Es war ein buntes Gemisch an Radfahrern, das sich am Nachmittag des 28. Juni an der Sixth Avenue von Manhattan zusammenfand. Da waren tätowiert und gepiercte Fahrradkuriere, Büroangestellte in Anzügen auf Citybikes – den blauen Stadträdern des New Yorker Bike-Share-Programms –, und da waren besorgte Mütter und Väter mit ihren radfahrenden Kindern. Geeint war die Menge alleine durch ihre gemeinsamen Gefühle des Zorns und der Trauer.
Sie hatten sich zusammengefunden, um der 20 Jahre alten Robyn Hightman zu gedenken, einer Radkurierin, die zwei Tage zuvor an dieser Stelle von einem Lastwagen zu Tode gefahren wurde. Beinahe schlimmer noch als der Tod eines jungen Menschen war für die New Yorker Radfahrer jedoch die Reaktion der Staatsgewalt darauf. In den Tagen danach verteilte die New Yorker Polizei in einer Blitz-Aktion Hunderte von Strafzetteln an Radfahrer, zum Teil wegen Bagatellen wie fehlenden Reflektoren. Der Fahrer des Lastwagens wurde hingegen nicht angezeigt, es gab nicht einmal eine Untersuchung des Vorfalls.
Es ist nicht der erste (folgenlose) Tod eines Radfahrers - und nicht der erste Protest
„Wir haben die Schnauze voll“, verlieh Rosemary Bolich – eine Kollegin von Hightman ihren Gefühlen Ausdruck. „Man kann in New York Menschen töten, ohne dass es auch nur die geringsten Konsequenzen hat. Das ist legalisierter Mord per Automobil.“ Camille Raneem, eine Mannschaftskameradin Hightmans in deren Rennsport-Team, drückte die Stimmungslage so aus: „Wir haben das Gefühl, dass unser Leben nichts wert ist.“
Es war bei weitem nicht der erste Tod einer Fahrradfahrerin in New York in diesem Jahr, der folgenlos blieb. Und es war nicht die erste Demonstration. Hightman war die dreizehnte Fahrradfahrerin, die in der Metropole an der Ostküste in diesem Jahr Straßen starb. Und die Reaktion der Polizei war stets die gleiche. Der Fahrer und die Fahrerin des Kraftfahrzeugs wurden nicht angezeigt und der Unfallhergang nicht weiter untersucht. Stattdessen wurden in den Folgetagen verstärkt Verkehrsdelikte und Regelüberschreitungen von Radfahrern geahndet, teilweise mit schmerzhaften Bußgeldern bis zu 250 Dollar.
Radfahrer fühlen sich von New Yorker Polizei diskriminiert
Die New Yorker Radfahrer fühlen sich unter Beschuss. „Es werden jedes Jahr 140 bis 200 Menschen in New York durch Automobile getötet“, sagt der Fahrradkurier Austin Horse, der sich seit Jahren lautstark in die Verkehrspolitik einmischt. „Durch Fahrradfahrer kommt im Schnitt alle drei Jahre ein Fußgänger zu Tode. Doch der Anteil an Strafzetteln für Radfahrer beträgt 13 Prozent aller Anzeigen. Fair wäre weniger als ein Prozent.“
Auch auf dem Rad unterwegs, doch kein Freund der Radfahrer: die Polizei.
© imago/ZUMA Press
Die Fahrradfahrer glauben, dass die New Yorker Polizei entgegen der eigenen Bekundungen und jener der Politiker die Radfahrer diskriminiert. „Die Polizei sieht es nicht als richtige Polizeiarbeit an, die Sicherheit von Fahrradfahrern zu gewährleisten“, sagt Paul Steely White, der langjährige Vorsitzende der Lobby-Organisation Transportation Alternatives. „Die Verantwortlichen sehen unsere Straßen in der Hauptsache noch immer als Orte an, um PKWs und Laster schnell und reibungslos fortzubewegen“.
Unter Michael Bloomberg wurde viel in Infrastruktur für Radfahrer investiert
Dabei ist der automobile Individualverkehr zumindest im Zentrum von Manhattan praktisch sinnlos geworden. Die Straßen sind so verstopft, dass man mit dem Auto im Schnitt nur noch mit knapp sieben Stundenkilometern vorankommt. Das ist ein zügiges Wandertempo. Der Staat New York hat nach jahrelangem Tauziehen diese Tatsache zur Kenntnis genommen, in dem er endlich eine Gebühr für das Autofahren in Manhattan erhoben hat, die der dringend nötigen Sanierung der öffentlichen Verkehrsmittel zu Gute kommen soll.
Auch in die Infrastruktur für Fahrradfahrer wurde investiert, insbesondere unter Bürgermeister Michael Bloomberg, der von 2002 bis 2014 im Amt war. Hunderte von Kilometern an Radwegen wurden geschaffen und ein überaus erfolgreiches Bike-Share-Programm eingerichtet. Bloomberg erkannte, dass eine automobilzentrierte Verkehrspolitik kein Weg in die Zukunft ist. Die Bürger nahmen das Angebot gerne an. Zwischen 2005 und 2017 stieg die Zahl der täglichen Fahrrad-Fahrten in New York von 50.000 auf mehr als eine halbe Million.
Die getötete Radfahrerin ist bereits das 15. Opfer in diesem Jahr - die Radfahrer wollen weiterkämpfen
Doch mit der steigenden Zahl von Radfahrern auf den ohnehin überfüllten Straßen New Yorks wuchs auch der Unmut bei Autofahrern und Anwohnern. Und vor allem bei der Polizei. So klagen die New Yorker Radfahrer darüber, dass die Mehrzahl der Radwege keinen Schutz böten, weil die Polizei sie nicht frei hält. Jürgen Beneke, ehemalige Mountainbike-Profi, der heute in New York lebt, formulierte es jüngst in einem zornigen Video so: „Es ist völlig unmöglich, den Radweg zu benutzen. Die sind grundsätzlich zugeparkt, oder es wandern Fußgänger darauf herum, die in ihr Handy starren. Aber wenn du ihn dann nicht benutzt, bekommst Du einen Strafzettel. Oder du bist tot und wirst noch selbst dafür verantwortlich gemacht.“
Ein seltener Anblick in New York: Ein Radweg, der nicht zugeparkt ist.
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Die „Vision Zero“-Initiative des amtierenden Bürgermeisters Bill de Blasio sollte eigentlich die Zahl der Verkehrstoten auf null senken. Das Gegenteil scheint aber der Fall zu sein: Die Anzahl der Fahrradtoten ist dramatisch angestiegen. Wie Austin Horse sagt: „Es geht niemand an das eigentliche Problem heran. Die Autos.“ So dauerte es keine Woche nach dem Tod von Robyn Hightman, bis eine weitere Fahrradfahrerin ihr Leben lassen musste. Die 28 Jahre alte Devra Freelander wurde von einem Lastwagen erfasst, der neben ihr abbog. Der Fahrer wurde wieder nicht angezeigt. Sie war das 15. Opfer in diesem Jahr.
Immerhin reagierte diesmal de Blasio auf die wachsenden Proteste und kündigte an, dass die Polizei in den kommenden Wochen verstärkt ihr Augenmerk auf fahrlässige Autofahrer legen wird. Die übliche Aktion gegen die Radfahrer selbst blieb diesmal aus. Aktivisten, wie etwa der beliebte „Streetsblog“, nannten die Initiative jedoch „ideenlos“. Deshalb werden die Zweirad-Advokaten auch so schnell nicht Ruhe geben.
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