Nordend liegt wie eine urbane Enklave in einem grünen Umfeld Wohnen in Berlin - Teil 96: Ein bisschen Kolonie ist geblieben

BERLIN, 2. Februar. Genau hundert Jahre lang stand Nordend auf dem Richtungsschild von Straßenbahnen, die nach Pankow fuhren. Seit November letzten Jahres ist der älteste Straßenbahnhof Berlins - der Bahnhof Nordend - geschlossen. Die Richtungsschilder sind verschwunden, aber die alte Kolonie, die dem Straßenbahnhof den Namen gab, erfreut sich wachsender Beliebtheit. Kaum veränderte BauernhöfeNordend ragt als urbane Enklave in ein grünes Umfeld: nördlich begrenzt von Gärten und den Rieselfeldern, im Osten von Friedhöfen, im Westen von Kleingartenanlagen. Nur im Süden stößt die Siedlung an städtisches Gebiet, an Niederschönhausen. An der Kastanienallee sieht man noch viele der alten Bauernhöfe, die sich seit ihrem Entstehen kaum verändert haben: An der Straße die Vorgärten, die hier Vordergärten heißen, und hinten raus die Scheune, die Felder und die Remise - der Stall für die Pferde und die Kutsche. Christel Liebram wohnt in einem solchen Haus, in der Kastanienallee 19. Ihr Urgroßvater hat das Anwesen 1898 errichtet. Das weite Gartenland hinter dem Haus wurde inzwischen verkauft und bebaut. Nordend hat seine Einwohnerzahl seit 1990 nahezu verdoppelt. Stadtvillen und Reihenhäuser wuchsen auf den ehemaligen Feldern empor. Die Leute fühlen sich wohl im grünen Norden. Einziger Wermutstropfen ist die schmale, schlecht ausgebaute Kastanienallee, die immer stärker vom Durchgangsverkehr belastet wird. Auch Christel Liebram stört der starke Verkehr auf der Kastanienallee. Trotzdem trauert sie den alten, ruhigeren Zeiten nicht nach. Im Gegenteil, sie freut sich über neues Leben in der Kolonie. Damit "die Neuen" ihr Domizil auch richtig kennen lernen, veranstaltet sie oft heimatkundliche Rundgänge. Sie zeigt Kindern und Erwachsenen, wo früher in der alten Kolonie der Bäcker war, der Fleischer, die Abmelkerei, der Fischhändler und der Kohlehändler - damals alles gut zu Fuß zu erreichen. Die Einkaufsmöglichkeiten sind mit ein paar Supermärkten in der Nähe auch heute noch gut. Bei ihren Rundgängen stoppt Christel Liebram stets an dem namenlosen runden Platz an der Kastanienallee, Ecke Birkenallee. Früher hieß er Kronprinzenplatz und war das Zentrum der Kolonie Nordend. Die kleine Schule steht noch dort, wird aber als Wohnhaus genutzt. Die Nordender Kinder gehen entweder in Nordend selbst in die Grundschule oder nach Niederschönhausen. Die Jüngsten können in vier Kitas untergebracht werden. In den Seitenstraßen der Kastanienallee zeigt Christel Liebram auf die hübschen, alten Landhäuser, zum Beispiel auf die Villa im italienischen Landhausstil, in der Schönhauser Straße 42. "In Nordend wohnten zu Beginn des 20. Jahrhunderts viele Nervenärzte. Der Arzt in dieser Villa soll reichen Berliner Ehemännern bescheinigt haben, dass deren Frauen nicht mehr ,gesellschaftsfähig seien", erzählt Christel Liebram. Die Ehefrau konnte gleich in Nordend bleiben. So kam die Villa zu ihrem Namen: "Sophien-Ruh".Historie // Kolonie Nordend: Die Kolonie Nordend entstand 1871 bis 1874. Die Kopie eines Aktienscheins der Terraingesellschaft "Berliner Nordend-Actien-Gesellschaft" von 1872 über 100 Taler (300 Reichsmark) kann man heute im Panke-Museum in der Heynstraße betrachten. 1932 wurde die Kolonie von Berlin eingemeindet.Gemeindehaus: 1909 weihten die Siedler der Kolonie ihr Gemeindehaus ein. Auf eine Kirche verzichtete man. Die Berliner Zions-, Himmelfahrt-, Friedens- und Gethsemanekirchgemeinden kauften das Land neben der Kolonie und legten dort zwischen 1896 und 1900 ihre Friedhöfe an.Schule: Der kleine Backsteinbau steht direkt in der Ortsmitte der alten Kolonie Nordend. Er wurde 1893 gebaut und ein Jahr später von 61 Schulkindern in Besitz genommen.Carl von Ossietzky: Der berühmte Pazifist und Publizist lag gerade im Lungenkrankenhaus von Dr. Dosquet in der Mittelstraße in Nordend, als er 1936 den Friedensnobelpreis erhielt. Im Krankenhaus behandelte man die Folgen der Folter, die Ossietzky in den Konzentrationslagern Sonnenburg und Papenburg erlitten hatte.BERLINER ZEITUNG/KARL MITTENZWEI Bis zum November letzten Jahres fuhren Straßenbahnen den jetzt stillgelegten Betriebsbahnhof in Nordend ...

