Nun doch auch Zustimmung zu DDR-Aufarbeitungskonzept

Von Fahnenappell bis Kadersystem

Renate Oschlies
3 Min

BERLIN. Am Nachmittag war der Historiker Martin Sabrow sichtlich erleichtert: "Es scheint, wir sind aus den frisch ausgehobenen Schützengräben wieder heraus", sagte der Vorsitzende der Expertenkommission für ein Konzept zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Danach sah es noch am Morgen gar nicht aus. Die Kommission sei völlig fehlbesetzt, rüffelte eingangs der Historiker Horst Möller vom Institut für Zeitgeschichte München. Die vorgeschlagene Aufarbeitung mit dem Schwerpunkt DDR-Alltag könne "nicht funktionieren", es drohe ein weichgespültes DDR-Bild, in dem "die Kinderkrippen als charakteristischer als die Stasi" dargestellt würden, sagte er auf einem Hearing, zu dem die Expertenkommission und der Kulturstaatsminister Bernd Neumann gestern weitere Sachverständige, Opferverbände und Aufarbeitungsinitiativen eingeladen hatten.Dem Mitte Mai vorgelegten und seitdem heftig umstrittenen Konzept fehle "das der Sache gebotene Pathos", kritisierte der Historiker Reinhard Rürup. Er schlug einen Gedenkort für die Opfer der SED-Diktatur in Berlins Mitte vor, was auf allgemeine Zustimmung stieß. Manfred Wilke vom Forschungsverbund SED-Staat an der FU Berlin lehnte die Gliederung in drei Themensäulen ab und sprach sogar vom "Verdacht des institutionellen Lobbyismus" einzelner Kommissionsmitglieder. Diese Stimmung kippte, als die Theologen der erweiterten Expertenrunde an der Reihe waren. Sie entkräfteten Befürchtungen, die stärkere Zuwendung zum DDR-Alltag könnte die SED-Diktatur verharmlosen. Richard Schröder und der frühere Beauftragte für die Stasi-Unterlagen, Joachim Gauck, nannten gleich etwa zwei Dutzend Alltagsaspekte, die alles andere als geeignet wären, "der DDR Sympathien anzudichten, die sie nicht hatte", wie Schröder sagte. Als Beispiele nannte er die Rolle der Kirchen in der DDR oder die "NS-Verstrickung peinlich vieler SED-Funktionäre". Er warnte vor einer "Besserwessirei" bei der DDR-Aufarbeitung. Es seien viele Westdeutsche unterwegs, die nie in einer Diktatur gelebt hätten, aber anböten: "Wir bewältigen Eure DDR-Diktatur ebenso gut, wie wir die NS-Diktatur unserer Väter bewältigt haben."Gauck berichtete von Vortragsreisen in den Westen Deutschlands. "Ich spreche da kaum noch von Stasi, ich bringe den Westlern die Ossis nahe: Ich schildere ihnen Schule, Pioniere, Fahnenappell, Anpassung am Arbeitsplatz, im Wohnumfeld, das Kadersystem - und schon läuft es allen eiskalt über den Rücken." Da begriffen die Leute auch ohne Stasi, wie Diktatur funktioniere. Die DDR wäre selbst ohne Stasi "ein Irrweg der Geschichte gewesen, da ihr Gewaltenteilung und demokratische Freiheiten und Rechte fehlten".Die frühere DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier hielt dagegen. Sie erlebe, wie alte DDR-Eliten, besonders unter den Lehrern, sich wieder positionierten "und einen Kampf um die Deutungshoheit über die DDR führen", sagte sie. Das vorgelegte Konzept reiche nicht aus, um die junge Generation gegen diese Ostalgie zu wappnen. Am Ende fanden die meisten das vorgelegte Konzept gar nicht so schlecht, und Martin Sabrow meinte, gerade "eine Sternstunde der Aufarbeitung" erlebt zu haben.------------------------------"Die Verwandlung von Bürgern in Staatsinsassen begann nicht vor dem Stasi-Offizier, sondern im Kindergarten."Joachim Gauck

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