„Es war eine Orgie“

Wie Nutella für Krawalle in französischen Supermärkten sorgte

Durch eine Aktion des Einzelhändlers Intermarché verloren Kunden die Fassung.

Stefan Brändle
4 Min
Ein französischer Einzelhändler bot Nutella für 1,41 Euro, statt für 4,50 Euro an.

Ein französischer Einzelhändler bot Nutella für 1,41 Euro, statt für 4,50 Euro an.

© AFP

Die Pariser Zeitungen äußern geschlossen ihr „Unwohlsein“. Wirtschaftsminister Bruno Le Maire meinte empört, man könnte doch nicht „an jedem vierten Morgen einen Volksaufstand tolerieren“. Und sogar die Supermarktkette Intermarché rang sich nach längerem Schweigen zum Kommentar durch, es tue ihr „für die Kunden leid“.

Zehn Tage ist es schon her, dass der viertgrößte Einzelhändler Frankreichs (hinter Carrefour, Auchan und Leclerc) die Aktion „Ein Glas Nutella für 1,41 Euro statt für 4,50 Euro“ lancierte. Schon vor der Ladenöffnung massierten sich die Kunden vor den Toren der knapp 1500 Läden im Land die Hände. Als sich die Pforten öffneten, stürzten sie sich auf die 950 Gramm schweren Töpfe und rissen sie sich schreiend und zankend aus den Händen.

Im Intermarché von Forbach (Lothringen) beschrieb eine Verkäuferin: „Die Leute haben sich darauf gestürzt, alles umgeworfen, zerbrochen. Es war eine Orgie.“ Zuerst sprachlos, schimpften die sozialen Medien bald über Nutella, diese teuflische – oder je nach Standpunkt teuflisch süße – Mischung“ aus Zucker, Haselnuss und Palmöl, die offenbar das Zeug habe, das Tier im Mensch zu wecken. Ende vergangener Woche erfassten die Intermarché-Operation namens „Die vier günstigsten Wochen“ allerdings auch andere Produkte wie gemahlenen Kaffee oder Trockenwindeln von Pampers. Und auch die Superrabatte für diese Marken lösen vielerorts Volksaufläufe und unschöne Szenen aus.

Für die ärmeren Schichten sind Marken wie Nutella bereits "Luxus"

Womit immerhin bewiesen ist, dass Nutella nicht krawallfördernder ist als andere Produkte. Weshalb dann diese Szenen „kollektiver Hysterie“, wie der Forscher Medhi Moussaïd sie beschreibt? Gegen diesen Ausdruck wendet sich Jean-Yves Mano vom Konsumentenverein CLCV. Er verurteilt die Kunden nicht: „In Frankreich gibt es neun Millionen Arme. Sie sind schlicht gezwungen, dauernd nach Vergünstigungen oder Treueboni Ausschau zu halten.“ Damit wird die Debatte sehr politisch. Der Grünen-Politiker Yannick Jadot meint, die Nutella-Tumulte enthüllten in erster Linie ein Kaufkraftproblem mittelloser Franzosen. Damit kritisiert er auch Präsident Emmanuel Macron, der vor allem die Reichen steuerlich entlastet hat. Sein Minister Le Maire meint zur Verteidigung: „Bei Rabatten von 50 oder 70 Prozent stürzen sich die Konsumenten immer drauf – das gilt für Nutella oder Pampers, doch man kann sich solche Szenen auch in Luxusläden vorstellen.“

Als Echo aus dem Internet kam die Frage, ob man sich nun reiche Damen in der Avenue Montaigne, der Pariser Luxusmeile, vorstellen müsse, wie sie sich um einen Gucci-Pelz balgten. Die Konsumforscherin Nathalie Damery hält das nicht für dasselbe: Für viele einfache Leute, Rentner oder Arbeitslose aus den Außenvierteln seien schon Markennamen wie Nutella oder Pampers „Luxusprodukte“, die sie sich normalerweise nicht leisten könnten. „Das sind keine raffgierigen Schnäppchenjäger, das sind Leute, für die es zum Monatsende auf jeden Euro ankommt.“ Diese Leute wüssten sehr wohl, dass sie von den sogenannten „privaten“ Klubverkäufen im Internet oder Spezialläden ausgeschlossen blieben; wenn sich die Gelegenheit biete, wollten sie auch mal zu den Gewinnern gehören.

Cotillard stellt 70-Prozent-Rabatte ein

Um Druck von der Regierung zu nehmen, hat Minister Le Maire nun den Intermarché-Direktor Thierry Cotillard zu einer Standpauke vorgeladen; auch beauftragt er das Betrugsdezernat, die Einhaltung der Rabattregeln in der – aktuellen Ausverkaufszeit – zu prüfen. Die Regierung präsentierte zudem eiligst ein seit langem geplantes Gesetz, das die Beziehungen zwischen Bauern und dem Einzelhandel regelt. Dazu gehört auch die Frage von Dumping-Rabatten. Die Ausführungserlasse sind noch nicht bekannt; nach letztem Stand sollen sie aber nur noch 34 Prozent Rabatt zulassen.

Cotillard erklärte am Sonntag, er werde die 70-Prozent-Rabatte ohnehin wegen der Gewaltakte einstellen.

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