Niederlande

Dämme schützen nicht mehr vor den Wassermassen

Nach der Sturmflut 1953 handelte das Land. Aber das Wasser steigt immer schneller.

BLZ
5 Min
Hochwasser in Dordrecht im Januar 2012.

Hochwasser in Dordrecht im Januar 2012.

© dpa

In der Nacht zum 1. Februar 1953 peitscht ein eisiger Nordwest-Sturm über die Niederlande. Der Wind türmt die Wellen haushoch auf. Dann brechen die Deiche.

In weiten Teilen der südwestlichen Provinz Zeeland hat das Wasser freies Spiel. Dörfer, Städte, Straßen, Äcker und Weiden versinken in den Fluten. In dieser Nacht sterben 1835 Menschen. Die Sturmflut von 1953 sollte die bisher schlimmste Naturkatastrophe des Landes sein. 

Der überflutete Ort Dreischor am 15. 2.1953. Ein schwerer Sturm an der Nordsee hatte am 1. Februar 1953 unzählige Deiche brechen lassen und die niederländische Provinz Zeeland überflutet.

Der überflutete Ort Dreischor am 15. 2.1953. Ein schwerer Sturm an der Nordsee hatte am 1. Februar 1953 unzählige Deiche brechen lassen und die niederländische Provinz Zeeland überflutet.

© dpa

42 Meter breite Stahlschotten

65 Jahre später ist Zeeland gut geschützt - durch eines der ehrgeizigsten Wasserbauwerke: Die Deltawerke mit dem gigantischen neun Kilometer langen Sturmflutwehr an der Oosterschelde, einem Seitenarm der Nordsee. Wenn das Wasser auf drei Meter steigt, dann werden die massiven 42 Meter breiten Stahlschotten geschlossen. Mit einem Druck auf den Knopf. Das Sturmflutwehr wird heute wie ein achtes Weltwunder von Touristen aus aller Welt bestaunt. Es ist für viele der Beweis in Stahl und Beton, dass die Niederländer die Naturgewalten im Griff haben. 

Zend water" ("Schickt Wasser") steht im nach der Flutkatastrophe im Februar 1953 auf einem großen Lastkahn im niederländischen Bronvershaven.

Zend water" ("Schickt Wasser") steht im nach der Flutkatastrophe im Februar 1953 auf einem großen Lastkahn im niederländischen Bronvershaven.

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Insgesamt fünf Sturmflutwehre gibt es inzwischen, und erst vor wenigen Wochen waren sie alle gleichzeitig geschlossen worden. Das hatte es noch nie gegeben. Für die Behörden war es ein wichtiger Test. Und er gelang, wie sie einen Tag später zufrieden meldeten: Das Verteidigungsbollwerk hatte problemlos standgehalten.

40 Prozent des Landes liegen unterhalb des Meeresspiegels

Doch es könnte eine trügerische Sicherheit sein. Solche massiven Wasserbauwerke reichten als Schutz nicht mehr aus, sagt Deichgräfin Tanja Klip-Martin. „Der Klimawandel hat uns zum Umdenken gezwungen.“ Stürme werden heftiger, der Meeresspiegel steigt und die Regenschauer nehmen zu. Das Land, so die Deichgräfin, müsse sich auf extreme Wasserstände vorbereiten.

Die Maeslant-Flutwehr im New Water Way bei Rotterdam. Das gigantische Bauwerk soll die Stadt Rotterdam vor dem Wasser der Nordsee schützen. 

Die Maeslant-Flutwehr im New Water Way bei Rotterdam. Das gigantische Bauwerk soll die Stadt Rotterdam vor dem Wasser der Nordsee schützen. 

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Die Niederlande haben keine Wahl: Gut 40 Prozent des Landes liegen unterhalb des Meeresspiegels. Wenn Deiche und Dämme an der Nordsee im Westen nicht halten, dann versinkt das gesamte Ballungsgebiet von Rotterdam bis Amsterdam in den Fluten. Zwei Drittel des Landes sind bedroht. Auf der anderen Seite vom Osten und Süden aus droht das Hochwasser der großen Flüsse Rhein, Waal und Maas.

