Der junge Mann mit der gepiercten Augenbraue greift noch schnell zu den Zigaretten in dem Regal, bevor er seine Einkäufe auf das Band an der Supermarktkasse legt. Die Packung wirkt auf dem Band wie ein Fremdkörper. Dort liegen fast nur Bio-Produkte.Längst haben Waren, die aus biologischem Anbau stammen, das Image des Körnerfutters für Gesundheitsfanatiker abgelegt. Sie sind massentauglich geworden, seitdem sie nicht mehr nur in Naturkostläden und Reformhäuser angeboten werden. Nach den Supermärkte haben auch Discounter erkannt, dass sich mit Bio-Produkten Geld verdienen lässt. Vorreiter war der Discounter Plus mit seiner vergleichsweise jungen Kundschaft, der seit drei Jahren Öko-Produkte im Sortiment führt. Aldi-Süd, dessen Filialen in West- und Süddeutschland liegen, zog nach. Netto kündigt für diesen Herbst die Aufnahme von Bio-Produkten ins Sortiment an. Bei Aldi-Nord, zu dessen Verkaufsgebiet Berlin gehört, scheint man dagegen den Boom zu verschlafen.Das könnte sich bald ändern, denn mit Lidl setzt ein Hauptkonkurrent zur Bio-Offensive an. Mit aufwändigen Sonderaktionen bewirbt Lidl den Verkauf von Nahrungsmitteln aus ökologischer Landwirtschaft. In einer "Bio-Woche" bot der Discounter kürzlich über 30 Artikel an - darunter Bio-Cappuccino, Bio-Wurst und Bio-Weißwein. Dadurch sollen noch mehr Kunden in die Märkte gelockt werden. Über eine dauerhafte Aufnahme der Bio-Produkte ins Sortiment sei noch nicht entschieden, heißt es bei Lidl.Pluspunkt im Verdrängungskampf"Der Bio-Markt ist ein wachsendes Segment," sagt Sabine Riedel von der Gesellschaft für Konsumforschung GfK. "Die Discounter sehen sich im Bereich kommerziell produzierter Waren gesättigten Märkten gegenüber. Deshalb suchen sie nach neuen Wegen, um zu wachsen. Da bieten Bio-Produkte auf jeden Fall Potenzial."In der Berliner Verbraucherzentrale bewertet man den Vorstoß der Discounter positiv. "Die Bio-Artikel der Discounter tragen das Öko-Gütesiegel nach der EG-Verordnung. Das steht für Qualität," sagt Verbraucherschützer Christoph Römer. "Es ist nur zu begrüßen, dass Bio nicht länger allein für die oberen Zehntausend erschwinglich ist." Warum Bio nicht länger teuer sein muss, erklärt er damit, dass die Discounter die Bio-Erzeugnisse in sehr viel größerer Menge abnehmen und deshalb billiger einkaufen können als Naturkostläden. Hinzu komme, dass Discounter ihre Produkte oder Produktkomponenten vermutlich billig im Ausland einkaufen.Sorge um QualitätsniveauRömer warnt aber zugleich davor, dass sich der Preisdruck der kommerziellen Lebensmittelbranche auf den Öko-Markt ausbreiten könnte. Es dürfe sich kein Preiskampf entwickeln, damit Biobetriebe nicht in den Zwang gerieten, an der Qualität zu sparen. "Bio ist häufig nicht zu teuer, sondern die anderen Lebensmittel sind meist zu billig."Beim Bioland-Verband, der wie einige andere Anbau-Verbände auch sein eigenes Öko-Siegel hat, sieht man die Billig-Konkurrenz gelassen. Obwohl die Waren der Bioland-Bauern deutlich teurer sind - bei der Erzeugung werden strengere Auflagen eingehalten als es die EU-Richtlinie fordert - erwartet der Verband kein Preisdiktat durch Discounter. "Die Folgen für das Bio-Preisniveau sind zwar noch nicht abzusehen, wir erwarten aber keine Kannibalisierungseffekte," sagt Verbandssprecher Gregor Pöpsel.Bei so viel Bio verliert der Verbraucher leicht den Überblick: Ist immer Bio drin, wo Bio draufsteht? Gibt es einen Unterschied zwischen Bio- und Öko? Tatsächlich bezeichnen Bio und Öko ein und dieselbe Sache, nämlich Waren, die aus ökologischem beziehungsweise biologischem Anbau stammen. Sicherheit, dass es sich um eine Öko-Ware handelt bieten nur Lebensmittel, die ein anerkanntes Öko-Siegel tragen.Als Mindestanforderung gilt hier das EU-Ökosiegel. Das sechseckige Gütesiegel gewährleistet, dass der Bauer keine chemisch-synthetischen Pflanzenschutz- und Düngemittel auf seinen Feldern einsetzt und dass die Böden durch wechselnde Fruchtfolgen geschont werden. Darüber hinaus garantiert das Gütesiegel der EU eine artgerechte Tierhaltung und es verbietet den Zusatz von Antibiotika im Tierfutter. Auch für den Einsatz von Gentechnik besteht ein generelles Verbot. Damit diese Vorgaben eingehalten werden, überprüfen amtlich zugelassene Kontrollstellen jeden Produktionsschritt sowie das fertige Produkt.Erzeugerverbände in Deutschland haben jeweils eigene Gütesiegel entwickelt. Diese Ökosiegel basieren auf den Vorgaben des EU-Ökosiegels, gehen aber noch über diese hinaus. Um beispielsweise das Bioland-Siegel zu erhalten, darf unter anderem Tierfutter nicht mit kommerziell hergestellten Bestandteilen gemischt werden. Das ist nach EU-Verordnung erlaubt.------------------------------Öko-BoomDie Nachfrage nach ökologisch hergestellten Lebensmitteln wächst. So stieg der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln 2004 um 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf ein Volumen von 3,5 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Die gesamte Nahrungsmittelbranche verzeichnete nach Auskunft des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels im gleichen Zeitraum lediglich ein Umsatzwachstum zwischen 0,5 Prozent und einem Prozent. Der Gesamtumsatz lag bei rund 150 Milliarden Euro.Die Preise für Bio-Lebensmittel variieren je nach Geschäftstyp deutlich, hat die Zentrale Markt- und Preisberichtstelle festgestellt. Beispielsweise bezahlt der Kunde im Naturkost-Fachgeschäft durchschnittlich 1,50 Euro für 250 Gramm deutsche Bio-Markenbutter. Im Supermarkt liegt der Preis im Schnitt bereits bei 1,44 Euro. Um 21 Cent billiger als im Fachgeschäft bekommt der Verbraucher die Bio-Butter beim Discounter. Hier kosten das 250-Gramm-Stück im Durchschnitt nur 1,29 Euro. Butter aus konventioneller Erzeugung kostet durchschnittlich 1,12 bis 0,70 Euro.Das EU-Gütesiegel gibt die Standard-Richtlinien vor, auf denen alle anderen Güte-Zertifikate aufbauen.------------------------------"Es ist zu begrüßen, dass Bio nicht länger allein für die oberen Zehntausend erschwinglich ist."Verbraucherschützer Christoph Römer------------------------------Grafik: Umsätze mit Öko-Lebensmitteln------------------------------Foto: Bio-Möhren im Bio-Supermarkt: Sinkende Preise machen ökologische Waren für Familien erschwinglicher.
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