Obdachlose Berghain

Norbert Koch-Klaucke
3 Min
Aus Stoffresten gebastelte Behausungen: Ein Teil des Zeltlagers hinter dem Klub Berghain, in dem 70 Obdachlose und Drogensüchtige hausen.

Aus Stoffresten gebastelte Behausungen: Ein Teil des Zeltlagers hinter dem Klub Berghain, in dem 70 Obdachlose und Drogensüchtige hausen.

© BLZ/Bernd Friedely

Das Berghain zieht nicht nur das Party-Volk aus aller Welt an. Direkt hinter dem berühmten Klub in Friedrichshain, in dem sogar Pop-Stars wie Lady Gaga zu Gast waren, campieren etwa 70 Obdachlose, Punks und Drogensüchtige aus Deutschland und Osteuropa. Aus Stoffresten und Holzpaletten haben sie in dem Park an der Helsingforser Straße illegal eine Zelt-Stadt errichtet. Müll liegt herum, es riecht in der Anlage nach Kot und Urin. Bei den gegenüberliegenden Anwohnern kocht die Wut. Sie berichten über Streitigkeiten der Lager-Bewohner, von Diebstählen und Übergriffen auf Passanten – und dem tatenlosen Zusehen der Behörden. Den Anwohnern reicht es.

In den Park traut sich Andrea Dombrowski (57) schon lange nicht mehr. „Die Zustände sind seit dem Frühjahr so haltlos geworden, seit dem es dort das Zeltlager gibt“, sagt sie. „Die Leute urinierehemmungslos in dem Park, machen ihre ekligen Geschäfte. Wir haben in unserer Straße schon eine Rattenplage.“ Und das sei noch nicht einmal das Schlimmste. „Bis in den frühen Morgen wird betrunken herumgegrölt. Es finden Schlägereien unter den Zeltbewohnern statt. Oft haben wir schon die Polizei gerufen. Da gibt es Verwarnungen und das war es“, berichtet ihr Mann Uwe (54). „Sie tanzen auf parkende Autos herum. Auf unserem Hof wurde ein Bewohner sogar beim Klauen von Wasserhähnen erwischt, die zum Sprengen unser Hausgärten dienen.“ Und wenn man als Anwohner sich nachts bei den Leuten im Park beschwert, bekäme man Schläge. Das sei Uwe Dombrowski selber im Mai passiert. Von einer Anzeige bei der Polizei sah er allerdings ab. „Die stellen doch nur das Verfahren ein, weil sie die Täter nicht bekommen.“

Bei den Anwohnern geht die Angst um. Evelyn Ratteit (62) ist Bäckereiverkäuferin. „Wenn ich um halbvier zur Arbeit muss, nehme ich ein Taxi, weil ich mich nicht allein auf die Straße traue, um zum Bahnhof zu gehen“, sagt sie. Und Nachbar Rolf Fröhlich (58) erzählt von Drogendealern, die mit der Zeltstadt im Park auftauchen, ohne Scheu ihren Stoff Spaziergängern anbieten. „Früher konnten Kinder im Park spielen – jetzt nicht mehr“, sagt Fröhlich.

Die Anwohner versuchen sich gegen die Zelt-Stadt zu wehren, schickten Mails an die Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) und ans Ordnungsamt. „Die Behörden versprachen sich zu kümmern, doch es passiert nichts“, sagt Andrea Dombrowski. „Jetzt werden wir einen Brandbrief an den Innensenator Geisel, damit endlich die Stadt etwas gegen die illegale Zelt-Stadt und den dortigen unhaltbaren Zuständen unternimmt.“

In der Tat scheint der Bezirk machtlos. Bezirksamt-Sprecherin Sara Lühmann bestätigt, dass sich die Beschwerden der Anwohner häufen, in ihrer Straße es auch Ratten-Probleme wegen der Zeltstadt gab. „Wir nehmen das ernst“, sagt sie. Aber das Ordnungsamt könne nur mit Platzverweisen reagieren. Doch das bringe nichts. „Platzverweise führen nur zu einer Verdrängung an andere Orte, möglicherweise aber mit Rückkehr an denselben Ort“, sagt Lühmann. An einer wirksameren Lösung des Problems würde gearbeitet. „Dazu muss unbedingt die Landesebene eingebunden werden.“ Das kann dauern. So können die Camper weiter ungestört im Park hausen. „Von den Behörden brauchen wir uns nicht zu fürchten“, sagt Bewohner Heiko (41). Sein polnischer Kumpel Pawel (32) sagt: „Wir sind doch friedlich. Den Stress machen andere.“

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