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BERLIN, 2. Februar. Genau hundert Jahre lang stand Nordend auf dem Richtungsschild von Straßenbahnen, die nach Pankow fuhren. Seit November letzten Jahres ist der älteste Straßenbahnhof Berlins - der Bahnhof Nordend - geschlossen. Die Richtungsschilder sind verschwunden, aber die alte Kolonie, die dem Straßenbahnhof den Namen gab, erfreut sich wachsender Beliebtheit. Kaum veränderte BauernhöfeNordend ragt als urbane Enklave in ein grünes Umfeld: nördlich begrenzt von Gärten und den Rieselfeldern, im Osten von Friedhöfen, im Westen von Kleingartenanlagen. Nur im Süden stößt die Siedlung an städtisches Gebiet, an Niederschönhausen. An der Kastanienallee sieht man noch viele der alten Bauernhöfe, die sich seit ihrem Entstehen kaum verändert haben: An der Straße die Vorgärten, die hier Vordergärten heißen, und hinten raus die Scheune, die Felder und die Remise - der Stall für die Pferde und die Kutsche. Christel Liebram wohnt in einem solchen Haus, in der Kastanienallee 19. Ihr Urgroßvater hat das Anwesen 1898 errichtet. Das weite Gartenland hinter dem Haus wurde inzwischen verkauft und bebaut. Nordend hat seine Einwohnerzahl seit 1990 nahezu verdoppelt. Stadtvillen und Reihenhäuser wuchsen auf den ehemaligen Feldern empor. Die Leute fühlen sich wohl im grünen Norden. Einziger Wermutstropfen ist die schmale, schlecht ausgebaute Kastanienallee, die immer stärker vom Durchgangsverkehr belastet wird. Auch Christel Liebram stört der starke Verkehr auf der Kastanienallee. Trotzdem trauert sie den alten, ruhigeren Zeiten nicht nach. Im Gegenteil, sie freut sich über neues Leben in der Kolonie. Damit "die Neuen" ihr Domizil auch richtig kennen lernen, veranstaltet sie oft heimatkundliche Rundgänge. Sie zeigt Kindern und Erwachsenen, wo früher in der alten Kolonie der Bäcker war, der Fleischer, die Abmelkerei, der Fischhändler und der Kohlehändler - damals alles gut zu Fuß zu erreichen. Die Einkaufsmöglichkeiten sind mit ein paar Supermärkten in der Nähe auch heute noch gut. Bei ihren Rundgängen stoppt Christel Liebram stets an dem namenlosen runden Platz an der Kastanienallee, Ecke Birkenallee. Früher hieß er Kronprinzenplatz und war das Zentrum der Kolonie Nordend. Die kleine Schule steht noch dort, wird aber als Wohnhaus genutzt. Die Nordender Kinder gehen entweder in Nordend selbst in die Grundschule oder nach Niederschönhausen. Die Jüngsten können in vier Kitas untergebracht werden. In den Seitenstraßen der Kastanienallee zeigt Christel Liebram auf die hübschen, alten Landhäuser, zum Beispiel auf die Villa im italienischen Landhausstil, in der Schönhauser Straße 42. "In Nordend wohnten zu Beginn des 20. Jahrhunderts viele Nervenärzte. Der Arzt in dieser Villa soll reichen Berliner Ehemännern bescheinigt haben, dass deren Frauen nicht mehr ,gesellschaftsfähig seien", erzählt Christel Liebram. Die Ehefrau konnte gleich in Nordend bleiben. So kam die Villa zu ihrem Namen: "Sophien-Ruh".Historie // Kolonie Nordend: Die Kolonie Nordend entstand 1871 bis 1874. Die Kopie eines Aktienscheins der Terraingesellschaft "Berliner Nordend-Actien-Gesellschaft" von 1872 über 100 Taler (300 Reichsmark) kann man heute im Panke-Museum in der Heynstraße betrachten. 1932 wurde die Kolonie von Berlin eingemeindet.Gemeindehaus: 1909 weihten die Siedler der Kolonie ihr Gemeindehaus ein. Auf eine Kirche verzichtete man. Die Berliner Zions-, Himmelfahrt-, Friedens- und Gethsemanekirchgemeinden kauften das Land neben der Kolonie und legten dort zwischen 1896 und 1900 ihre Friedhöfe an.Schule: Der kleine Backsteinbau steht direkt in der Ortsmitte der alten Kolonie Nordend. Er wurde 1893 gebaut und ein Jahr später von 61 Schulkindern in Besitz genommen.Carl von Ossietzky: Der berühmte Pazifist und Publizist lag gerade im Lungenkrankenhaus von Dr. Dosquet in der Mittelstraße in Nordend, als er 1936 den Friedensnobelpreis erhielt. Im Krankenhaus behandelte man die Folgen der Folter, die Ossietzky in den Konzentrationslagern Sonnenburg und Papenburg erlitten hatte.BERLINER ZEITUNG/KARL MITTENZWEI Bis zum November letzten Jahres fuhren Straßenbahnen den jetzt stillgelegten Betriebsbahnhof in Nordend an.

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