Liam Gallaghers Zahnverlust

Pinkeln und Prügeln mit Oasis

Unser Autor kennt die wahre Geschichte der legendären Schlägerei in München 2002.

Christian Seidl
4 Min
Liam Gallagher schimpft über deutsche Polizisten.

Liam Gallagher schimpft über deutsche Polizisten.

© dpa

Im Dezernat 12 der Münchner Polizei gibt man sich gelassen - die Nacht vom 30. November zum 1. Dezember 2002 ist dort allen noch in bester Erinnerung. Es war die Nacht, in der der Rockstar Liam Gallagher, damals Sänger von Oasis, in der Bar des Hotels Bayerischer Hof mit einer Gruppe angeblicher „Italiener“ aneinandergeriet, und am Ende war die Bar Kleinholz und Gallagher hatte zwei Zähne weniger.

Die herbeigerufene Polizei konnte lediglich den Schaden ermitteln - und Gallagher und den Oasis-Schlagzeuger Alan White als vom Barmann als solche identifizierte Anstifter der Schlägerei festnehmen, nach heftigem Widerstand. Zehn Streifenwagen waren im Einsatz. Das für den nächsten Tag geplante Konzert war damit natürlich passé. 

In einem Interview mit dem Guardian erzählte Gallagher nun, er sei unschuldig gewesen, und die beiden Zähne habe ihm die Münchner Polizei gezogen. Aus Rache gewissermaßen, weil er sich zur Wehr gesetzt und wenigstens einen Polizisten mit einem Fußtritt außer Gefecht gesetzt hätte. Er wisse das übrigens deshalb so genau, weil er am nächsten Tag weder eine dicke Lippe noch sonst eine Schramme im Gesicht gehabt hätte und sogar noch habe pfeifen können. Muss die Rock’n’Roll-Geschichte also umgeschrieben werden?

Folklore aus Schwabing

Tatsächlich gehört die Geschichte um Liam Gallaghers Zähne inzwischen zur Münchner Folklore, in einer Reihe mit den Beatles im Circus Krone, den Schwabinger Krawallen und den Scorpions, die einst an der Tür des P1 abgewiesen wurden und auf die Bemerkung „Wir sind die Scorpions“ zu hören bekamen: „Eben drum.“

Der Autor hatte seinerzeit insofern mit der ganzen Sache zu tun, als er in offizieller Mission die After-Show-Party organisieren durfte. Er war seinerzeit in einem kleinen, aber bundesweit agierenden Fanclub, den so genannten Oasis-Ultras, dem unter anderem auch Markus Kavka, Thees Uhlmann und Matze Hielscher angehörten. Ziel war im wesentlichen, das aber nur am Rande, möglichst viele Konzerte zu sehen, und von jedem Konzert, auf dem man war, ein Bootleg zu ergattern.

Die Party sollte in einem Club in Schwabing steigen, den damals Jessica Luther betrieb, die Freundin des Fußballers Mehmet Scholl. Scholl selbst war ebenfalls leidenschaftlicher Fan, aber nur assoziiertes Mitglied der Ultras, da sich die Bayern-Hasser im Fanclub seiner offiziellen Aufnahme verweigerten.

Jedenfalls wurden schon im Vorfeld des Konzerts an einschlägigen Orten wie dem Britpop-Club Atomic Café Flyer verteilt, es wurde ein großer Union-Jack-Wimpel mit Oasis-Logo gedruckt, der hinter dem DJ-Pult hängen sollte; und für all das gab es sogar ein kleines Budget von der Plattenfirma. Schließlich sollte die Band am Ende ja auch auf der Party erscheinen.

Party statt Konzert

Die Band erschien dann aber nicht einmal auf der Bühne. Liam und Alan saßen am Tag des Konzerts, der im Übrigen ein Sonntag war, im Knast; Liam zumal ohne zwei Schneidezähne, was ihm das Singen auch dann unmöglich gemacht hätte, wenn er rechtzeitig zum Konzertbeginn rausgekommen wäre. Als die traurige Wahrheit am Sonntagnachmittag durchsickerte, war das natürlich erstmal eine Katastrophe. Nicht nur, dass man um ein Konzert geprellt wurde – auch die Vorbereitungen für die Party schienen für die Katz. Oder doch nicht?

Dann eben kein Konzert und nur die Party, sagten sich die Oasis-Ultras – und ließen sie trotzdem steigen. Sie rechneten mit ein paar Verstreuten, die zumal schlecht gelaunt sein und zu Randale neigen würden nach der Absage. Und dann kamen Hunderte – es schien fast, als sei wirklich jeder, der um den Gig gebracht wurde, stattdessen erst recht zur Aftershow-Party gekommen. Der Club dampfte nur so vor Leuten, dass man Angst haben musste, die Anlage raucht ab.

Dort lief natürlich den ganzen Abend Britpop, und die Laune war bestens. Um so mehr, als Gem Archer und Andy Bell von Oasis auftauchten und sich unter die bierselig pogende Menge mischten. Irgendwann kam einer und meinte, er habe gerade beim Schiffen neben Gem gestanden. Eigentlich könne er jetzt sterben und auf ein erfülltes Leben zurückblicken. Es war ein Traum von einer Party.

Vermutlich hätte es sie so nie gegeben ohne den Vorfall am Abend zuvor. Was wirklich geschehen war? Nicht das, was Liam Gallagher behauptet. Im Dezernat 12 der Münchner Polizei gibt es nämlich ein Foto im Archiv. Es zeigt Liam Gallagher unmittelbar nach der Prügelei im Bayerischen Hof.

Seine Haare sind zerzaust, und in seinem Gesicht klafft eine Lücke. Nicht bestätigt ist, dass man dort auch die beiden Zähne verwahrt. Eigentlich stünden sie den Oasis-Ultras zu: als Ausgleich für das entgangene Bootleg und als Trophäe - dafür, dass sie der Band und allen Fans den Abend gerettet haben.  

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