Jetzt ist das Wort Doppelspitze in der Literatur angekommen. Janika Gelinek ist schuld daran. Darüber informierte sie gleich zu Beginn, als sie sich mit ihrer Kollegin Sonja Longolius am Mittwoch öffentlich als die neuen Leiterinnen des Literaturhauses Berlin vorstellte. Als sie die Ausschreibung sah, hätte sie sofort gewusst, dass sie sich darum bewerben möchte, aber keinesfalls allein.
Sie kennen sich seit 18 Jahren, sind aus Hamburg (Gelinek) und Gießen (Longolius) kommend unterschiedliche Wege gegangen, eher lektorierend und rezensierend (Gelinek) oder mehr mit Ausstellungen befasst (Longolius). Sie wohnen jetzt beide in Berlin und werden einander zumindest zeitweise öfter sehen als ihre Familien. Am Tisch vor der Presse jedenfalls vertrugen sie sich, gaben sich jeweils gleich viel Raum zum Reden. Und strahlten gute Laune aus.
Neue Formate im Freudenhaus
Ihr Konzept gliedert sich nach den verschiedenen Rollen, die das im 19. Jahrhundert erbaute Haus in der Fasanenstraße hatte. Als „Wohnhaus“ für ganz Berlin soll es die wachsende Stadt literarisch spiegeln, als „Clubhaus“ mehr Nähe zu Forschungseinrichtungen und ihren Studenten suchen. Die einstige Volksküche wandeln die Chefinnen zu einer theoretischen „Garküche“, um die Vielfalt der Sprachen, die durch Migration in Berlin entstanden ist, einzuladen – praktisch gekocht wird weiterhin im Literaturhaus-Café. Ein bisschen vage noch klingt die Idee, das „Freudenhaus“ für neue Formate zu nutzen. Und ausgerechnet zum Wort „Reservelazarett“ fällt ihnen der „sieche Patient Europa“ ein, um den sie sich kümmern wollen.
1986 entstand das Literaturhaus auf Anregung des damaligen Kultursenators Volker Hassemer in West-Berlin. Bis dahin gab es nur das Literarische Colloquium Berlin (LCB), das in diesem Jahr 55 Jahre alt wird. Dies ist auch fürs Publikum da und zugleich ein Treffpunkt für Autoren, Ort für Übersetzer- und Schreibwerkstätten, zeitweiliges Heim für Stipendiaten. Der heute 80 Jahre alte erste Chef des Literaturhauses Herbert Wiesner erfand tolle Ausstellungen und holte Schriftsteller dann zu Begegnungen mit ihrem Publikum in die Mitte der Halbstadt. Seit 1988 stand ihm der Dichter und Übersetzer Ernest Wichner als Stellvertreter zur Seite, der übernahm die Leitung im Jahr 2003 und wurde Ende 2017 mit 65 Jahren in den Ruhestand geschickt. Gelinek und Longolius sind beide Ende 30. „Neustart“ steht in roten Großbuchstaben auf dem Material für alle. Dieses Wort begegnet einem meist im Kontakt mit dem PC oder dem Handy, ein Neustart ist erforderlich, wenn zusätzliche Software aufgespielt wurde oder gar alles zusammengebrochen ist.
Neustart
Die Ausstellung „Zwischen den Fronten. Der Glasperlenspieler Hermann Hesse“ zeigt das Literaturhaus noch bis 11. 3. Im Begleitprogramm spricht als nächstes (12.1.) der Hesse-
Biograph Gunnar Decker über den Briefwechsel Hesses mit seinem jüngsten Sohn Martin.
Mit einem Frühlingsfest wollen die neuen Leiterinnen ihr Programm im Literaturhaus starten, am 20. und 21. März. Alle künftigen Schwerpunkte sollen da angerissen werden. Auch der Online-Auftritt des Hauses wird verändert. Dann folgt ein Abend für Laurence Sterne.
Kinder- und Jugendliteratur wird auch ins Programm aufgenommen. Damit bekommt das Zentrum LesArt Konkurrenz. Zwar veranstaltete es hier monatlich „Erlesene Sonntage“ und kooperiert mit Schulen. Seine Arbeit ist aber für das allgemeine Publikum zu wenig sichtbar.
Nun mag niemand behaupten, dass sich das Literaturhaus in einem erbarmungswürdigen Zustand befände. Gerade noch kündet die Ausstellung über Hermann Hesse von seiner tiefgründigen und erhellenden Art der Literaturvermittlung. Doch als Detlef Bluhm, der dem Trägerverein des Hauses vorsteht, „Ernest Wichner ausdrücklich und sehr herzlich für seine fünfzehnjährige Leitungstätigkeit“ dankte, „in der er das Literaturhaus Berlin zu einer über Berlin und den deutschsprachigen Raum hinaus hoch geschätzten literarischen Institution entwickelt hat“, da schwang etwas mit. Er sagte nämlich auch: „Vorstand und Mitgliederversammlung sind sicher, dass die neue Doppelspitze unter Bewahrung der bisherigen ästhetischen Qualität des Programms notwendige neue Akzente setzen und die Sichtbarkeit dieser gewichtigen literarischen Adresse deutlich erhöhen wird.“
„Notwendige neue Akzente“, das klingt deutlich. Das Literaturhaus hat beispielhaft gewirkt für andere Städte, es gibt nach seinem Modell jetzt Häuser etwa in Hamburg und Rostock, in Stuttgart, Frankfurt und Köln. Es steht in freundlicher Konkurrenz nicht nur zum LCB, sondern auch zum Literaturforum im Brecht-Haus in Mitte und dem Haus der Poesie in Prenzlauer Berg, die alle auch Senats-gefördert sind. Die Lesungslandschaft drumherum ist auch lebendiger geworden, es gibt die noch junge Lettretage in Kreuzberg, Veranstaltungsreihen wie Literatur live und das Literaturfestival.
Bisher: Rückzug vom Stadtlärm
Das Literaturhaus, so schön zentral es gelegen ist, fünfzig Schritte vom Kurfürstendamm, hundert Schritte zur nächsten U-Bahn, machte stets den Eindruck eines Refugiums, eines Rückzugsorts vom Stadtlärm – wie es ja eigentlich dem Literarischen Colloquium am Wannsee gebührt. Janika Gelinek und Sonja Longolius wollen offenbar nicht nur als neue Besen ordentlich fegen.
Ihr Konzept klingt, als wollten sie das Haus regelrecht durchlüften. Sie haben keine Anschubfinanzierung erhalten, sagen sie, wollen mit dem regulären Etat haushalten. Und das, obwohl sie mehrere Namen nannten von Personen, die Veranstaltungen oder Schwerpunkte kuratieren werden. Mal sehen, wie die beiden Neulinge im Berliner Literaturbetrieb das hinbekommen.
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