – hatte die Idee, diese Leerstelle füllen zu lassen. Sieben zeitgenössische Berliner Künstler unterschiedlichster Herkunft und Bildsprache, nicht unbedingt einer Konfession zugehörig, sollten es sein, abermals mit abnehmbaren Bildern. Damit entsteht an dem Ort eine neue, von der traditionellen Kirchenmalerei stilistisch völlig entgrenzte Sichtweise auf ein großes Thema der lutherischen Memorialkunst. Und so kam es zum Projekt „Kunstraum Kraut“: In Abständen von je gut zwei Monaten wechseln sieben Mal Variationen zum einstigen Auferstehungsgemälde aus dem Barock.

Es gibt noch ein Schwarz-Weiß-Foto, das zeigt einen gen Himmel fahrenden Jesu, der über der vom Engel zur Seite geschobenen Grabplatte schwebt. Die Soldaten, die den Gekreuzigten bewachen sollten, liegen angststarr am Boden, über ihnen wölbt sich eine sichelartige Form. Links sieht man entsetzt herumfuchtelnde Hände, die gehören wohl weiteren Grabwächtern. Hinter der Steinplatte verstecken sich drei Frauen, vage deuten sich die Köpfe der Trauernden an: Maria, die Mutter, Maria Magdalena, die Gefährtin, und eine dritte Frau, vielleicht Anna, die irdische Großmutter des Gottessohnes.

Allegorisch-barockes Skulpturen-Brimborium in der restaurierten Kraut-Kapelle vom Eingang aus. Das neue Wandbild ist nur von innen zu sehen. <br><br>

Allegorisch-barockes Skulpturen-Brimborium in der restaurierten Kraut-Kapelle vom Eingang aus. Das neue Wandbild ist nur von innen zu sehen. 

© Stiftung Stadtmuseum Berlin

Sabine Herrmann wählte für ihre Variante des Johannes-Evangeliums jenen Moment, in dem Maria Magdalena den Geliebten am Ostermorgen in der Nähe des leeren Grabes entdeckt, ihn umarmen will und am Totenhemd festhält. Er aber weist sie zurecht: „noli me tangere“ (berühre mich nicht – oder auch: halt mich nicht fest). Diese Abweisung, hinter der ja das Unausweichliche, aber auch physisch nicht Nachweisbare steht, wurde das Thema der Malerin.

Die zuerst an der Dresdner Kunstakademie und dann an der Kunsthochschule Weißensee ausgebildete gebürtige Meißnerin erzählt, dass sie einen Kontrast zum barockem Kapellen-Brimborium, zu den sich hochdramatisch drehenden und windenden Skulpturen-Leibern und der mystischen Totenkopf-Allegorie herstellen wollte. Die verschiedenen historischen Interpretationen dieser Szene im Neuen Testament sind für sie spannend. Doch sie suchte einen modernen „Bruch“, einen fragmentarischen, auch gewissermaßen minimalistischen und transzendenten Ausdruck zu all der figürlichen Bedeutungswucht. Aber wie stellt man im religiösen Rahmen das Immaterielle dar?

„Alle Interpretationen“, so Sabine Herrmann, „spielen auf die Frage nach der realen Präsenz des Auferstandenen an.“ Auch der Maler des barocken Wandbildes hatte das Paradoxon seiner anwesend-abwesenden Körperlichkeit angedeutet, indem er ihn überm Boden schweben ließ. „Ich wollte das Erlösungsversprechen im Hegel’schen Sinne zu einem zeitgemäßen Entwurf spiritueller Existenz umdeuten“, erklärt die Malerin. Sie ersetzte die Abbildung des „Unbegreiflichen“ durch Licht und Farbe des Eises und des Marmors. Weiße Formen mit kaltblauen Umrisslinien, die an verschobene Grabplatten denken lassen, zugleich die Buchstaben für „noli me tangere“ bilden.  Auf diese Weise, so Herrmann, wolle sie sich der historischen Fehlstelle im Kapellenraum annähern.  Ganz unten auf dem Gemälde deutet die Malerin die erwähnte Sichelform des verschollenen Bildes an.

Sabine Herrmanns „Auferstehung“, diese fast wie ein Menetekel aus der Kapellenwand und der sandsteinernen Bildumrahmung heraustretenden Satz-Bruchstücke „noli me tangere“ geben auch eine Antwort auf die Frage, wie man heute mit den Leerstellen zerstörter und verschollener Kunst umgehen kann. Der Nikolaikirche-Kurator Albrecht Henkys spricht von einem „Denkraum“ – für den Diskurs über experimentelle Wege in der Denkmalpflege und Angebote ans heutige Publikum, alte Kunst neu zu lesen.

Nikolaikirche, Nikolaikirchplatz. Sabine Herrmanns „noli me tangere“, bis 28. November Do.–So. 10–18 Uhr, Eintritt frei

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