Kolumne

In einem Hinterhof in Neukölln: Dieses scheußliche Gefühl, wenn der Geldbeutel weg ist

Der Geldbeutel passte nicht mehr in die Tasche, deshalb legte ich ihn in meinen Fahrradkorb und vergaß ihn dort. Da war er zwei Tage später nicht mehr. Klar, oder?

Susanne Lenz
3 Min
Der Geldbeutel war weg und die Hoffnung gering.

Der Geldbeutel war weg und die Hoffnung gering.

© Eibner/imago

Es ist morgens gegen halb neun, ich mache mich fertig für den Weg zur Arbeit. Habe ich alles? Nein, der Geldbeutel fehlt. Ich suche, aber vergeblich. Ich versuche mich daran zu erinnern, wann ich ihn zum letzten Mal benutzt habe. Ach ja, es war am frühen Samstagabend im Supermarkt auf der Sonnenallee in Neukölln.

Dann fällt mir ein, dass die Einkaufstasche so voll war, dass ich Angst hatte, er könnte herausfallen, sodass ich ihn in den Fahrradkorb legte, um ihn ja nicht zu verlieren. Als ich mein Rad dann im Hinterhof abstellte, war es schon dunkel, ich nahm die Tasche mit den Einkäufen heraus, aber übersah den Geldbeutel. Und heute ist Montag, also anderthalb Tage später. 36 Stunden, in denen der Geldbeutel für jedermann sichtbar in unserem Neuköllner Hof lag, direkt gegenüber den Mülltonnen. Mist! Trotzdem: Vielleicht ist er noch da!

Unten im Hof wird meine Hoffnung enttäuscht. Ein scheußliches Gefühl! Aber halt, ist das überhaupt mein Rad? Auf meinem Sattel klebt doch kein weißer Zettel. – Doch, es ist meins und auf dem Zettel steht etwas. Ich muss nur erst mein Brillenetui rauskramen, um es lesen zu können: Es ist eine Nachricht von einem gewissen Janis von der WG im Hinterhaus. Das ist die WG, die ich im Sommer innerlich verfluchte, weil dort lautstark gefeiert wurde, was mir nun peinlich ist.

Der gute Janis nämlich hat den Geldbeutel gefunden und vorsichtshalber an sich genommen. Da kein Personalausweis oder so etwas drin gewesen sei, müsse der Besitzer sich melden. – Mache ich! Juhu!

Es lebe meine Neuköllner Nachbarschaft!

Es wäre nicht der erste Geldbeutel gewesen, der mir abhandenkommt, und weil es so nervig und teuer ist, die Dokumente wiederzubeschaffen, lasse ich sie zu Hause. Aber ich weiß ja nun, wie ich den Beutel zurückbekomme. Es dauert nur ein bisschen, weil die Klingel im Hinterhaus kaputt ist und die WG auf mein Klopfen nicht reagiert. Seine Handynummer hat Janis nicht notiert. Ich kaufe Schokolade und hinterlasse sie samt Dank, Namen und Handynummer an der Wohnungstür der WG. Bald darauf steht ein junger Mann vor der Tür. Es ist nicht Janis, aber er hat den Geldbeutel dabei und bedankt sich für die Schokolade. Wenig später kommt eine SMS von Janis, eine Reaktion auf meine Dankbarkeit. „Klar, war doch selbstverständlich“, schreibt er.

Es lebe meine Neuköllner Nachbarschaft! Und sollten diese reizenden jungen Leute jemals wieder feiern wollen: Ich kaufe mir Ohropax und wünsche ihnen ein rauschendes Fest.

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