Koreanische Halbinsel

Wachsende Konfrontation: Nordkoreas Kim Jong-un schürt Kriegsangst und schafft Feindbilder

Die Lage in Korea ist angespannt wie seit Jahren nicht. 200 nordkoreanische Granaten gehen nahe der Seegrenze nieder. Was steckt hinter den Auftritten der Kim-Tochter?

4 Min
Der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un

Der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un

© KNS/AP

Die Lage auf der koreanischen Halbinsel ist angespannt wie seit Jahren nicht mehr. Nach dem Abschuss von mehr als 200 Granaten durch Nordkorea reagierte der Süden mit eigenen Schießübungen unter Einsatz von Panzerhaubitzen und anderer Artillerie. Die nordkoreanischen Granaten gingen in der Nähe besiedelter Inseln, aber noch nördlich der Seegrenze zwischen den beiden Koreas im Gelben Meer nieder. Die Inseln gehören zu Südkorea; die Bewohner wurden aufgefordert, Schutzbunker aufzusuchen. Eine der Inseln, Yeonpyeong, war 2010 Ziel eines Angriffs der nordkoreanischen Artillerie. Vier Menschen wurden damals getötet.

Wenige Tage zuvor hatte der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un eine neue Staatsdoktrin verkündet. Der zufolge wird Südkorea vom Norden nicht länger als Brudervolk angesehen, sondern wie die USA als Feind. Damit ist auch das offizielle nordkoreanische Ziel einer Wiedervereinigung unter der Kim-Dynastie Vergangenheit.

Mit beiden Eskalationen, ideologisch und militärisch, verschärft der kommunistische Norden die Konfrontationspolitik der vergangenen Jahre. Nach einer beispiellosen Raketentestserie 2022 hatte Nordkorea auch im vergangenen Jahr mehrfach und unter Verstoß gegen UN-Verbote atomwaffenfähige Raketen getestet. Im Gegenzug bauten die USA und Südkorea ihre Militärmanöver aus. Vor zwei Monaten hatte Südkorea ein fünf Jahre altes bilaterales Abkommen über Entspannungsmaßnahmen wegen des Starts eines Spionagesatelliten durch Nordkorea ausgesetzt. Nordkorea kündigte daraufhin an, durch das Abkommen nicht länger gebunden zu sein.

Das Gebiet um die Seegrenze ist in der Vergangenheit wiederholt Schauplatz von Gefechten zwischen Kriegsschiffen beider Länder gewesen. Die sogenannte Nördliche Grenzlinie wird von Nordkorea nicht anerkannt. Sie wurde nach dem Koreakrieg (1950–53) von den Vereinten Nationen festgelegt.

Diese von der staatlichen nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA am 14. April 2023 zur Verfügung gestellte Aufnahme soll Kim Jong-un (rechts) und seine Tochter zeigen.

Diese von der staatlichen nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA am 14. April 2023 zur Verfügung gestellte Aufnahme soll Kim Jong-un (rechts) und seine Tochter zeigen.

© KNS/AP

Elf- oder zwölfjährige Tochter als Nachfolgerin?

Die nordkoreanischen Medien zeigten Kim Jong-un am Freitag beim Besuch einer Rüstungsfabrik in Begleitung seiner elf- oder zwölfjährigen Tochter Kim Ju-ae. Um das Mädchen, angeblich das mittlere von drei Kindern, ranken sich seit Ende 2022 jede Menge Vermutungen. Inzwischen scheint ausgemacht, dass Kim sie als dynastische Nachfolgerin aufbaut. Sogar ihr Porträt wurde bereits auf einer Briefmarke abgebildet. Beobachtern fällt auf, wie „staatsmännisch“ das Kind bei öffentlichen Anlässen neben seinem Vater auftritt.

Gerätselt wird über den Nachdruck, mit dem die junge Ju-ae in ihrer mutmaßlich neuen Rolle promotet wird. Schließlich ist der Vater noch jung; Kim Jong-un wird an diesem Montag gerade 40 Jahre alt. Er ist zwar stark übergewichtig, doch über lebensbedrohliche Krankheiten liegen keine seriösen Informationen vor.

Hinzu kommt, dass es mit Kims Schwester Kim Yo-jong bereits eine ernst zu nehmende Prätendentin für die Nachfolge der Paektu-Blutlinie gibt – so wird die in der dritten Generation regierende Kim-Dynastie in Nordkorea offiziell genannt. Kim Yo-jong, die seit Jahren in der Öffentlichkeit auftritt, wird von ihrem amerikanischen Biografen Lee Sung-yoon nicht nur als „mächtigste Frau der koreanischen Geschichte“, sondern auch als „gefährlichste Frau der Welt“ bezeichnet.

Seit Jahren spekulieren die Experten, inwieweit Kim Jong-un die Feindbilder USA und Südkorea benutzt, um die nordkoreanische Elite enger an sich und seine Familie zu binden. Dem gleichen Ziel könnte die latent geschürte Kriegsangst dienen. Darauf, dass es in Nordkorea primär um den Machterhalt der Kims geht, deutet auch die geänderte Staatsdoktrin hin. Manche Beobachter sehen darin wenig mehr als eine Anerkennung des Status quo. Rachel Minyoung Lee vom amerikanischen Stimson Center: „Ein grundlegender Schwenk in der Südkorea-Politik des Nordens deutet sich seit einigen Jahren an. Der Parteitag im Dezember 2023 hat das nur bestätigt.“

In der Vergangenheit wurden spannungsgeladene Perioden, etwa die Jahre 2016/17, immer wieder von Phasen der Entspannung abgelöst. Die bislang intensivsten Gespräche gab es 2018/19 vor dem Hintergrund der Trump-Präsidentschaft. Damals kam es auch erstmals zu Gipfeltreffen zwischen Nordkorea und den USA.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema