KLEINMACHNOW. Der alte Wachtturm ist hässlich. Vom Vandalismus gezeichnet duckt er sich fast unbemerkt bei Kleinmachnow in die Landschaft, die von der Autobahn A 115 geteilt wird. Das Gelände ringsherum gehört heute zum Europarc Dreilinden, einem riesigen Gewerbegebiet. Bis 1989 befand sich an dieser Stelle eine der größten DDR-Grenzübergangsstellen - Drewitz/Dreilinden, von den Amerikanern Checkpoint Bravo genannt. Die Transitstrecke, die am Checkpoint Bravo begann, war für viele West-Berliner die Hauptverbindung ins Bundesgebiet. Auf der einst "östlichen" Seite ist der Kommandantenturm das einzig übrig gebliebene Gebäude. Unter DenkmalschutzDas Bauwerk bleibt der Nachwelt erhalten. Seit 1993 steht es unter Denkmalschutz, eine Parteien übergreifende Lobby sorgt sich um den Erhalt. Vor drei Jahren gründete sich der Verein Checkpoint Bravo, um im Turm eine Erinnerungs- und Begegnungsstätte aufzubauen. "Wir dürfen die Vergangenheit nicht vergessen", sagt die Vereinsvorsitzende Viktoria Brammer, eine Geschäftsfrau und aktive Christdemokratin. "Wir müssen darüber reden." Mitte der 90er-Jahre zog sie von Dahlem nach Kleinmachnow, wo sich die Familie ein Haus gebaut hat. Harry Hartig, früherer NVA-Oberstleutnant, lebt seit 1955 in Kleinmachnow. Er ist 73 Jahre alt, PDS-Fraktionschef im Ort und der Stellvertreter von Viktoria Brammer. Den 13. August 1961 erlebte Hartig als Lehrer an der Schule der Grenztruppen in Weimar, in der am Vorabend Gefechtsalarm ausgerufen worden war. "Angesichts der Massenflucht dachte auch ich, es muss etwas geschehen, sonst blutet die DDR aus", sagt er. Und habe es in den ersten Jahren danach nicht auch einen Aufwärtstrend gegeben? 1963 bereitete er das erste Passierscheinabkommen mit vor und hoffte auf eine Normalisierung des deutsch-deutschen Verhältnisses. Er erlebte das Gegenteil. Seit Ende der 60er-Jahre glaubte er nicht mehr an den Sinn der Mauer. An die DDR glaubte er noch lange. "Jahrelang haben wir im Clinch gelegen", sagt Viktoria Brammer. Und Hartig sagt: "Wir haben uns zusammengestritten." Die West-Frau und der Ost-Mann kämpfen jetzt mit Widerständen in der Gemeinde und in ihren Parteien. "Die waren nicht so froh, dass wir mit dem Projekt begonnen haben", sagt Brammer.Sie war 19 Jahre alt, als die Mauer gebaut wurde. Und sie erlebte fassungslos, "dass sich Leute hinstellen und einfach Stacheldraht ziehen". Dass die Alliierten nicht eingriffen, verstand sie nicht. Aus Angst mied die junge Frau lange die Nähe der Grenze. "Irgendwann wurde es zur Normalität, dass auch wir eingemauert waren", sagt sie heute. Gut in Erinnerung geblieben sind ihr die Stunden in der Warteschlange am Grenzübergang. Über Jahre befuhr sie einmal wöchentlich die Strecke. "Oft mussten wir nur aus Schikane so lange warten." Unheimlich sei ihr die graue DDR vorgekommen, sagt Brammer. Noch heute spürt sie manchmal die Angst vor dem ungewohnten Umfeld nach dem Passieren der Grenze. Sie wusste nichts über das Land, das ihr so fremd war. Menschen von der anderen Seite lernte sie erst nach ihrem Umzug kennen. Und sie lernte sie auch zu verstehen. "Wir müssen mehr miteinander als übereinander reden", sagt Brammer. "Schon im Interesse der Kinder und Enkel", sagt Hartig. Der Turm ist für sie zu einem Symbol geworden, einander zu akzeptieren und Verständnis füreinander zu entwickeln. Schwieriges ZusammenlebenKleinmachnow erlangte nach der Wiedervereinigung durch die enorme Zahl der Rückübertragungsansprüche traurige Berühmtheit. Rund die Hälfte der Einwohner musste ihre Häuser räumen. Familie Hartig gehörte dazu. "Es spielten sich Tragödien ab", sagt Hartig. "Bis hin zum Selbstmord." Diese jüngere Vergangenheit machte das Zusammenleben der Alt- und Neubürger nicht einfach. "Die Stimmung hat sich beruhigt, aber Befindlichkeiten sind noch zu spüren", sagt er und steigt die Eisentreppe zum Aussichtsgeschoss des Turmes hoch. Der Verein schätzt die Kosten, um den Turm in Stand zu setzen, auf 350 000 Mark. Aber die Spendenfreudigkeit ist nicht groß. "Lasst uns damit zufrieden", bekommt Hartig meist zu hören. "Wir werden mehr in die Offensive gehen mit unserem Konzept", sagt Brammer. Am Sonntag lädt der Verein von 15 bis 17 Uhr zur Turmbesichtigung ein. Mit einem Kaffee- und Kuchenbasar wollen Hartig und Brammer etwas Geld einsammeln.Baujahr 1969 // Der Grenzübergang Drewitz/Dreilinden wurde im September 1969 eingeweiht, nachdem die neue Trasse der A 115 fertig war. Die Baukosten der Kontrollstelle beliefen sich auf 50 Millionen DDR-Mark.Die Amerikaner nannten den Übergang Allied Checkpoint Bravo. Für Helmstedt galt der Name Checkpoint Alpha, für die Friedrichstraße Checkpoint Charlie.Jährlich passierten etwa 10 Millionen Menschen und 4,5 Millionen Fahrzeuge den Übergang. Hier begann die Hauptverbindung ins Bundesgebiet.Der Turm ist 6,70 Meter hoch und genau 6,55 mal 9,03 Meter groß.Am 1. Juni 1990 wurde der Turm offiziell geschlossen.Weitere Informationen im Internet: www. checkpoint-bravo. de GERALD ZÖRNER Der Turm soll zu einer Erinnerungsstätte ausgebaut werden. Ein Wachschutz schützt ihn jetzt vor weiteren Zerstörungen.
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