Bildung

„Nicht ständig ideologische Experimente“: Was Sachsen in Kitas und Schulen anders macht

Sachsen liegt in Deutschland bei der Bildungsqualität vorn. Das Land macht einiges ganz anders als Berlin. Auch ein DDR-Erbe spielt eine Rolle. Ein Interview.

Wiebke Hollersen
9 Min
Sachsen legt einen Schwerpunkt auf Naturwissenschaften: Grundschüler der Universitätsschule Dresden während einer Projektwoche.

Sachsen legt einen Schwerpunkt auf Naturwissenschaften: Grundschüler der Universitätsschule Dresden während einer Projektwoche.

© Sebastian Kahnert//dpa

Berlin ist jetzt fast ganz unten angekommen. Bei der Bildung, im Vergleich mit den anderen Bundesländern in Deutschland. Einmal im Jahr erscheint der Bildungsmonitor, eine Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft. Berlin wurde diesmal vorletzter, nur Bremen schnitt noch schlechter ab. Muss man das von Stadtstaaten erwarten, in denen sich soziale Probleme ballen? Hamburg kam wieder auf Platz vier.

Ganz vorn lag aber wieder ein ostdeutsches Bundesland: Sachsen. Obwohl die Klassen dort vergleichsweise groß sind, viele Schüler auf einen Lehrer kommen, lernen die Kinder mehr als in jedem anderen Bundesland. Wie erklären die Verantwortlichen selbst die Erfolge? Susann Meerheim, Referentin im Sächsischen Kultusministerium, das auch für die Bildung zuständig ist, hat auf Fragen der Berliner Zeitung geantwortet – aus Zeitgründen in einem E-Mail-Austausch.

Sachsen ist wieder auf Platz eins im Bildungsmonitor, der die Bundesländer miteinander vergleicht. Wie haben Sie das geschafft?

Bildung ist zu Recht Herzstück der Länderpolitik. Der Föderalismus ist dabei kein Selbstzweck, sondern bedeutet Wettbewerb um die beste Lösung. Dieser Qualitätswettbewerb kommt dem ganzen Land zugute. Wenn wir voneinander lernen, erreichen wir die beste Bildungsqualität für unsere Kinder. Jedes Bundesland muss entsprechend seiner Gegebenheiten und Besonderheiten in der Bildung ein Stück weit seinen eigenen Weg gehen. Insofern gibt es kein Patentrezept für alle 16 Länder. Für das gute Abschneiden Sachsens sind viele verantwortlich, allen voran die Lehrerinnen und Lehrer sowie die Erzieherinnen und Erzieher. Die Ergebnisse zeigen aber auch, dass es aufgrund einer zunehmend heterogenen Schülerschaft immer schwieriger wird.

Wir haben in Sachsen ein verlässliches und stabiles Bildungssystem.

Susann Meerheim, Referentin im Kultusministerium

In drei Punkten: Was macht Sachsen besser als andere Bundesländer?

Wenn es wirklich nur drei sein sollen, wäre der erste: Wir haben ein verlässliches und stabiles Bildungssystem. Es finden nicht ständig ideologische Experimente nach den Wahlen statt. So können sich die Lehrkräfte auf einen guten Unterricht konzentrieren.

Der zweite Punkt: Auch wenn die Grundpfeiler der sächsischen Bildungspolitik – Stabilität, Durchlässigkeit, Leistungsprinzip – fest verankert sind, entwickeln wir Schule stetig weiter, um besser zu werden. Deswegen haben wir etwa das Projekt „Bildungsland Sachsen 2030“ ins Leben gerufen.

Der dritte wichtige Punkt: Vorschulische Bildung und guter Unterricht sind das A und O für den Bildungserfolg. Und der hängt von gut ausgebildeten Lehrkräften und Erzieherinnen sowie Erziehern ab. In unseren Kindertageseinrichtungen wird mit dem Bildungsplan die Basis für den Lernerfolg gelegt. Die Betreuungsquoten in den Kitas und die Ganztagesangebote an den Schulen sind im Vergleich zu den westlichen Bundesländern hoch.

Der Bildungsmonitor hat auch eine Schwäche in Sachsen gefunden, die Lehrer müssen pro Person besonders viele Kinder betreuen. 

Von dem allgemeinen Fachkräftemangel ist auch der Bildungsbereich betroffen. In allen Bundesländern werden mehr Lehrkräfte gebraucht als der Arbeitsmarkt zu bieten hat. Durch die Verbeamtung unserer Lehrkräfte sind wir in Sachsen zumindest konkurrenzfähig auf dem Lehrerarbeitsmarkt.

Wie werben Sie um Lehrkräfte?

