Öko-Mode: Korrekte Klamotten

Auf den ersten Blick unterscheidet sich der blaue Kapuzenpulli kaum von dem, was bekannte Marken wie Adidas oder Bench anbieten: Sportlich, schlicht geschnitten – zu neudeutsch Streetwear. Und doch sind die Klamotten des Hamburger Labels Recolution anders. Nicht nur, dass sie zu 100 Prozent aus Bio-Baumwolle und unter Einhaltung sozialer Standards in der Türkei hergestellt ...

BLZ
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Auf den ersten Blick unterscheidet sich der blaue Kapuzenpulli kaum von dem, was bekannte Marken wie Adidas oder Bench anbieten: Sportlich, schlicht geschnitten – zu neudeutsch Streetwear. Und doch sind die Klamotten des Hamburger Labels Recolution anders. Nicht nur, dass sie zu 100 Prozent aus Bio-Baumwolle und unter Einhaltung sozialer Standards in der Türkei hergestellt wurden.

Geschäftsführer Robert Diekmann greift in den Ärmel des Pullis und kehrt das seidig-flauschige Innere nach außen. „Fassen Sie das mal an“, sagt er. „Wer unsere Sachen einmal an- hatte, zieht sie nicht mehr aus.“ Diekmann will seine Kundschaft damit überzeugen, dass seine Mode gut aussieht und sich toll anfühlt: „Wir bieten Produkte, die nicht nach Müsli aussehen. Öko gibt’s als Zusatznutzen.“

Kein Platz in großen Läden

Ökologisch und sozial korrekt hergestellte Mode ist derzeit präsenter denn je – spätestens, seit den Nachrichten von Bränden mit vielen Toten in Textilfabriken in Bangladesch und Pakistan, die für große, westliche Discounter und Modemarken fertigen. Grüne Modemessen wie die Ethical Fashion Week und der Greenshowroom, die parallel zur Berliner Fashion Week laufen, verbuchen wachsende Aussteller- und Besucherzahlen. Sie zeigen, dass nachhaltige Mode mit dem einstigen Müsli-Schlabberlook nichts zu tun hat.

Auch die weit verbreitete Annahme, dass schadstofffreie, unter fairen Bedingungen produzierte Mode zwangsläufig teurer sein muss als herkömmliche Kleidung, ist falsch: Bei Recolution kosten ein T-Shirt mit 30 Euro und ein Pullover ab 80 Euro nicht mehr als Markenware der Sportartikelhersteller. Dafür lassen sich jene ihren Namen teuer bezahlen.

So häufig derzeit über nachhaltige Mode gesprochen wird, so schwer ist sie noch immer in den Geschäften und Einkaufszentren zu finden. Jenseits einschlägiger Online-Marktplätze, die sich auf nachhaltige Mode spezialisiert haben, ist das Angebot rar. Diekmann kennt das Problem. Recolution ist in 30 Läden in Deutschland zu haben, zum Beispiel in der Gruenen Wiese in Münster, einem der größten Ethical-Fashion-Läden, oder im Supermarché am Lausitzer Platz in Berlin.

Der Schockeffekt hält nicht lange

Nach Unglücken wie in Bangladesch oder Pakistan steige die Nachfrage kurzfristig an, sagt Diekmann, doch der Schockeffekt halt meist nicht lange. Sich als Öko-Nischenmarke in größeren Geschäften neben herkömmlichen Marken zu etablieren, sei schwer: „Die Läden haben oft keinen Platz, weil die Kunden erwarten, dass sie alle großen Labels anbieten.“

Er geht davon aus, dass nachhaltig produzierte Mode immer eine Nische bleiben wird. Sie könne sich jedoch im Stadtbild und bei den Kunden weiter etablieren. So suchten die Öko-Konzept-Läden nach attraktiven Standorten. Diekmann: „Es geht darum, von C- in B-Lagen reinzukommen.“

Vielleicht erleben wir also irgendwann ein ähnliches Phänomen wie bei den Bio-Supermärkten, die in den guten Einkaufslagen angekommen sind. Was aber müsste passieren, damit sich Öko-Mode in normalen Kaufhäusern und Einkaufszentren etabliert? Textil-Discounter wie H&M oder C&A hätten aufgrund ihrer Größe die Marktmacht, um Veränderungen anzustoßen. Doch sie nutzen diese bislang eher punktuell.

Was die Verbesserung der Produktionsbedingungen in Asien betrifft, ziehen sie sich meistens darauf zurück, dass sie den staatlichen Mindestlohn für die Arbeiter fordern, der viel zu niedrig angesetzt ist. Stattdessen legen sie den Fokus auf Baumwollproduktion.

So werden bei C&A inzwischen gut 20 Prozent der Baumwoll-Kollektion aus Bio-Baumwolle hergestellt, bis 2020 will C&A gar keine herkömmliche Baumwolle mehr verwenden. Ihr Anbau gilt als problematisch, weil dafür extrem viel Wasser nötig ist und häufig Entlaubungsgifte eingesetzt werden.

Doch den weltweit anerkannten Umwelt-Standard Global Organic Textile (GOTS), der Nachhaltigkeit über die gesamte Lieferkette gewährleistet und soziale Belange umfasst, nutzt C&A nicht. Es verkauft Kollektionen unter dem Label „BioCotton“. Dabei sind 20 Prozent der Bioware GOTS-zertifiziert.

Dennoch erfreut sich das Label zunehmender Beachtung. Seit Gründung im Jahr 2008 haben immerhin 2800 Betriebe wie Garnerzeuger und Großhändler ihre Ware mit dem GOTS-Siegel labeln lassen. In den USA wurde GOTS offiziell als Biotextilstandard anerkannt. Allerdings fehlt es oft noch an Beständigkeit. „Vor allem in Indien haben wir eine hohe Fluktuation“, sagt Kersten. „Die Hersteller treten je nach Auftragslage ein oder aus.“

GOTS-Repräsentantin Claudia Kersten sagt, manche Händler nutzten das Siegel nicht, weil sie fürchten, dass dies bei Kunden ein schlechtes Licht auf Ware ohne GOTS-Label werfen könnte. „Die Unternehmen haben Angst, dass sie sich angreifbar machen, weil sie nicht durchgängig nachhaltig produzieren.“

Dennoch erfreut sich das Label zunehmender Beachtung. Seit Gründung im Jahr 2008 haben immerhin 2800 Betriebe wie Garnerzeuger und Großhändler ihre Ware mit dem GOTS-Siegel labeln lassen. In den USA wurde GOTS offiziell als Biotextilstandard anerkannt. Allerdings fehlt es oft noch an Beständigkeit. „Vor allem in Indien haben wir eine hohe Fluktuation“, sagt Kersten. „Die Hersteller treten je nach Auftragslage ein oder aus.“

Recycling bei H&M

GOTS sucht man auch bei H & M vergeblich. Die schwedische Textilkette bietet seit 2011 eine „Conscious Collection“ an, die Öko-Materialien enthält: recycelte Plastikflaschen, Hanf und „nachhaltigere“ Baumwolle. Dazu zählt H&M neben echter Bio-Faser auch recycelte Baumwolle und solche aus der mit Adidas und IKEA gegründeten „Better Cotton Initiative“ (BCI). Der Standard ist so etwas wie Bio „light:“ Er schreibt die Reduzierung von Pestiziden vor, verbietet sie aber nicht. Immerhin werden auch soziale Komponenten wie das Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit berücksichtigt. Der Anteil „nachhaltigerer“ Baumwolle dürfte derzeit bei geschätzten 15 Prozent liegen.

Discounter setzen auf Sonderposten

Discounter wie Aldi Süd setzten auf nachhaltige Sonderposten, sie bringen je einmal im Jahr GOTS-zertifizierte Bettwäsche-, Unterwäsche- und Yoga-Kollektionen auf den Markt. „Aldi nutzt das Siegel auch als Instrument zur Qualitätssicherung und zum Risikomanagement“, so Kersten. Sie ist überzeugt, dass nachhaltige Kleidung bei Verbrauchern ankommt, wenn sie einen Mehrwert bietet – etwa guten Tragekomfort – und wenn sie ohne zusätzlichen Aufwand zu haben ist.

Dem Problem, dass nachhaltiger Mode erst nach zeitraubender Recherche auffindbar ist, nimmt sich eine neue Internetseite an: Der Future Fashion Guide von Anna Litwak und ihrem Team filtert aus einem Pool von 150 Öko-Designermarken nicht nur die passenden Teile – etwa fair produzierte Herrenmode – sondern zeigt auch Geschäfte und Online-Shops in der Nähe an. Ein ähnliches Portal entwickelt derzeit auch Getchanged.net, ein Netzwerk für faire Mode aus der Schweiz. Starten soll es noch in diesem Frühjahr.

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