Kino

Nur Mitläufer? In „Final Account“ erzählen Menschen von ihrer Zeit als Nazis

Viele sind der Ideologie noch treu: Zwölf Jahre lang hat Regisseur Luke Holland Zeitzeugen des Dritten Reichs befragt. Das Ergebnis ist von unschätzbarem Wert.

Alexandra Senfft
7 Min
Ekstase für den Führer beim Bund Deutscher Mädel.

Ekstase für den Führer beim Bund Deutscher Mädel.

© Mary Cybulski/

Irmgard F. war nicht verwirrt, als sie im September 2021 ihrem Pflegeheim entfloh. Die 96-Jährige entzog sich bewusst ihrem Gerichtsverfahren – während der Nazizeit hatte sie als Schreibkraft im KZ Stutthof die Deportationslisten nach Auschwitz erstellt und zur „reibungslosen Funktionsfähigkeit des Lagers beigetragen“, so die Anklage. Das Schweigen der Täter, der Mittäter und Mitläufer durchzieht die Jahrzehnte: nichts gesehen, gehört oder gewusst. Nur einem Bruchteil der Nazis wurde der Prozess gemacht. Erst 2011 mit der Verurteilung des ukrainischen SS-Manns John Demjanjuk veränderte sich die Rechtsprechung. Es folgten weitere NS-Prozesse, beredt war jedoch keiner der Angeklagten. In seinem Roman „Die Wohlgesinnten“ schuf Jonathan Littell einen fiktiven NS-Täter, der Zeugnis ablegt. Angelehnt an Primo Levi sagt sein Protagonist: „Die wirkliche Gefahr – vor allem in unsicheren Zeiten – sind die gewöhnlichen Menschen, aus denen der Staat besteht. Die wirkliche Gefahr für den Menschen bin ich, seid ihr.“

Deutsche Stiftungen lehnten die Förderung ab

Für gewöhnliche Menschen wie die ehemalige KZ-Sekretärin, die als kleine Rädchen im großen NS-Getriebe mitwirkten, interessierte sich auch der englische Filmemacher Luke Holland. Sein Film „Final Account – ein eindringliches Porträt der letzten lebenden Generation von Hitlers Drittem Reich“ ist jetzt in Deutschland zu sehen. Holland begann sein Langzeitprojekt 2008, überzeugt, dass es noch viele Zeitzeugen gebe, die interviewt werden müssten, bevor sie ihre Erinnerungen mit ins Grab nähmen – Menschen, die bislang niemand gefragt hatte. Er nannte das seine „Erinnerungsjagd“, und sein Ziel war, neben dem Film auch ein Zeitzeugenarchiv zu schaffen. Besonders von Deutschen hörte er, die Menschen, die die NS-Zeit aktiv erlebt hätten, seien alle tot oder schwiegen. Doch er ließ sich nicht entmutigen. Die meisten deutschen Stiftungen lehnten es ab, sein Vorhaben zu fördern, mit dem Grund, dass man alten Nazis kein Forum finanzieren wolle. Die britische Pears Foundation nahm sich schließlich des Projekts an.

Der Regisseur Luke Holland. Die Premiere seines letzten Films erlebte er nicht mehr, er starb mit 71 Jahren an Krebs.

Der Regisseur Luke Holland. Die Premiere seines letzten Films erlebte er nicht mehr, er starb mit 71 Jahren an Krebs.

© Luke Holland

Nach zwölf Jahren stellte Holland den Film im Jahr 2020 mit seinem Assistenten Sam Pope fertig. Die Premiere auf dem Filmfestival in Venedig erlebte er nicht mehr, er starb mit 71 Jahren an Krebs.

Der Filmemacher interviewte 274 Menschen, manche mehrfach, in Deutschland, Österreich und anderen Ländern. Es liegen 500 Stunden audiovisuelles Material vor, die unter dem Titel Final Account: Third Reich Testimonies als Archive am University College London, der Wiener Holocaust Library sowie am Institut National de l’Audiovisuel in Frankreich für Forschung und Familienrecherchen zugänglich sind. Eine deutsche Institution für ein solches Archiv ist noch nicht gefunden.

Ab wann wird Mitschuld zur Täterschaft?

„Final Account“ ist das beeindruckende Werk eines Mannes, der nur halb scherzte, wenn er sagte, er selbst hätte ein Antisemit werden können. 1948 in England geboren, wuchs Holland deutschsprachig in einer Siedlung der fundamentalistisch christlichen Bruderhöfer in Paraguay inmitten der indigenen Bevölkerung auf. Als Teenager zurück im Vereinigten Königreich enthüllte seine aus Wien stammende Mutter, dass sie Jüdin und die einzige Überlebende ihrer tschechischen Familie sei. Dieses Wissen motivierte Holland, sich intensiv mit seiner Identität und der Geschichte auseinanderzusetzen und sich zu fragen, wer die Menschen waren,  die diese Verbrechen zu verantworten hatten. 1993 kamen seine international ausgestrahlten Filme „Good Morning, Mr. Hitler!“ und „I was a Slave Labourer“ (1997) über den ehemaligen NS-Zwangsarbeiter Rudy Kennedy heraus, weitere Filme folgten. Holland beschrieb sich selbst so: „Ich bin Jude. Meine Großeltern wurden ermordet. Ich will alte Nazis filmen (I want to shoot old Nazis). Ich bin ein Filmemacher.“

In „Final Account“ porträtiert er 20 Zeitzeugen, überwiegend der Jahrgänge 1918–1924; von den klassischen Mitläufern über die  Buchhalterin, die die Lohnabrechnungen für Zwangsarbeiter machte, bis hin zu Mitgliedern der SS-Leibstandarte Adolf Hitler und der Wehrmacht. Authentisch berichten sie von ihren Erinnerungen, Prägungen und Einstellungen. Die Intensität der gefilmten Aussagen wird durchbrochen von Landschaftsbildern, unveröffentlichtem Archivmaterial und Fotomontagen sowie Informationen zu Vernichtungslagern in Deutschland und Österreich. Der Film kommt ohne Sprecher aus, sein Erzählbogen spannt sich von der jugendlichen Prägung bis zur Komplizenschaft und beleuchtet die Frage: Ab wann wird Mitschuld zur Täterschaft?