Zur Bekämpfung des Lehrermangels haben wir 2018 ein 1,7 Milliarden Euro umfassendes Handlungsprogramm aufgelegt. Dazu gehört unter anderem die Verbeamtung der Lehrkräfte und die Erhöhung der Studienplätze von 1000 auf 2700. In Sachsen studieren 18 Prozent der Abiturienten Lehramt. In ganz Deutschland sind es rund zehn Prozent. Zudem locken wir mit einer Gehaltszulage von rund 1000 Euro Referendare aufs Land, wenn die sich im Gegenzug verpflichten, nach ihrer Lehramtsausbildung für einige Jahre in Bedarfsregionen tätig zu sein. Damit sind sie deutschlandweit die bestbezahlten Referendare. Auch die Einstellung von Seiteneinsteigern hilft uns. Mit einer neuen Werbekampagne versuchen wir, für den Lehrerberuf zu begeistern. Zudem greifen wir auch auf Lehrkräfte zurück, die bereits in Rente sind oder gehen wollen. Im Jahr 2021 (die Daten für 2022 liegen noch nicht vor) sind rund 1000 Zulagen gezahlt worden. Bindungszulagen erhalten Lehrkräfte ab 63 Jahren, wenn sie bleiben. Gewinnungszulagen bekommen angestellte Lehrerinnen und Lehrer, wenn sie in Bedarfsregionen gehen.

Klingt nach einer Menge Maßnahmen.

Die Grenzen sind schon so gut wie ausgereizt. Wir müssen es nun schaffen, gemeinsam mit den Universitäten, die MINT-Fächer attraktiver zu machen, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Parallel müssen die ländlichen Regionen Sachsens attraktiver werden, um Nachwuchslehrkräfte aus den Ballungszentren Leipzig und Dresden zu locken. Wir werben immer wieder mit den Pluspunkten von Schulen im ländlichen Raum: Kleinere Klassen, top ausgestattete Schulen, weniger heterogene Schülerschaft. Überall im Land müssen wir dafür sorgen, dass die Lehrerinnen und Lehrer sich auf ihr Kerngeschäft, den Unterricht konzentrieren können. Dafür haben wir unter anderem 576 Schulassistenzstellen geschaffen. 2023 sollen es 751 werden.

Der Anteil des Personals mit einem fachlich einschlägigen Abschluss in den Kitas ist im Freistaat Sachsen sehr hoch.

Susann Meerheim über Bildungsqualität in der Kita

Der Bildungsmonitor kritisiert auch den Betreuungsschlüssel in sächsischen Kitas. Wie gehen Sie damit um?

Der Personalschlüssel allein sagt nichts über die Betreuungsqualität aus! Es ist falsch, lediglich den Blick auf den Personalschlüssel zu richten und die Betreuungsquoten sowie den Ausbildungsgrad des Kitapersonals außer Acht zu lassen. Die Betreuungsquoten in Ostdeutschland und so auch in Sachsen sind deutlich höher als im Bundesdurchschnitt. Während der Betreuungsgrad in den Kitas im Bundesdurchschnitt lediglich 34 Prozent – in der Altersgruppe null bis drei – beträgt, liegt er in Sachsen bei knapp 53 Prozent. Bei der Altersgruppe drei bis sechs Jahre liegt er in Sachsen bei 94 Prozent. Nun zur Ausbildung: Der Freistaat Sachsen liegt mit 59 Prozent akademisch erweiterten Teams an der Spitze. Im Jahr 2022 arbeiteten in unseren 3072 Kindertageseinrichtungen insgesamt 39.359 Personen, ohne technisches und hauswirtschaftliches Personal. In den letzten zehn Jahren sind mehr als 11.000 Beschäftige hinzugekommen. Der Anteil des Personals mit einem fachlich einschlägigen Abschluss in den Kitas ist im Freistaat Sachsen sehr hoch, mit etwa 92 Prozent – bundesweit sind es rund 64 Prozent. Dieser sehr hohe Anteil an pädagogischen Fachkräften ist ein zentrales Kennzeichen der sächsischen Politik im Bereich der Frühpädagogik.

Obwohl die Zahl der Schüler pro Lehrer in Sachsen höher ist, ist die Schulqualität die beste in Deutschland. Was machen Ihre Lehrer anders?

Durch die Studien des angesehenen neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie wissen wir, dass die Klassengröße viel weniger Einfluss auf den Lernerfolg hat als die Qualität des Unterrichts. Kurz gesagt: Es kommt mehr auf den Lehrer und die Lehrerin an. Wir müssen daher dafür sorgen, dass unsere Lehrkräfte bestmöglich bei ihrer Arbeit unterstützt werden. Da die Schülerschaft immer heterogener wird und die Aufgaben weit über den Unterricht hinausgehen, setzen wir zunehmend auf multiprofessionelle Teams. Die Lehrkräfte können sich dadurch besser auf den Unterricht und ihre Schüler konzentrieren. Sie werden unterstützt von Schulverwaltungsassistenten, Schulsozialarbeiter, Inklusionsassistenzen, Praxisberater, Integrationshilfen etc. 

Als einen der Grundpfeiler des Bildungssystems in Sachsen nannten Sie das Leistungsprinzip. Was bedeutet das in der Umsetzung?

Für uns zählt jeder Schüler. Und jeder Schüler ist individuell und braucht daher unterschiedliche Angebote. Bildungsgerechtigkeit basiert auf Vielfalt und nicht auf „Gleichmacherei“ im Sinne einer Einheitsschule. Ein gegliedertes Schulsystem ermöglicht flexible Bildungswege. Nicht „eine Schule für alle“, sondern die richtige Schule für jeden führen zum individuellen Lernerfolg. Dabei spielen für uns die Durchlässigkeit und Anschlussfähigkeit des gegliederten Schulsystems eine große Rolle. Sackgassen darf es nicht geben – weder am Gymnasium noch an Ober- oder Förderschulen. Die wissenschaftlichen Studien, unter anderem wieder die von Hattie, zeigen zudem klar, dass die Schulform nicht ausschlaggebend für den Lernerfolg ist. Viel mehr sind guter Unterricht und damit die Lehrkraft entscheidend. Ein Lehrer bzw. eine Lehrerin können sich dann optimal auf den Unterricht und ihre Schüler konzentrieren, wenn nicht aller vier bis fünf Jahre neue bildungsideologische Experimente durchgeführt werden. Wenn Lehrkräfte ständig mit einer sich ändernden Schulstruktur zu tun haben, dann steht der Schüler nicht mehr im Mittelpunkt. Nationale und internationale Bildungsstudien zeigen, dass Länder mit einem verlässlichen Schulsystem wie Bayern und Sachsen auch Spitzenergebnisse erzielen.

Aus der DDR haben wir ganz klar die traditionelle MINT-Förderung erhalten.

Susann Meerheim über ein nützliches Erbe

Die Viertklässler in Sachsen sind in Deutsch die besten, in Mathe die zweitbesten in Deutschland. Wie haben Sie das geschafft?

Wir legen in Sachsen viel Wert auf eine umfassende Allgemeinbildung, MINT-Förderung, die Basiskompetenzen und die Berufsorientierung. Das beginnt natürlich in der Grundschule – hier sind uns Schreiben, Lesen und Rechnen besonders wichtig. Die Sicherung der Grundlagen bleiben im Fokus unserer Arbeit, getreu dem Motto: „Auf den Anfang komm es an!“

Im Zentrum steht eine differenzierte Förderung, welche die verschiedenen Entwicklungsbereiche der Kinder in den Blick nimmt. Erstmals werden wir in diesem Schuljahr am Ende der Klassenstufe 2 eine zentrale Leistungserhebung in Deutsch und Mathematik durchführen, aus der sich Hinweise für die weitere Förderung ergeben. Nicht zuletzt sind in Sachsen Kitas und Grundschulen verpflichtet, sich gegenseitig bei der Förderung der Kinder zu unterstützen. Das gilt insbesondere auch für die Schulvorbereitung, die in primärer Verantwortung der Kitas liegen.

Gibt es irgendetwas, was Sachsen aus dem DDR-Bildungssystem erhalten hat? 

Ganz klar die traditionelle MINT-Förderung.

Wo sehen Sie selbst Schwächen im sächsischen Bildungssystem, was wollen Sie verbessern?

Wir müssen noch deutlicher als bisher den Fokus auf die Vermittlung der Basiskompetenzen legen. Verbesserungspotenzial gibt es bei der täglichen Nutzung von digitalen Medien im Unterricht. Mit den digitalen Lernmodulen haben wir nicht nur datenschutzkonforme, sondern auch lehrplangeprüfte Bildungsangebote, die viel stärker als bisher genutzt werden sollten. Auch bei der Ausstattung mit schnellem Wlan an den Schulen gibt es Verbesserungsbedarf. Derzeit verfügen rund 20 Prozent der Schulen lediglich über eine Bandbreite von 100 Mbit/s oder weniger. Mit dem Ziel, alle sächsischen Schulen bis Ende 2025 an schnelles Internet anzuschließen, hat das Kultusministerium die „Initiative Breitband“ ins Leben gerufen. Insgesamt stehen 21,8 Millionen Euro dafür zur Verfügung.

Berlin ist im Bildungsmonitor auf Platz 15 abgerutscht und ist nun Vorletzter. Was könnten wir in Sachen Bildung von Sachsen lernen?

Ein Austausch darüber, was gute Bildung ausmacht, findet zwischen den Ländern in der Kultusministerkonferenz statt. Aktuell stehen wir alle vor der gleichen Herausforderung: Schule sieht sich mit den unterschiedlichen Krisen und Problemen konfrontiert, die weit über den Unterricht hinausgehen. Hier müssen wir gemeinsam Antworten finden. Der Bildungsföderalismus bietet die Chance, im Wettbewerb den besten Weg zu finden. Dies ermöglicht es den Bundesländern im Sinne von best practice voneinander zu lernen. Am Beispiel Hamburgs, das sich im letzten Jahrzehnt stark verbessert hat und aktuell auf Platz vier liegt, lässt sich ablesen, dass dieser Weg erfolgreich sein kann.


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