Das Wasser steigt schneller als erwartet

Bisher haben die Niederländer dank eines ausgeklügelten Systems von Pumpen, Deichen, Mühlen und Kanälen weitgehend trockene Füße behalten. Für die meisten Bürger ist das so selbstverständlich, wie die Mayo zu ihren geliebten Pommes. Doch die Folgen des Klimawandels sind bereits zu spüren. 

Eine Riesenwelle bricht an der Promenade von Scheveningen  im November 2007.

Eine Riesenwelle bricht an der Promenade von Scheveningen  im November 2007.

© dpa

Das Wasser der Nordsee steigt schneller als erwartet und bedroht die Küsten. Aus Deutschland bringen die Flüsse das Hochwasser, das durch heftigen Regen und Schmelzwasser entsteht. Das ist eine Gefahr für das Delta bei Rotterdam. Und im Süden gab es 2016 so viele heftige Regenfälle wie Klimaforscher eigentlich erst für etwa 2040 vorhergesagt hatten. 

7,4 Milliarden Euro für Deiche und Schleusen

Deichen, Mühlen und Pumpen reichen nicht mehr aus, sagt der nationale Wasser-Botschafter Henk Ovink. „Wir müssen uns anpassen an den Klimawandel.“ Das gilt auch für Wirtschaft und Städte- und Landschaftsplanung. „Wir brauchen maßgeschneiderte Lösungen.“ 

Die Sturmflutwehre «Oosterscheldekering» in Neeltje Jans (Niederlande) in der südwestlichen Provinz Zeeland.

Die Sturmflutwehre «Oosterscheldekering» in Neeltje Jans (Niederlande) in der südwestlichen Provinz Zeeland.

© picture alliance / Bas Czerwinsk

Jetzt ist ein Riesen-Programm zur Verstärkung der Deiche angelaufen. 1100 Kilometer Deich und rund 500 Schleusen sollen bis 2028 erneuert werden und dann den höchsten Sicherheitsstandards entsprechen. Die Kosten belaufen sich auf rund 7,4 Milliarden Euro.

Deiche halten nicht mehr stand

Sogar der berühmte Abschlussdeich im Norden ist nach 80 Jahren nicht mehr sicher. Der „Afsluitdijk“ ist wie die Deltawerke eine Ikone des niederländischen Kampfes gegen das Wasser. Der 32 Kilometer lange Deich schloss das frühere Süd-Meer von der Nordsee ab und schützt dadurch den Norden bis nach Amsterdam vor Sturmfluten. Doch dem von Klimaforschern vorhergesagten Anstieg des Meeresspiegels kann der Deich nicht standhalten.

Nach schweren Regenfällen im Mai 2014 tritt in der Ortschaft Ommen der Fluß Vecht über die Ufer. 

Nach schweren Regenfällen im Mai 2014 tritt in der Ortschaft Ommen der Fluß Vecht über die Ufer. 

© dpa

Die Niederlande setzen auch auf natürlichen Schutz. So werden viele Strände immer wieder neu aufgeschüttet oder neue Dünen angelegt. Hochwasserschutz heißt nicht nur Abschotten, sagt Wasser-Botschafter Ovink. „Wir leben mit dem Wasser. Das ist eine Kultur.“

Ein Problem ist, dass die Wassermassen nicht mehr so schnell weg zu pumpen sind oder im Boden versickern. Daher muss das Wasser dauerhaft mehr Raum bekommen. Flüsse werden verbreitert oder bekommen künstliche Seitenarme. Polder, die einst dem Wasser abgerungen worden waren, werden wieder geflutet. In den Städten gibt es Auffangbecken.

Bewegliche Barriere der Oosterschelde-Sturmflutwehr nahe der niederländischen Stadt Hook of Holland. Der Oosterscheldekering soll die Provinz Zeeland vor Hochwasser schützen. 

Bewegliche Barriere der Oosterschelde-Sturmflutwehr nahe der niederländischen Stadt Hook of Holland. Der Oosterscheldekering soll die Provinz Zeeland vor Hochwasser schützen. 

© dpa

Der Klimawandel ist für die Niederlande eine Frage des Überlebens. Es ist eine Daueraufgabe und nicht im Alleingang zu schaffen, sagt Ovink. „Wenn die Welt das Klimaproblem nicht in den Griff bekommt, dann kriegen wir hier mehr als nur nasse Füße.“ (Annette Birschel, dpa) 

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