Notunterkünfte

Kein Platz für Frauen

Silvia Perdoni
4 Min
Diana lebt seit neun Jahren ohne festen Wohnsitz in Berlin. Sie kam, „weil ihr Herz sich nach der Stadt sehnte“, sagt sie. Welche Wege sie vorher ging, darüber schweigt sie.

Diana lebt seit neun Jahren ohne festen Wohnsitz in Berlin. Sie kam, „weil ihr Herz sich nach der Stadt sehnte“, sagt sie. Welche Wege sie vorher ging, darüber schweigt sie.

© Berliner Zeitung/Markus Wächter

Natalie Kulik arbeitet seit knapp 20 Jahren in „Evas Haltestelle“. Erst war sie Praktikantin, dann zwölf Jahre lang Ehrenamtliche, heute leitet sie „Evas Obdach“.

Natalie Kulik arbeitet seit knapp 20 Jahren in „Evas Haltestelle“. Erst war sie Praktikantin, dann zwölf Jahre lang Ehrenamtliche, heute leitet sie „Evas Obdach“.

© Berliner Zeitung/Markus Wächter

„Es wäre eine Katastrophe, wenn die Evas schließen müssten“, sagt Diana. Mit „den Evas“ meint sie „Evas Haltestelle“ und „Evas Obdach“, die beiden Notquartiere des Sozialdienstes Katholischer Frauen im Bezirk Mitte. Zweimal zehn Schlafplätze stehen hier zu Verfügung. Noch. Denn der Vermieter kündigte „der Haltestelle“ zum 1. Juni aufgrund einer anstehenden Sanierung. Das „Obdach“, das vor zwei Jahren in der St. Hedwigs Kathedrale eröffnete, war von vornherein nur übergangsweise in der Gemeinde untergekommen. Zum Jahresende ist Schluss.

„Der hat mich angegraben“

Findet der mehrheitlich spendenfinanzierte Träger keine neuen Räume, steht es schlecht um die beiden Hilfsangebote für Frauen, die mit ihrem umfassenden Ansatz aus Schlafen, Freizeit und Beratung in Berlin kaum ersetzbar sind. Am Dienstagvormittag sitzt Diana mit einem guten Dutzend anderen Frauen in der „Haltestelle“ bei Brötchen, Butter und Wurst um den Tisch. Hier nahe des U-Bahnhofs Nauener Platz bietet der Träger ein Tagesangebot an aus Kochen, Malen und Quatschen, aber auch aus psycho-sozialer Beratung und im Winter den zehn Kältehilfe-Schlafplätzen. Das „Obdach“ ist hingegen das ganze Jahr über bei Nacht in Betrieb.

„Ich fühle mich in gemischten Notquartieren nicht sicher“, sagt Diana. „Einmal war ich mit einem Mann allein im Zimmer, der hat mich angegraben. Bei mir schrillen da die Alarmglocken.“ Seit dem Jahr 2009 lebt Diana in Berlin auf der Straße, mal „auf Platte“, mal in einem der Heime, mal im Methadonprogramm. Das Heroin nahm ihr fast alle Zähne, die Gesichtsmuskeln entgleisen ihr manchmal. Ein Schicksalsschlag warf sie aus der Bahn, wie so viele hier: Anfang der 2000er-Jahre starb ihr Baby bei einem Brand in einem Frauenhaus in Nordrhein-Westfalen. Ein tragisches Unglück, das aus einem zerrütteten Dasein ein verzweifeltes machte.

Heute ist sie clean, sagt Diana, schon seit Jahren. Ihre Fingernägel sind ordentlich geschnitten, die Kleidung ist sauber und die vielen Ohrringe und Armbäder klappern bei jedem Schritt. „Ich mache mich gern schick“, sagt sie und lacht.

Hygiene ist wichtig

Auch für viele der anderen Frauen in den zwei Einrichtungen ist Hygiene wichtig, sagt Natalie Kulik, Leiterin von „Evas Obdach“. „Sie haben einen anderen Schambereich als Männer“, denkt die Sozialarbeiterin. „Viele haben zum Beispiel Schwierigkeiten, sich während ihrer Periode mit den nötigen Artikeln auszustatten und genieren sich unter Männern, danach zu fragen.“ In der Tagesstätte können sie duschen und ihre Wäsche waschen.

Etwa 20 bis 40 Frauen besuchen den Treff pro Tag. „Das sind eher nicht die Straßenkids, sondern Erwachsene, viele auch über 60. Wir spüren hier, was Altersarmut bedeutet“, sagt Kulik. Anders als Männer bemühten sich Frauen, ihre Wohnungslosigkeit so lange es geht zu kaschieren. „Sie lassen sich auf dubiose Beziehungen ein oder prostituieren sich sogar, um irgendwo übernachten zu können“, sagt Kulik. „Doch wenn diese privaten Netze wegbrechen, landen sie bei uns.“ Hier finden sie oft nicht weniger als eine neue Familie.

„Deswegen ist es wichtig, dass wir neue Räume hier in der Nähe finden“, erklärt Kulik. „Wir sind im Kiez verankert.“ Am liebsten würde sie beide Projekte unter einem Dach vereinen, aber so eine Fläche bräuchte schon 500 Quadratmeter. „Wenig realistisch. Die Räume sind knapp und oft viel zu teuer. Ein Immobilieninhaber wollte 45 Euro pro Quadratmeter von uns!“ Andere Vermieter hätten Vorbehalte gegenüber Obdachlosen, „die denken an Verwahrlosung und Drogen. Dabei suchen die meisten Frauen bloß Schutz.“

Doch davon könnte es bald ein bisschen weniger geben.

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