Fast sechs Jahre nach dem Beginn der globalen Finanzkrise sind deren Auswirkungen auch im Gesundheitssektor zu spüren. Laut einer neuen OECD-Studie wachsen die Ausgaben für den Gesundheitsbereich, anders als in den Jahren davor, seit 2008 kaum noch.
Dramatisch zugenommen aber hat auf der anderen Seite der Konsum von Tabletten gegen chronische Erkrankungen. Das besagt der jüngste Gesundheitsreport „Health at Glance“ (Gesundheit auf einen Blick) der OECD, der am Donnerstag in Paris veröffentlicht wurde.
Das hängt zu einem gewissen Grad mit einer guten Nachricht zusammen: Die Lebenserwartung der Menschen in den 33 Mitgliedsstaaten der OECD steigt weiter und liegt inzwischen fast flächendeckend über 80 Jahren. Das sind zehn Jahre mehr als noch im Jahr 1970.
Volkskrankheit Diabetes
Mit dem Alter aber nehmen auch chronische Krankheiten wie etwa Demenz und Diabetes zu. An letzterer litten im Jahr 2011 85 Millionen Menschen in den OECD-Ländern.Tendenz steigend.
In Deutschland ist Diabetes fast schon eine Volkskrankheit. Nur in Finnland werden mehr Medikamente gegen den erhöhten Blutzucker verschrieben. Mit 83 Tagesdosen pro 1 000 Einwohner liegt Deutschland deutlich über dem OECD-Durchschnitt von 60 Dosen. Der hohe Anstieg wird im Bericht mit dem zunehmenden Übergewicht erklärt. Allerdings ist dies in Deutschland im Vergleich zu anderen OECD-Ländern nahezu stabil geblieben.
Zugenommen hat auch der Verbrauch der medizinisch umstrittenen Antidepressiva. In den elf Jahren seit der Jahrtausendwende stieg der Konsum von 35 auf 56 tägliche Dosen pro 1 000 Einwohner. In Deutschland verdoppelte sich der Konsum ärztlich verordneter Glückspillen in den elf Jahren, liegt aber mit 50 Tagesdosen noch unter dem Durchschnitt der OECD.
Der Bericht führt den gestiegenen Konsum auch auf die Auswirkungen der Finanzkrise zurück. In deren Folge haben viele Menschen Arbeit und Einkommen verloren haben und sind somit deutlich vermehrtem Stress ausgesetzt. Es habe zwar schon vor der Krise 2008 einen Anstieg gegeben. „Aber der Konsum ist seitdem weiter schnell angewachsen“, heißt es in einer Mitteilung der OECD.
Stimmungsaufheller für Island
Am dramatischsten ist die Lage in Island. Auf der Insel greift mehr als jeder zehnte Einwohner zu Antidepressiva. Zurückgegangen ist der Konsum der Stimmungsaufheller übrigens in keinem Land.
Antidepressiva werden dem Bericht zufolge häufiger bereits bei milden Formen von Erkrankungen, etwa Angstzuständen oder Sozialphobien verordnet, die Therapien fielen allgemein intensiver aus. „Diese Ausdehnung hat zur Besorgnis darüber geführt, ob die Verschreibungen angebracht sind“, heißt es in dem Bericht kritisch. (BLZ/dpa, AFP)
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de