Margarete Schwarz hat als Kindermädchen für eine SS-Familie gearbeitet.

Margarete Schwarz hat als Kindermädchen für eine SS-Familie gearbeitet.

© Luke Holland

Viele Gesprächspartner sind überzeugte Nazis geblieben

Im Gegensatz zu Claude Lanzmann, der für „Shoah“ 1985 noch mit versteckter Kamera drehen musste, filmte Holland mit dem Einverständnis seiner Protagonisten. Er spürte sie durch Recherchen und seine vielfältigen Kontakte auf, oft aber schlicht spontan, indem er sie auf der Straße oder im Bus ansprach. Er konnte gut Deutsch, hatte Charme und psychologisches Gespür. Vor allem war er ein aktiver Zuhörer und verfügte über eine sensible Methode der Gesprächsführung, mit der er seinem Gegenüber die Zunge löste.

Seine Protagonisten sitzen in den eigenen vier Wänden, vor Bücherregalen mit Marienfiguren, auf dem Sessel, am Esstisch. Der Filmemacher wirkt wie ein unbequemer und zugleich willkommener Gast, stets im Off hinter der Kamera, während man ihm Tee serviert oder selbstgekochte Marmelade anbietet. Die Kamera zeigt Stammbücher, Wehrpässe und Blutorden, die manche Interviewte noch immer stolz präsentieren. In Ebensee, wo sich ein KZ-Außenlager von Mauthausen befand, plaudern Rentnerinnen im Altersheim bei Kaffee und Kuchen über damals. Eine von ihnen erzählt unbefangen, dass sie ihren Freund und späteren Ehemann, der bei der SS war, nach dem Krieg neun Monate lang versteckte, um ihn vor einer Verurteilung zu bewahren.

Manche Gesprächspartner singen für Holland die Nazilieder, die sie nie vergaßen, und entblößen sich bis auf die Haut, um ihre SS-Tätowierungen zu zeigen. Sie verwickeln sich in groteske Widersprüche, die ihnen erst durch seine Nachfragen bewusst werden und ihre Verleugnung entlarven. Der Regisseur bringt sie zum Nachdenken und konfrontiert sie mit ihrer eigenen Verantwortung. Dabei führt er seine Protagonisten nicht vor, sondern lässt sie für sich selber sprechen. Zugleich entlastet er sie nicht oder lässt gar Verständnis aufkommen. Das macht diese Interviews so unmittelbar eindrücklich.

Karl Heinrich Lübbert Hollander, Karl Heinrich Lübbert Hollander

Karl Heinrich Lübbert Hollander, Karl Heinrich Lübbert Hollander

© Luke Holland

Einige der Porträtierten zeigen sich noch heute von der NS-Zeit begeistert, sie sind überzeugte Nazis geblieben. Andere sind schuldbewusst, allen voran Hans Werk. In einer Szene diskutiert der ehemalige Waffen-SS-Mann im Haus der Wannseekonferenz, heute Gedenk- und Bildungsstätte Wannsee, mit Auszubildenden. Einer davon ist ein Neonazi, der dem alten Mann wegen seiner Reue Charakterschwäche vorwirft. Sichtlich erregt entgegnet Werk ihm, einer Mörderorganisation angehört zu haben, wofür er sich heute schäme, und er warnt die jungen Männer davor, sich verführen zu lassen.

Die Täter sollten Gesicht zeigen

Luke Holland ging es darum, die Vergangenheit in der Gegenwart sichtbar zu machen. Er fand es essenziell, dass die Täter und Mitläufer von einst Gesicht zeigen, um den Lebensgeschichten der Opfer und Überlebenden, die jahrzehntelang im Fokus der öffentlichen Aufarbeitung standen, etwas entgegenzustellen. Mit seinem Film und dem Archiv vervollständigt und würdigt er die Zeugnisse der Verfolgten durch die Erzählungen derer, die dieses Leid verursachten. Er bezog sich dabei auf den Historiker Raul Hilberg, der schrieb, dass man „ohne Einblick in die Handlungen der Täter die Geschichte nicht in ihrer vollen Dimension begreifen kann“.

Eine Erinnerungskultur, die der Opfer huldigt, ohne zugleich die Täter kenntlich zu machen, hielt Luke Holland für unzureichend. „Ritualisiertes Erinnern erleichtert das Vergessen“, betonte er. Dem Vergessen wirkt er mit diesem außergewöhnlichen Zeitdokument entgegen: Seine Zuschauer holt er aus der Komfortzone, in der sie sich in ihrer Identifikation mit den Opfern eingerichtet haben. Dabei konfrontiert er sie mit ihrem eigenen „inneren Nazi“ und der beunruhigenden Tatsache, dass die Täter und Komplizen von einst Menschen sind wie du und ich.

Final Account, Dokumentarfilm, Großbritannien 2021, Regie: Luke Holland, 95 Minuten
Filmstarts in Berlin: 
28. April 2022: Hackesche Höfe, Kino Intimes
5. Mai 2022: Thalia-Filmtheater

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